Kein Ende des Leids

Schneefälle und Kälte erschweren Rettungsarbeiten

Ausland
16.03.2011 17:20
Im Nordosten Japans, dem eigentlichen Katastrophengebiet, erschweren Schneeschauer die Rettungsarbeiten. Helfer kämpfen sich im Gestöber mühsam durch die Einöde, in der vorige Woche noch Häuser und Fabriken standen. Sie suchen weiter nach Überlebenden, doch meistens ziehen sie nur Leichen unter den Trümmern hervor, die sie in bunte Tücher wickeln und in der düsteren Landschaft ordentlich aufreihen. Die Überlebenden kämpfen inzwischen mit der eisigen Kälte. Es wird vermutet, dass durch die Naturgewalten mindestens 10.000 Menschen getötet wurden, Zehntausende werden nach wie vor vermisst.

Als wäre die Lage nicht schon schlimm genug, müssen die durch die Erdbebenkatastrophe und den Tsunami obdachlosen Menschen im Nordosten der Hauptinsel Honshu nun in ihren Notlagern auch noch eisige Temperaturen unter dem Gefrierpunkt erleiden. Die Feuerwehr hat ihre Arbeit weitgehend eingestellt, die Brandbekämpfer befürchten, wegen der starken Schneefälle nicht zur Feuerwache zurückkehren zu können.

Maximal 40 Meter Sichtweite
"Der Schnee kam flächendeckend. Wir können gerade mal 40 Meter weit schauen", klagte Patrick Fuller vom internationalen Roten Kreuz. Er ist in Otsuchi tätig - oder eigentlich in dem, was von dem Fischerdorf noch übrig geblieben ist. Helfer machen sich in erster Linie um die älteren Menschen Sorgen, der Mehrheit in den Zufluchtsstätten. "Sie haben eine sehr harte Zeit", so Fuller. "Sie brauchen regelmäßig Medikamente und eine ordentliche Pflege. Viele Probleme sind psychologischer Natur. Die Leute sind extrem belastet."

Viele dieser älteren Überlebenden sitzen traumatisiert auf Decken und warten - nicht genau wissend, worauf eigentlich. "Unmittelbar nach dem Erdbeben sollte ich so schnell als möglich das Weite suchen. Ich konnte nichts mitnehmen", schildert die grauhaarige Kiyoko Abe in einem Zufluchtsort in Ishimomaki. Ihr Ehemann sitzt neben ihr und wischt sich gelegentlich Tränen aus dem Gesicht.

Die Wetterprognosen lassen auch nicht gerade auf eine Verbesserung der tristen Lage hoffen. "Heute, morgen und übermorgen ist die Situation noch kritisch mit Temperaturen um die null Grad", sagte Christian Csekits von der ZAMG in Wien am Mittwoch über die Wettersituation im Nordosten Japans. Bis inklusive Freitag werden sich die Tageshöchsttemperaturen um minus zwei bis höchstens plus drei Grad Celsius bewegen, für den Donnerstag sind laut Csekits erneut Schneeschauer zu erwarten. Das Wochenende soll zwar kurzzeitig eine Erwärmung bringen, danach steht allerdings wieder kaltes und nasses Wetter bevor.

Was viele Menschen an der Nordostküste durchmachen, lässt sich schwer in Worte fassen. In Schulen und Turnhallen sitzen sie beisammen, obdachlos, erschöpft, ohne Strom, Wasser und Nahrung. Sie versuchen verzweifelt, sich in der Kälte warmzuhalten, einige brechen immer wieder auf und suchen nach vermissten Angehörigen. Und über alledem schwebt die Gefahr der radioaktiven Verseuchung (siehe separate Story in der Infobox).

"Überleben im Vordergerund"
Die ist gerade jedoch nicht das drängendste Problem für die Menschen an den Küsten der Provinzen Miyagi und Iwate. "Die Leute haben schlichtweg keine Zeit und keinen Nerv, jetzt permanent die Nachrichten zu verfolgen. Sie sind ständig damit beschäftigt, sich warmzuhalten, genügend zu essen zu haben, sicher zu sein und Lebensmittel zu bekommen", erzählt dpa-Korrespondent Lars Nicolaysen. "Das tägliche Überleben steht im Vordergrund." Trotzdem ertragen die Menschen ihre verzweifelte Lage mit bewundernswerter Disziplin. Geduldig stehen sie an, wenn ein Tankwagen Trinkwasser bringt oder wenn sie an Tankstellen noch etwas Benzin und Heizöl bekommen können. "Sie beschweren sich nicht, sie weinen nicht, sie nehmen alles mit Würde", so Nicolaysen.

Mindestens 1,6 Millionen Haushalte sind nach der Katastrophe noch immer ohne Strom oder fließendes Wasser, berichtet der Sender NHK am Mittwoch unter Berufung auf das Gesundheitsministerium. Etwa 500.000 Menschen leben in rund 2.400 Notunterkünften. Sie können nicht einmal Kontakt zu ihren Familien und Freunden im Süden aufnehmen, denn auch die Kommunikationsnetze liegen vielerorts seit dem Beben lahm. Zudem haben viele internationale Helfer das Land aus Angst vor radioaktiver Strahlung schon wieder verlassen.

Japans Verteidigungsministerium hat am Mittwoch die Entsendung von Tausenden Reservisten in den Nordosten der Hauptinsel Honshu angekündigt. Rund 6.400 Reservisten würden zur Verstärkung der 70.000 Soldaten entsandt, die bereits im Einsatz seien, erklärte das Ministerium am Mittwoch. Insgesamt sollen 100.000 reguläre Soldaten bei den Rettungs- und Aufräumarbeiten helfen - das sind rund 40 Prozent der japanischen Streitkräfte.

Gespenstische Ruhe in Tokio
Unterdessen war es am Mittwoch in der sonst lärmenden Millionenmetropole Tokio extrem ruhig. Die Straßen waren leer, viele Büros und Schulen geschlossen. Aus Angst vor radioaktiver Verseuchung blieben immer mehr Menschen zu Hause. Sie fürchteten, dass der Wind Strahlung vom rund 250 Kilometer entfernten Katastrophen-Kraftwerk Fukushima nach Tokio weht. Die starken Böen der vergangenen Tage haben die Angst noch verstärkt. Die ständigen Stromausfälle und der ausgedünnte Fahrplan der Bahn tun ein Übriges. Grund sind die Energieausfälle infolge der Atomkatastrophe.

Viele Firmen haben ihren Mitarbeitern empfohlen, daheimzubleiben. Deshalb herrschte zur Mittagszeit in den sonst brechend vollen Sushi- und Nudel-Restaurants gähnende Leere. Wer es sich leisten kann, versucht in andere Städte oder gleich ins Ausland zu kommen.

Kaiser Akihito "zutiefst besorgt"
Fünf Tage nach der Erdbeben- und Tsunami-Katastrophe hat sich auch erstmals Kaiser Akihito, der in der Bevölkerung hohes Ansehen genießt, in der Öffentlichkeit gezeigt. Er sei "zutiefst besorgt" über die Situation im Land, erklärte der 77-Jährige in einer Fernsehansprache am Mittwoch. Er beklagte die große Zahl der Menschen, die bei der Naturkatastrophe ums Leben kamen. "Die Zahl der Toten steigt von Tag zu Tag, und wir wissen nicht, wie viele Menschen gestorben sind." Er bete für die Sicherheit der "größtmöglichen Anzahl von Menschen".

Der Kaiser, zeigt sich sehr selten in der Öffentlichkeit. Nach Angaben eines Sprechers war es überhaupt das erste Mal, dass er sich nach einer Naturkatastrophe an die Bevölkerung wandte.

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