12.12.2021 07:35 |

Dramatische Situation

Unsere Postboten werden von Paketlawine überrollt

Alle Jahre wieder kommt mit dem Christkind auch die „Paket-Flut“. Bis zu 60.000 werden derzeit täglich im Ländle zugestellt. Die Postler kommen kaum noch nach und fühlen sich vom Management im Stich gelassen. Viele Mitarbeiter wie Christoph M. werfen das Handtuch.

Es ist 7 Uhr und Dienstbeginn für Christoph. Obwohl er gekündigt hat, will er anonym bleiben, um nicht noch in den letzten Wochen zusätzlich schikaniert zu werden. Als er in der Zustellbasis ankommt, stapeln sich die Pakete bereits meterhoch. Der Postler stellt mit dem Rad zu, muss also Pakete bis zu zwei Kilogramm transportieren. „Ich packe so viele wie möglich aufs Fahrrad. Das können dann schon bis zu 70 Stück sein“, berichtet er. Rund 1200 Haushalte beliefert Christoph M. täglich - zu viele, befindet er: „Die Zustellbezirke sind zu groß. Wenn jemand ausfällt und du einspringen musst, ist schnell der Punkt erreicht, an dem einfach nichts mehr geht.“

Kommt der Familienvater um 18 Uhr nach Hause, ist alles glatt gelaufen. Die Regel ist das aber nicht. „Meistens wird es 20 Uhr. Die Kinder schlafen dann schon, meine Frau ebenfalls. Die einzigen, die mich noch begrüßen, sind die Katzen.“ So lange Arbeitstage sind aktuell Standard - und das sechs Tage die Woche. „Am Samstag arbeiten ist zwar freiwillig, aber wenn du nicht kommst, wirst du vom angestauten Material am Montag erschlagen.“

Frustrierte Kunden
Klar ist, dass es durch die Paketflut, gepaart mit Personalmangel, auch zu einigen Verzögerungen bei der Zustellung kommt. Und so ist es wenig verwunderlich, dass der eine oder andere Kunde seinen Frust am stets bemühten Postler auslässt. „Die Reaktionen sind teilweise schon recht aggressiv. Das Schlimmste, das jemand mal zu mir gesagt hat, war, dass er mir die Fresse einschlagen will.“ Bereits vor einem halben Jahr hat sich Christoph Gedanken über seine Zukunft gemacht. „Ich habe mir geschworen, dass ich kündigen werde, wenn nicht bald mehr Personal eingestellt wird.“ Nachdem sich die Situation nicht gebessert hat, hat er nun den Schlussstrich gezogen. „Ich habe den Job wirklich gerne gemacht, aber für mich ist einfach der Punkt erreicht, an dem ich sagen muss, das mache ich nicht mehr mit!“

Für seine Entscheidung gibt es mehrere Faktoren. „Es ist ständig zu wenig Personal da. Außerdem ist das Grundgehalt viel zu niedrig. Wenn ich in den Ruhestand gehe, wird mir das auf den Kopf fallen. Mit einer Minipension kannst du in einem Hochpreisland wie Vorarlberg einfach keine Familie unterhalten.“ Wo liegt der Fehler? „Es braucht mehr Lohn, die Zustellbezirke müssen kleiner werden. Dann ist es auch leichter, Leute zu finden. Unter den jetzigen Bedingungen tut sich das doch keiner mehr an“, meint Christoph. Auch viele seiner langjährigen Kollegen denken ähnlich, überlegen ebenfalls, den Job hinzuschmeißen.

Hohe Fluktuation
Die Personalfluktuation ist enorm, bestätigt Betriebsrat Franz Mähr. Der Gewerkschafter kämpft seit Jahren für Verbesserungen im Betrieb. Dafür hat er sich auch schon Klagen vonseiten des Postmanagements eingehandelt. Geändert hat sich all den Jahren aber nicht wirklich etwas: „Viele neu eingestellte Kollegen gehen gleich am ersten Tag oder innerhalb der Probezeit wieder. Traurig ist, dass auch immer mehr alteingesessene Postler, den Job nicht mehr machen wollen“, verrät Mähr. Ankündigungen des Postmanagements, mehr Personal einzustellen, blieben bislang unerfüllt. Vor Weihnachten sollten zusätzlich 30 Zusteller rekrutiert werden. „Nicht einmal das hat geklappt. Und eigentlich bräuchten wir das Doppelte an zusätzlichen Kräften.“

Bei einem Krisengipfel Ende November hat das Management neuerlich angekündigt, österreichweit 1500 zusätzliche Stellen schaffen zu wollen. „Das ist schön und gut, aber wenn ich die Menschen dafür nicht finde, ist das sinnlos“, kritisiert Mähr. Der Gewerkschafter fordert einmal mehr bessere Arbeitsbedingungen - angefangen beim Lohn. „Für 1646 Euro brutto wirst du kaum jemanden finden.“ Ähnlich wie Christoph beurteilt er die Größe der Zustellbezirke. „Die Arbeit ist in der vorgegebenen Zeit nicht zu schaffen.“ Ein Licht am Ende des Tunnels sieht Mähr nicht, zuvor müsse bei der Post eine grundsätzliche Richtungsentscheidung getroffen werden.

Christoph muss sich darüber keine Gedanken mehr machen. Er freut sich auf den neuen Job. „Ich habe endlich regelmäßige Arbeitszeiten und einen ordentlichen Lohn.“ Und auch die Weihnachtstage kann er dann in Ruhe mit seiner Familie verbringen.

Philipp Vondrak
Philipp Vondrak
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