21.06.2021 05:00 |

Epithetik

Neues Gesicht aus Silikon

Verliert ein Mensch durch Unfall oder schwere Krankheit Nase, Ohr, Auge etc., können dank moderner Epithetik die fehlenden Körperteile durch täuschend echte Nachbildungen ersetzt werden.

Bösartige Wucherungen, Verbrennungen oder Verletzungen an Haut und Schleimhaut können mitunter so schwerwiegend sein, dass den Patienten Teile ihres Gesichts chirurgisch entfernt werden müssen. Dies bedeutet - zusätzlich zu den Folgen der Erkrankung - eine enorme psychische Belastung. Die Erscheinung ist extrem auffällig und kann auf andere Menschen verstörend wirken. Viele Betroffene treibt dies in die Isolation. Um Wunden oder Fehlbildungen zu verstecken, helfen sogenannte Epithesen, eine Art „Gesichtsprothese“. Die moderne Epithetik ist eine anspruchsvolle Fachdisziplin. Hier sind wahre Künstler am Werk. „Tätig sind sie vor allem in der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie oder auch an Instituten für die Anfertigung von Glasaugen (Okularisten)“, berichtet Prim. DDr. Michael Malek, Vorstand der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, Kepler Universitätsklinikum Linz (OÖ). Aus weichem medizinischem Silikon und stabilem Acrylat wird ein täuschend echter Haut- bzw. Organersatz für jeden Patienten individuell angefertigt, detailliert nachempfunden und perfekt modelliert. Die Spezialisten stellen sogar Gesichtsteile samt Augen, -brauen und Wangenknochen her.

Sensible Aufklärung ist Voraussetzung
Am Beginn der Versorgung der Betroffenen ist eine umfassende, hochsensible Aufklärung nötig. „Es ist enorm wichtig, dass seitens der Patienten größtmögliche Akzeptanz für die Epithese besteht und sie sich ihr Leben damit vorstellen können“, erklärt Epithetiker Jürgen Schwarzbauer, Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, Kepler Uniklinikum sowie Vizepräsident der Int. Gesellschaft für Chirurgische Prothetik und Epithetik e.V. (IASPE). Epithetiker und Ärzte arbeiten dabei immer eng zusammen. Erst wenn alle Fragen beantwortet sind und der Patient „bereit“ erscheint, kann mit dem Herstellungsprozess begonnen werden, der je nach Ausdehnung und Konstruktion der Epithese immer mehrere Tage in Anspruch nimmt.

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Patienten müssen in der Lage sein, sich ihr Leben mit der Epithese vorzustellen.

Jürgen Schwarzbauer, Leiter der Epithetik

Im ersten Schritt wird ein Abdruck der betroffen Stelle am Kopf mittels Silikonen oder 3D-Scans erstellt und ein Modell aus Gips (bzw. ganz modern aus dem 3-D-Drucker) angefertigt. Darauf wird dann das künstliche Ohr oder die Nase etc. aus Wachs modelliert, am Patienten anprobiert und so lange korrigiert, bis das Teil exakt sitzt. Die Proportionen müssen stimmen und die Übergänge geschmeidig sowie unauffällig verlaufen. Hier werden anschließend - abhängig von nachzubauenden Gesichtsteil - Hautstrukturen, Augenschalen, Wimpern, Augenbrauen eingearbeitet und die passende Hautfarbe angemischt. Das Silikon soll sich vom umliegenden Areal nicht unterscheiden, muss optimal abdecken bzw. ausgleichen und schmiegt sich kosmetisch unauffällig an den Kopf an.

Von der Zahnmedizin abgeschaut
Epithesen können rund um die Uhr getragen werden, auch in der Nacht - dennoch bleiben sie aus hygienischen Gründen immer abnehmbar. Sie sind täglich von den Patienten selbst zu reinigen. Eine einfache Handhabung ist daher von großer Bedeutung. Winzige Magnetknöpfe dienen dazu, das künstliche Gesichtsteil am Kopf zu halten. Dafür implantiert der Chirurg an der entsprechenden Stelle am Knochen kleine Metallstifte. An diese „dockt“ der Magnet der Epithese an und bleibt dadurch fest haften. Dieses Prinzip wurde aus der Zahnmedizin und Implantologie entlehnt, wo es schon seit vielen Jahren verwendet wird, um Ersatzzähne am Kiefer zu befestigen. Weitere Möglichkeiten zur Verankerung wären beispielsweise die mechanische Befestigung z. B. an einer Brille, einem Obturator (Vorrichtung zum Verschluss von Kieferdefekten), Fixierung durch Hautkleber, Klemmtechnik bzw. eine Kombination verschiedener Methoden. Nicht jeder Betroffene kann sich jedoch mit einer Epithese anfreunden. „Darum habe ich als Alternative bereits Augenklappen aus Carbon angefertigt, weil es der Wunsch des Patienten war und seinem Charakter besser entsprach“, so Schwarzbauer. Welche Methode auch immer zur Anwendung kommt, der Patient erhält dadurch wieder die Möglichkeit, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

Epithetik - Ein Fachbereich mit hohem Forschungspotenzial
Das Zahntechnische Labor an der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie des Kepler Universitätsklinikums versorgt Epithetik-Patienten bereits seit Ende der 80er Jahre und arbeitet fächerübergreifend. Durch die Einrichtung eines hochmodernen 3-D-Scannerzentrums konnten viele neue Arbeitstechniken entwickelt und berührungsfreie Abformmethoden vorangetrieben werden. Zum Beispiel kommen mobile Handscanner, computergestützte 3-D-Darstellungen und verschiedene 3-D-Druck-Techniken zur Anwendung. In der Epithetik ist ein großes wissenschaftliches Potenzial verankert, wie die Experten betonen. In naher Zukunft soll es sogar möglich sein, transplantierbare biologisierte Gewebskomponenten zu erschaffen.

Regina Modl
Regina Modl
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