06.09.2021 06:30 |

Altes Handwerk

Die Letzten: „Wenn die Leut’ mehr spinnen würden“

In seiner Serie „Die Letzten“ porträtiert Autor Robert Schneider Menschen, die einem alten Handwerk nachgehen. In dieser Woche hat er die Spinnerin Margarete Petrischek auf der Alpe besucht.

Nach den Tagen des Starkregens reißt der Himmel auf. Die Luft ist gläsern, als wäre sie reingewaschen. Ich fahre ins Klostertal am Arlberg, wo ich auf der Thüringer Schafalpe Margarete Petrischek treffe, die mir das uralte Handwerk der Schafwollspinnerei zeigen will. Von Klösterle führt ein sich steil schlängelnder Forstweg auf rund 1800 Meter hinauf, wo die Alpe liegt. Die kleine Hütte oberhalb der Baumgrenze schmiegt sich an einen Steilhang aus Gras- und Zwergstrauchheide. Dahinter erhebt sich schon das hochalpine Gebirge. Die Eisentaler Spitzen haben sich über Nacht eine weiße Decke geliehen. Erster Schnee ist gefallen. Die Luft ist kalt.

Seit fast einem Jahrzehnt sommert Margarete hier oben über 300 Schafe, die sich auf ein raues, weitläufiges Gebiet verteilen. Da die Hütte nicht bewirtschaftet ist, kommen nicht viele Wanderer vorbei. „Ich bin gerne allein. Ich liebe die Stille, die manchmal auch sehr laut sein kann, wenn nach einem Unwetter die Gebirgsbäche von überall her rauschen“, sagt sie mit ruhiger Stimme. Angst habe sie überhaupt keine, so mausallein als Frau. „Wovor auch?“

Das Knacken im Gebälk, der prasselnde Regen, der Nebel, der blitzschnell aufziehen kann, wo man in wenigen Sekunden die Orientierung verliert, der Wind, ... das alles „finde ich sehr prickelnd“. Sorge habe sie nur um die Tiere, für die sie verantwortlich ist, „wenn ich nachts im warmen Bett in der Kammer liege, sie aber aber im Freien Unwetter und Kälte überstehen müssen.“

In den ruhigen Stunden pflegt sie ein Handwerk, das der gebürtigen Steirerin zu einer Art Meditation geworden ist. Sie spinnt Schafgarn. „Mich faszinierte der Gedanke, wie man beim Anblick eines Schafes zu einer Wolldecke, einem Pullover oder Teppich kommt. Alle diese Schritte wollte ich lernen.“

Luftgetrocknetes Schafshaar
Auf einem kleinen Tisch liegt ein noch unbehandeltes Vlies, das sie jetzt in zahllosen Schritten säubern wird. Vorsichtig zupft und dehnt sie die einzelnen Locken oder Stapel, entfernt kleines Geäst, Stallstreu und sonstige Verunreinigungen. Das Vlies ist noch von Lanolin getränkt, dem Wollfett, das die Schafe natürlich trocken hält. Danach wird es in drei bis vier Waschgängen mit warmem Wasser und Kernseife gewaschen, im Brunnen vorsichtig ausgespült und schließlich etwa zwei Tage lang luftgetrocknet. Die folgenden Abläufe demonstriert Margarete in der Alphütte an einer sogenannten Karde. Das ist ein Gerät mit einer Handkurbel und zwei stacheligen Walzen. Die Faserflocken werden gleichmäßig vorgelegt und mittels Drehen der Zufuhrwalze vom Tambur erfasst. Das bewirkt einerseits, dass die Fasern geöffnet und parallelisiert werden, andererseits wird durch die hohe Drehgeschwindigkeit abermals Staub und Schmutz abgeworfen. „Sind die Fasern etwas gröber, kardiere ich mit Handkarden, weil die Wolle dann einfach besser gekämmt ist. Das wird dann gerollt und kann direkt versponnen werden.“

Gleichmäßiges Spinnen ist gefragt
Ist das Vlies endlich zum Spinnen bereit, wird es vorsichtig in dünne Streifen abgeteilt. Schließlich geht es ans Spinnrad selbst, wo der Faden gesponnen wird. Danach werden zwei oder drei Einzelfäden an einem größeren Spinnrad verzwirnt bzw. verdrillt. Das benötigt sehr viel Geschick, soll der Faden gleichmäßig gesponnen sein.

Und ganz am Ende lerne ich, woher eigentlich der Begriff „sich verhaspeln“ rührt. Ist die Spule nämlich voll, wird der gezwirnte Faden auf eine Kreuzhaspel aufgewickelt. Sie besteht aus einem Rundholz, an dessen Ende jeweils ein Querholm angebracht ist. Durch das Aufwickeln wird die Länge des Strangs berechnet. Da kann es schon mal vorkommen, dass man sich verhaspelt, also verzählt.

Es ist faszinierend, Margarete Petrischek bei der Arbeit zuzusehen. Die Monotonie der sich ewig wiederholenden Bewegungen und Handgriffe vermittelt eine unglaubliche Ruhe, die durch die Stille hier oben auf der Alpe noch verstärkt wird.

Dabei hat Margarete zu dieser Ruhe erst schmerzlich zurückfinden müssen, wie sie erzählt. Von Beruf ist sie Physiotherapeutin. Als junge Frau wollte sie alles, war ehrgeizig, lehrte und war mit Herzblut Therapeutin im Bereich Neurorehabilitation, zog drei Töchter groß, bis sie eines Tages, im Jahr 2011, an den Punkt kam, wo nichts mehr ging.

Ihr ambitioniertes Leben hatte sie an den körperlichen und seelischen Zusammenbruch geführt. Die Ehe zerbrach. Bei einem Reha-Aufenthalt lernte sie zufällig den damaligen Hirten der Thüringer Schafalpe kennen. Und weil sie als Kind mit ihrer Mutter die Ferien auf einer ähnlichen Alpe in Tirol zugebracht hatte, war ihr der Ort hier sofort vertraut.

Margarete fand den Mut, ihr Leben radikal zu verändern. „Aber egal, wo man ist, man entkommt sich nicht. Auch nicht auf einer Alm. Das sind romantische Vorstellungen. Mit dem Spinnen habe ich mir, so komisch das klingt, einen neuen Lebensfaden gesponnen“, erzählt sie und fügt noch ein Wortspiel hinzu: „Wenn die Leut’ mehr spinnen würden, wär’ die Welt vielleicht ein wenig besser.“

Robert Schneider
Robert Schneider
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