So, 19. August 2018

US-"Kill Mission"

02.05.2011 19:52

Bin Ladens "Versteck" mitten in der Zivilisation

Gemüsebeete, Obstbäume und verhältnismäßig wohnliche Häuser hinter meterhohen Mauern, die dann doch etwas Verdacht schöpfen lassen: So sieht das Areal in der pakistanischen Stadt Abbottabad aus, wo der Al-Kaida-Anführer Osama bin Laden in der Nacht auf Montag von einem CIA-Kommando gezielt getötet wurde. Nicht in den Berghöhlen Afghanistans und schon gar nicht, wie der ebenso gejagte irakische Diktator Saddam Hussein, in einem Erdloch wurde Bin Laden den Angaben zufolge geschnappt. Er hielt sich mitten in der Zivilisation versteckt - in einem durchaus gemütlichen Ambiente.

Dass nach der Ergreifung bzw. Tötung des meistgesuchten Terroristen der Welt ein Nachbar für O-Töne zur Verfügung stehen würde, hätte man sich wohl nicht träumen lassen. Aber bereitwillig schilderten am Montag Anrainer des Bin-Laden-Geländes, was sie von der Kommandoaktion in der Nacht mitbekommen hatten. Laut soll es gewesen sein, ein Feuer habe es gegeben, einer von drei eingesetzten Helikoptern sei abgestürzt, und viele Schüsse habe man vernommen. Danach kam das pakistanische Militär, riegelte die Gegend ab und baute auf dem Gelände einen Sichtschutz auf.

Viel mehr ist über die laut US-Angaben rund 40-minütige Aktion noch nicht bekannt. Die wenigen Geheimdienstler, die US-Medien anonym Auskunft geben, können eher darüber berichten, wie es dazu kam und wer das Kommando hatte. Demnach war es CIA-Chef Leon Panetta persönlich, der das 25-köpfige Einsatzkommando der US-Eliteeinheit Navy Seals vom CIA-Hauptquartier in Langley, Virginia, aus befehligte. Die Soldaten waren ihm von US-Präsident Barack Obama persönlich unterstellt worden. Als Kommandozentrale habe das Besprechungszimmer Panettas gedient. Der CIA-Chef wurde erst vergangene Woche von Obama als Nachfolger für den scheidenden Verteidigungsminister Robert Gates designiert.

"Versteck" umgeben von Behörden und Armee
Dass die Aktion streng geheim ablief und die sonst so kooperative CIA keinen noch so kleinen Fetzen ihrer Erkenntnisse mit den militärischen Verbündeten der USA teilte, verwundert die an "Black Ops" gewöhnte US-Öffentlichkeit kaum. Dafür sorgt umso mehr der letzte Aufenthaltsort Bin Ladens für allgemeine Verwunderung, lebte der Terrorpate demnach doch mitten in der Zivilisation. Abbottabad befindet sich nicht einmal eine Autostunde von der pakistanischen Haupstadt Islamabad entfernt, unter anderem sind dort zahlreiche Einheiten der pakistanischen Armee stationiert, es gibt fast alle zivilen Infrastruktureinrichtungen von Spitälern über Hochschulen bis Behörden. Einige Kommentatoren in US-Medien, die starke Zweifel an der von Obama genannten Unterstützung Pakistans bei der Operation äußerten, spekulierten, dass Bin Laden in seinem Versteck wohl behördliche Deckung erhalten habe (ausführlicher Bericht siehe Infobox). Wie sonst sollte er mitten in einem Wohngebiet unerkannt bleiben?

Das mehrstöckige Hauptgebäude auf dem weitläufigen, mit bis zu fünf Meter hohen Mauern umbauten Areal steht nur wenige Hundert Meter von einer Militärakademie entfernt, berichten pakistanische Medien. Anrainer schilderten, die Einfahrt sei ständig von zwei bewaffneten Männern bewacht gewesen. Wie US-Medien unter Berufung auf Geheimdienstkreise berichteten, führten keine Telefonleitungen zum Anwesen. Sogar ihren Müll sollen Bin Laden und sein Gefolge auf dem Anwesen verbrannt haben, um Außenstehenden ja keine Spuren zu legen.

Der US-amerikanische Fernsehsender ABC News veröffentlichte am Montag auf seiner Website eine Bilderstrecke aus dem Anwesen sowie ein einminütiges Video, das im Inneren eines Wohngebäudes auf dem Bin-Laden-Areal gedreht wurde. Es zeigt blutverschmierte Teppichböden, ein vermülltes Wohnzimmer und ein Bett mit ebenso blutverschmierten Laken. Eine Explosion scheint die Zimmer in dem Gebäude verwüstet zu haben.

Kurier brachte CIA-Agenten auf die Spur
Eine Spur hatte der US-Geheimdienst schon seit Jahren. Und zwar in Form eines Kuriers Bin Ladens. Der Mann war bei den Ermittlungen gegen den 9/11-Terroristen Khalid Sheikh Mohammed ins Visier der Agenten geraten und überwacht worden. Als er wiederholt im Anwesen in Abbottabad verkehrte, nahmen die Geheimdienstler das Areal genauer unter die Lupe und kamen zu dem Schluss, dass es sich unmöglich um den Wohnsitz des Kuriers handeln könne. Der beschützte und rund um die Uhr bewachte "Herr im Haus" müsste ein Ranghöherer sein.

US-Präsident Obama wurde erstmals im August 2010 informiert, dass es sich um den Aufenthaltsort Osama bin Ladens handeln könnte. Nach insgesamt neun verschworenen Treffen des Nationalen Sicherheitsrats fiel die Entscheidung zur "Kill Mission".

"Kill Mission" begann um Mitternacht
Am Sonntagnachmittag Washingtoner Zeit - kurz nach Mitternacht Ortszeit in Pakistan - war es so weit: Nach intensiver Vorbereitung auf die "komplexe und besonders gefährliche Operation" begann der Angriff des US-Elitekommandos Navy Seals. Die Soldaten kamen mit drei Hubschraubern. Bin Ladens Leute setzten sich zur Wehr. Bei dem Feuergefecht wurden drei Al-Kaida-Kämpfer am Boden getötet, darunter ein erwachsener Sohn Bin Ladens und zwei Brüder.

Auch mehrere Kinder und Frauen hielten sich auf dem Anwesen auf, eine der Frauen wurde von einem der männlichen Al-Kaida-Kämpfer als menschliches Schutzschild benutzt und starb, zwei weitere Frauen erlitten Verletzungen, berichten US-Medien. Keiner der Amerikaner kam zu Schaden, aber das Kommando verlor einen seiner Hubschrauber. Während Anrainer von einem Absturz berichteten, hieß es vonseiten der US-Armee, der Helikopter habe technische Probleme gehabt. Die Besatzung sei abgesprungen und habe das Fluggerät an Ort und Stelle gesprengt.

Bin Laden starb durch Kopfschuss
Wie CNN unter Berufung auf Kongressmitglieder in Washington berichtete, sei Bin Laden selbst durch einen Kopfschuss gestorben. Die Verhaftung des Terrorpaten sei nicht das Ziel gewesen, es habe sich um eine dezidierte "Kill Mission" gehandelt, so CNN. Später behauptete ein US-Vertreter dann allerdings, dass auch eine Festnahme Bin Ladens möglich gewesen wäre. "Er wehrte sich während des Gefechts. Daher töteten ihn die Einsatzkräfte am Boden. Sie waren darauf vorbereitet, ihn lebend gefangen zu nehmen, wenn er sich ergeben hätte."

Aus Militärkreisen verlautete, es seien bei dem Angriff keine Gefangenen gemacht worden. Zuvor hatte es noch geheißen, dass drei Ehefrauen des Top-Terroristen, sechs weitere Bin-Laden-Söhne sowie vier enge Mitstreiter festgenommen worden seien.

Leiche im Meer bestattet, um "Pilger-Grab" zu verhindern
Für Unmut bei Skeptikern sorgt aber zunächst noch das Fehlen von Beweisen für die Tötung des Terrorpaten. Bin Ladens Leiche ist im Einklang mit den muslimischen Traditionen im Meer bestattet worden, berichten US-Medien. Die Regierung dementierte nicht. Nach den Vorschriften des Islam muss die Leiche eines Muslims von männlichen Glaubensbrüdern gewaschen und innerhalb von 24 Stunden nach dem Tod bestattet werden. Für gewöhnlich wird der Leichnam in ein weißes Tuch gehüllt, auch bei der Seebestattung. US-Kommentatoren spekulierten, die US-Regierung habe durch die rasche Bestattung eine ordentliche Beisetzung und damit ein "Pilger-Grab" für den Terroristen verhindern wollen.

Islam-Gelehrte haben die Bestattung auf See allerdings kritisiert. "Diese Art der Beisetzung ist eine schwere Schändung des Islam", sagte Mahmoud Ashour von der Akademie für Islamische Forschungen an der einflussreichen Kairoer Al-Azhar-Universität. Ein weiterer Gelehrter der Universität, Abdel Mouti al-Bayoumi, sagte: "Die Wahl der Amerikaner, die Leiche von Osama bin Laden auf See zu bestatten, steht im Widerspruch zu den Prinzipien des Islam."

Seebestattungen würden nur durchgeführt, wenn man im Meer unterwegs sei und das Schiff weit von der Küste entfernt, sodass die Gefahr bestehe, dass sich die Leiche auflöse.

Leichenbild war Montage, Weißes Haus hält Fotos noch zurück
Am Montagvormittag gab es zunächst durch pakistanische TV-Sender eine vermeintliche Bestätigung, dass es sich bei dem Getöteten tatsächlich um den Terrorpaten handelte. Das vom Fernsehen verbreitete Bild der angeblichen Leiche Bin Ladens stellte sich jedoch als Montage heraus. Das Weiße Haus verfügt nach Informationen des US-Fernsehsenders CNN über Bilder der Leiche des Al-Kaida-Anführers, hat sich am Kopf erlitten habe. Bin Laden sei auf den Aufnahmen eindeutig zu erkennen, zitiert CNN US-Regierungsbeamte.

Vonseiten des US-Militärs hieß es zunächst, man habe die Identität des Terrorpaten mit einem Abgleich der biometrischen Daten bestätigt. Eine wenig später angefertigte Erbgut-Analyse beseitigte dann die letzten Zweifel. Die DNA-Probe Bin Ladens war mit Erbgut von nahen Verwandten abgeglichen worden.

Bin Laden bleibt auch tot auf "Most Wanted"-Liste
Die US-Bundespolizei FBI, die Osama bin Laden jahrelang in die Top Ten der von ihr gesuchten mutmaßlichen Terroristen reihte, führt den Al-Kaida-Führer inzwischen als "verstorben" ("deceased"). Bin Ladens Bild auf der "Most-Wanted"-Website des FBI wurde am Montag mit diesem, rot unterlegten Schriftzug versehen. Neu aufgerückt in die Top Ten ist bisher niemand. Auf der Liste befinden sich weiterhin fünf Männer mit Verbindungen zur Al-Kaida, darunter Bin Ladens Stellvertreter Ayman al-Zawahiri (Bericht siehe Infobox). Auf ihn hat das US-Außenministerium genauso wie auf Bin Laden selbst eine Belohnung in Höhe von 25 Millionen Dollar ausgesetzt.

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