13.12.2021 13:48 |

Pommers Feierabend

Den Kanzler versteht keiner!

Einen schönen Montagabend.

Als Karl Nehammer gestern von Echokammern sprach, saß er selbst in einer. Bei Kanzler-Antrittsinterviews gibt sich der ORF offenbar keine Mühe mehr. Es ist verständlich, so inflationär, wie sie geworden sind. Gespräche mit frisch angelobten Regierungschefs sind das neue „The Big Bang Theory“, das im Öffentlich-Rechtlichen rauf und runter gespielt wird, wenn nicht gerade „Bezaubernde Jeannie“ läuft. Die Serie über einen blonden Flaschengeist wurde übrigens in den Jahren 1965 bis 1970 produziert, nur falls Sie sich fragen, wo Ihre GIS-Gebühren jeden Monat hingezaubert werden. Selbst wenn das Interview am Sonntag in der 56 Jahre alten Wunderlampe stattgefunden hätte, ein schlimmerer Ton wäre kaum möglich gewesen. Es hallte wie in einem Badezimmer, und obwohl der ÖVP das Wasser bis zum Hals steht, wäre dies dann doch eine recht unkonventionelle Kulisse für ein TV-Gespräch gewesen. Die Probleme waren also rein technischer Natur.

Bei all den Worthülsen und den Einflüsterungen durch den Schattenkanzler hätte ich einen solchen Widerhall eher beim Schallenberg-Interview vermutet, doch dort war klar verständlich, was oben rausgekommen ist, zumindest im Klang. Mein erster Eindruck von gestern: Karl Nehammer stellte sich beim Interview gerne selbst Fragen (Was ist mir wichtig als Bundeskanzler?). Aber vermutlich hat er Corinna Milborn und Armin Wolf auch nicht verstanden. Und: Nehammer könnte länger Kanzler bleiben, als vielen lieb ist. Vielleicht sogar über den Frühling hinaus.

Ich war jetzt zwei Wochen nicht in der Redaktion, und bei meiner Rückkehr hatte ich jenes Gefühl, das sich einstellt, wenn die Produzenten einer Serie plötzlich die Hauptdarsteller austauschen. Sie wissen schon, weil die Schauspieler am Set andere als Arsch bezeichnen, bei Ermittlungen als Beschuldigte geführt werden oder es zu Hausdurchsuchungen gekommen ist, in der Politik freilich undenkbar, jedenfalls ist aus heiterem Himmel alles anders. Der Mann mit den Tierkrawatten hat der Flex Platz gemacht und die wiederum einem Dollfußmuseumsdirektor; der Bildungsminister ist vor allem bei der Frisur lang; Magnus Brunner ist jetzt Politiker mit Außenwirkung; der Doppel-Kurzzeitkanzler weg; der Blümel verwelkt. Habe ich jemanden vergessen? Bitte verzeihen Sie, ich habe kein fotografisches Gedächtnis. Am meisten werde ich, Sie ahnen es vielleicht, die Tierkrawatten im Kanzleramt vermissen. Ich habe Alexander Schallenberg extra eine zu Weihnachten gekauft. Zum Glück ist sie nur türkis, weil Chamäleons drauf sind. Ich kann sie also selber tragen.

In der „Wien-Krone“ und auf krone.at/wien schreiben wir über die aktuelle Corona-Situation, die wieder einmal niemand versteht. Am ersten Einkaufstag nach dem Lockdown sind die Shoppingmeilen voll, dafür hat die Gastro trotz guter Zahlen zu. Am kommenden Samstag werden wieder Corona-Leugner Passanten anspucken und dann Freunde treffen, dafür sitzen Schüler mit Omikron-Fällen in der Klasse fix über Weihnachten in Quarantäne. Keine Christkindlmärkte, kein Kindertheater, kein Staunen über die Weihnachtsbeleuchtung, außer durchs Wohnzimmerfenster. Ist ja auch erst das zweite Weihnachten, das wir ihnen versauen. So darf sich wirklich niemand wundern, wenn bis ans Lebensende nur noch Selbstgebasteltes unter dem Weihnachtsbaum liegt. Oder Tierkrawatten.

Ich wünsche einen schönen Feierabend, so Sie einen haben.

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