Mi, 26. September 2018

Hüftimplantate

02.05.2011 22:03

Defekte Prothesen: Viele Österreicher betroffen

Zahlreiche Österreicher haben in den vergangenen Jahren vermutlich defekte Hüftprothesen eingesetzt bekommen. Hersteller DePuy spricht von 280 Implantationen. Besonders betroffen sollen Patienten in Vorarlberg und der Steiermark sein. Bei den Prothesen ist offenbar ein verstärkter Metallabrieb festgestellt worden.

Christoph Grager von der Patientenanwaltschaft Vorarlberg erklärte am Montag, dass "das für die Betroffenen beträchtliche Folgen haben" könne, da sich ein verstärkter Metallabrieb im Gewebe und im Blut einlagern könne. DePuy, ein Tochterunternehmen des US-Konzerns Johnson & Johnson, ließ die Produkte deshalb weltweit bereits 2010 zurückrufen.

In einer Erklärung des Unternehmens hieß es: "Wir verstehen, dass dieser Rückruf die Patienten besorgt, aber die Firma unterstützt die Betroffenen und lässt auch prüfen, ob sie Anspruch auf Schadenersatz haben. Und wir haben auch eine Hotline eingerichtet." Ein Leitfaden zum Rückruf wurde auf der Homepage des Herstellers veröffentlicht.

Auch nach den Angaben der AGES, der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit, hat das Unternehmen das Produkt aufgrund erhöhter Komplikationsraten - wie implantatbezogene Revisionsraten wegen Komponentenlockerung, fehlerhafte Komponentenausrichtung, Infektion, Knochenfraktur, Luxation, Metallüberempfindlichkeit sowie Schmerzen - und Metallabriebs zurückgerufen. Generell werde bei derartigen Implantaten von einer Revisionsrate (nachträgliches Entfernen der Implantate) von sechs bis acht Prozent innerhalb von fünf Jahren ausgegangen. Beim betroffenen Produkt seien es zwischen zwölf bis 15 Prozent.

88 Patienten in Vorarlberg
Insgesamt seien seit 2006, dem Jahr der Produkteinführung, 550 Hüftprothesen in der Alpenrepublik verkauft worden. Dies bedeute aber nicht, dass alle Implantate auch eingesetzt wurden, wie es am Montag aus der AGES hieß.

Nach Angaben von Gerald Fleisch, dem Direktor der Vorarlberger Krankenhausbetriebsgesellschaft, leben in Österreichs westlichstem Bundesland derzeit 88 Patienten mit insgesamt 99 von der Firma DePuy hergestellten Implantaten. Die überwiegende Mehrzahl der 99 in Vorarlberg vorgenommenen Implantationen ist laut Grager 2006 erfolgt. Der letzte Eingriff mit einer DePuy-Hüftprothese sei im April 2009 vorgenommen worden, sagte Fleisch. Anschließend habe es in der Medizinbranche "erste Verdachtsmomente gegeben, wonach bei diesem Produkt besonders viele Revisionen zu verzeichnen sind".

Die 88 Betroffenen wurden von der Krankenhausbetriebsgesellschaft in Kooperation mit der Patientenanwaltschaft nach der Rückrufaktion von DePuy bereits informiert. Acht davon ließen sich das künstliche Hüftgelenk schon wieder entfernen, vier weitere Operationen seien geplant. Bei der Patientenanwaltschaft hatten sich bis Montag früh zehn Betroffene gemeldet, am Vormittag kam eine weitere Person hinzu.

Metall-Belastung nicht sofort spürbar
"Ich hoffe, dass noch weitere der 88 Personen mit uns Kontakt aufnehmen", so Grager von der Patientenanwaltschaft. Manche der Operierten hätten keine Beschwerden, "es ist aber auch eine Metall-Belastung des Organismus nicht sofort spürbar". Ein Bluttest könne Aufklärung darüber bringen, ob Legierungsbestandteile in einem zu hohen Maß im Körper vorhanden sind.

In Sachen Schadenersatz will man sich bei der Vorarlberger Patientenanwaltschaft vorerst alle Optionen offenhalten. In Deutschland, wo 5.500 Personen betroffen sind, habe ein Anwalt bereits eine Strafanzeige eingebracht. Grager wies dabei insbesondere darauf hin, dass Hüftprothesen nicht beliebig oft eingesetzt werden könnten. Er rechne damit, dass DePuy einen Vergleichsvorschlag vorlegen werde.

Grüne fordern "Implantatregister"
Der Gesundheitssprecher der Grünen, Kurt Grünewald, forderte Gesundheitsminister Alois Stöger (SPÖ) in einer Aussendung auf, ein verpflichtendes "Implantatregister" zu installieren, um die Datenlage zu verbessern. Dafür plädierte auch die FPÖ. Ärztesprecher und FPÖ-Abgeordneter Andreas Karlsböck tritt für eine bessere Kontrolle ein, denn die mangelnde Produktsicherheit liege daran, dass lediglich die Unterlagen begutachtet würden, die der Hersteller einreiche.

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