Tagespapi René (25)

„Ich liebe die Kinder, als wären sie meine“

René Schindlegger ist der einzige Tagesvater in Oberösterreich. Zu Beginn des Jahres hat er seine Ausbildung abgeschlossen, seither ist er völlig ausgebucht. Ein junger Mann, der, wie er selbst sagt, seine Berufung gefunden hat.

„Krone“:25 Jahre jung, männlich und seit zehn Monaten Tagesvater. Warum der Wechsel? Sie waren davor in einer komplett anderen Branche beruflich unterwegs.
René Schindlegger: Ich habe im Verkauf gelernt, dann relativ schnell viel Verantwortung übernommen – war Filialleiter, Filialleiterstellvertreter. Das hat mir dann aber irgendwann nicht mehr den Boost gegeben. Ich dachte mir ,Nein das ist nicht mehr meins’. Ich war schon immer sehr kommunikativ, wollte immer bei den Menschen sein und hab’ mich dann dazu entschieden, das zu machen, was ich eigentlich schon gerne nach der Hauptschule gemacht hätte. Damals war ich dazu noch nicht bereit, aber jetzt traue ich es mir zu, auf kleine Kinder aufzupassen. Es ist eine Riesenverantwortung, die Kinder wissen noch nicht wie groß die Welt ist oder welche Gefahren da draußen lauern. Ich bin relativ stolz darauf, dass ich der einzige Mann in Oberösterreich bin, der diesen Job ausübt.

Wie hat Ihr Umfeld auf den doch drastischen Schritt zum Tagespapi reagiert?
Es waren sehr viele skeptisch. Die haben gesagt, mach das nicht, du verdienst so wenig und du wirst sehen, dass wird dir nicht taugen’. Ich wollte das aber einfach probieren und schauen, ob ich das schaffe. Die Mehrheit war oder ist aber stolz auf mich. Und sie sehen mich voll in dem Beruf, weil es ist einfach meine Berufung. Ich liebe die Kinder, auch wenn sie nicht meine eigenen sind. Es ist einfach etwas total Schönes.

Gab es je einen Tag oder einen Moment, wo Sie den Schritt bereut haben?
Den Moment hab’ ich noch nie gehabt. Natürlich gibt es Tage, wo ich mir denke: ,Boah heute haben sie es ordentlich drauf, sind sie ungut.’ Wenn ein grantiges Kind in der Früh kommt, färbt das relativ schnell auf die anderen Kleinen ab.

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Kinder sind oft geduldiger als Erwachsene. Wenn sie hinfallen, stehen sie einfach wieder auf. Und genau das fehlt leider vielen Erwachsenen.

René Schindlegger

Was gibt Ihnen das Gefühl, dass der Schritt genau der richtige war? Was fasziniert Sie am zusammenarbeiten mit Kindern?
Die Ehrlichkeit der Kinder geht mir oft sehr nahe. Wenn dich eines umarmt, oder sie drücken dir ein Bussi auf die Wange, ist das etwas Wertvolles. Weil man weiß, dass ist mehr als hundert Prozent ehrlich. Und das gibt mir so viel mehr, als wenn mich ein Chef lobt. Das ist das, was mich jeden Tag motiviert. Und dann weiß ich, das ist genau der Job, den ich haben wollte.

Sie beschäftigen sich von Montag bis Freitag mit Kindern. Was kann man Ihrer Meinung nach als Erwachsener von ihnen lernen?
Kinder sind oft viel geduldiger als Erwachsene. Für ein Kind sind fünf bis sechs Minuten extrem lange und die sitzen dann da und beschäftigen sich mit den Bausteinen oder dem Spiel, bis sie es geschafft haben. Wenn sie hinfallen, stehen sie einfach auf. Und genau das fehlt vielen Erwachsenen. Ich persönlich hab’ in den vergangenen zehn Monaten von den Kinder viel gelernt.

Von Anfang an waren Sie bei den Kindern und den Eltern sehr beliebt. Freie Termine gibt es erst wieder 2022. Was zeichnet Sie aus?
Das weiß ich selber nicht. Ich bin einfach ich, ich verstelle mich nicht und bin authentisch. Das was ich heute mache, hab’ ich früher schon bei meinen Geschwistern und Neffen gemacht. Es waren aber auch viele alleinerziehende Mütter dabei, die einen Mann als Erzieher haben wollen.

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Wenn dich ein Kind umarmt oder dir ein Bussi gibt, ist das etwas Wertvolles. Das gibt mir viel mehr als ein Lob von einem Vorgesetzten.

René Schindlegger

Im Normalfall bleiben die Kleinen über einen längeren Zeitraum zur Betreuung bei Ihnen. Wie schnell können Sie eine Bindung zu den Tageskindern aufbauen?
Wir haben zu Beginn immer ein Schnuppergespräch mit den Eltern und dem Kind. Da lernt man sich das erste Mal kennen. Dann entscheiden immer die Eltern, wie lange das Kind bei mir bleibt. Ein einjähriger Bub ist zum Beispiel jetzt schon ein halbes Jahr bei mir, da entsteht dann schon eine lange und innige Beziehung. Ich habe immer zwei weinende Augen, wenn die Kinder nicht mehr zur Betreuung kommen, da zerreißt es mir mein kleines Herzerl. Weil ich schließe wirklich alle Kinder in kurzer Zeit sehr ins Herz.

Sie sind beim Verein „Aktion Tagesmütter Oberösterreich“ der einzige Mann. Was können Sie Interessierten mit auf den Weg geben?
Einfach trauen und den Schritt wagen. Es fehlen in dem Beruf viele junge Männer. Kinder brauchen einen männlichen Part, egal ob im Kindergarten, Hort oder eben wie ich als Tagespapi. Es war für mich auch ein Entwicklungsprozess, wer weiß, vielleicht wäre ich heute sonst noch immer im Verkauf. Aber ich bereue diesen Schritt keinen einzigen Tag.

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Ich sehe es jedes Mal mit zwei weinenden Augen, wenn die Kinder nicht mehr zur Betreuung kommen, da zerreißt es mir mein kleines Herzerl.

René Schindlegger

Wie kann man sich die Ausbildung zum Tagesvater oder zur Tagesmutter vorstellen?
Die Ausbildung dauert drei Monate, meistens fängt der Block im Herbst an. Jetzt ist es in vier Wochen wieder soweit. Die Ausbildung ist sehr ausgiebig. Man lernt nicht nur den Tagesvater, sondern es ist ein Kombilehrgang. Man lernt Kindergarten-, Hort- und Krabbelstubenhelfer. Mit dem Lehrgang hat man dann eigentlich gleich vier Berufe abgedeckt. Man lernt alles was Kinder betrifft, die Elternarbeit, Entwicklungspsychologie, Pädagogik oder Didaktik. Ich hab in den drei Monaten sehr viel gelernt, auch zu meiner eigenen Person.

 OÖ-Krone
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Montag, 27. September 2021
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