Todesangst in Kabul

Nun droht Afghanistan Rückfall ins Mittelalter

Ausland
15.08.2021 06:00

Vor 20 Jahren wurden die Taliban gestürzt. Auch Österreichs Soldaten brachten Hoffnung - jetzt läuft der Rachefeldzug der Gotteskrieger!

Auf Patrouille mit dem Jagdkommando in Kabul. Diese erste Begegnung mit Afghanen im März 2002 erweckt sowohl bei den Soldaten als auch beim „Krone“-Reporter den Eindruck einer irrealen Zeitreise ins Mittelalter. Aus Ruinen klettern verstörte Kinder. Unter Burkas verhüllte Frauen wagen sich verängstigt aus Verstecken. Ausgemergelte Veteranen und verwirrte Versehrte umringen zögerlich die Soldaten. Denn diese Militärs aus dem fernen Land verkörpern für sie eines: Hoffnung!

„Krone“- Reporter Matzl begleitete das Jagdkommando 2002 in Kabul. (Bild: Bundesheer/HARTL)
„Krone“- Reporter Matzl begleitete das Jagdkommando 2002 in Kabul.

Islamisten verboten Drachensteigen
Die Befreiten hoffen, dass es nach dem jahrelangen Terror der Taliban endlich wieder genug zu essen, wärmendes Feuer, offene Schulen und Freude - kurzum: Frieden im Land gibt. Denn in ihrer Besessenheit hatten die Extrem-Islamisten so vieles verboten. Nicht nur den Unterricht für Mädchen. Auch das beliebte Drachensteigen war den Kindern untersagt. Weil das bekanntlich Spaß macht. Doch Lachen und Freude war - und ist auch heute noch - für die Sittenwächter etwas absolut Unnützes.

Auslöser des internationalen Militäreinsatzes gegen das Taliban-Regime war der Al-Kaida-Anschlag auf die New Yorker Twin Towers vom 11. September 2001. Für die USA galt Afghanistan als Rückzugsgebiet Bin Ladens und als Brutstätte der Islamisten. So lautete Georg W. Bushs Antwort auf den Angriff auf das Herz der USA: Wir vernichten das Taliban-Kalifat!

Kabul 2002: Soldaten aus Österreich werden neugierig umringt. (Bild: Christoph Matzl)
Kabul 2002: Soldaten aus Österreich werden neugierig umringt.

Bundesheer schickte 2002 erste Soldaten
Und nachdem die UNO mit der Resolution 1386 einen „friedenserzwingenden Einsatz“ genehmigt hatte, schickte auch Österreichs Regierung 75 Soldaten ins Land am Hindukusch. Vorerst unterstützte das rot-weiß-rote Kontingent die ISAF-Truppe (International Security Assistance Force) bis zum 11. Dezember 2002. Dabei galt es, Wach- und Patrouillendienste zu übernehmen und Afghanistan beim Aufbau einer verlässlichen Sicherheitstruppe zu unterstützen.

Es entwickelte sich sogar Kameradschaft zwischen den Militärs aus Austria und Afghanistan. Mitunter mit eher skurrilen Einlagen. Etwa bei der ersten gemischten Patrouille: Denn als Zeichen der Freundschaft boten Paschtunen-Krieger den österreichischen Soldaten und dem Reporter einen „Afghanen“ (schwarzes Haschisch) zum Rauchen an.

Jugendliche vor einem österreichischen Panzer in Kunduz, aufgenommen im August 2005 (Bild: APA/HBF/Peter Lechner)
Jugendliche vor einem österreichischen Panzer in Kunduz, aufgenommen im August 2005

Vom Juli bis zum Oktober 2005 verlegte das Bundesheer erneut hundert Soldaten. Diesmal in die Provinzhauptstadt Kunduz, um die ersten Provinz- und Parlamentswahlen zu sichern. Heute, 16 Jahre nach der rot-weiß-roten Friedensmission, gleicht Kunduz einem Ort des Grauens. Vor einer Woche eroberten die Islamisten nach dem übereilten NATO-Abzug die Stadt. Eiskalt köpften sie wehrlose Kinder und erbeuteten Kriegsgerät aus aufgegebenen Stellungen.

Deutschland: „Kein Cent mehr, wenn Taliban Scharia einführen“
Eine Apokalypse, die Deutschland ebenso mit Entsetzen verfolgt. Schließlich wurde Kunduz zehn Jahre lang von Bundeswehr-Truppen gesichert. Die meisten der 59 getöteten Deutschen kamen dort ums Leben – bei Taliban-Anschlägen aus dem Hinterhalt. 150.000 Bundeswehr-Soldaten standen bislang am Hindukusch im Einsatz. Pro Jahr zahlt Deutschland 430 Millionen Euro an Afghanistan. Für Außenminister Heiko Maas Grund genug, um Klartext zu sprechen: „Wir werden keinen Cent mehr nach Afghanistan geben, wenn die Taliban die Scharia einführen und das Land zum Kalifat wird!“

Taliban zerren „Diebe“ an Stricken um den Hals durch Herat
Verstörende Szenen spielen sich auch in der Stadt Herat ab, die vor Kurzem an die Islamisten fiel: Auf Twitter kursieren Fotos und Videos, auf denen zu sehen ist, wie die Taliban mutmaßliche Diebe mit geschwärzten Gesichtern an Stricken um den Hals durch die Straßen ziehen - unter dem Jubel der Umstehenden. Ein Vorgeschmack darauf, was blüht, sollten die Islamisten tatsächlich wieder die Macht im Land übernehmen.

Kabul im August 2021: verstörte Kinder und verängstigte Frauen, verwirrte Veteranen und Versehrte. Allesamt auf der Flucht vor dem Todessturm der Taliban - denn fällt Kabul, droht Afghanistan Schlimmes: der Rückfall ins Mittelalter.

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