Divergierende Storys

“Ruby” führte alle rund um Berlusconi an der Nase herum

Ausland
26.01.2011 10:18
Das marokkanisch-stämmige Escort-Girl Karima "Ruby" el Marough, das Italiens Premier Silvio Berlusconi gehörig in Bedrängnis gebracht hat, scheint dem Regierungschef und seinen Vertrauten zum Teil völlig unterschiedliche Geschichten aufgetischt zu haben. Das mussten die Anwälte Berlusconis, die diesen vor dem Vorwurf zu verteidigen versuchen, mit der damals minderjährigen Prostituierten verkehrt zu haben, bei der Befragung Rubys und anderer mit der Affäre vertrauten Personen feststellen.

Wie die Zeitung "Corriere della Sera" in ihrer Online-Ausgabe berichtete, erzählte Ruby den Anwälten, sie habe Berlusconi am letzten Valentinstag, dem 14. Februar 2010, kennengelernt. Sie sei von dem TV-Star-Manager Lele Mora in die Luxusresidenz des Regierungschefs in Arcore zu einem Abendessen eingeladen und von einem Chauffeur dorthin gebracht worden. Sie habe zuvor allerdings nicht gewusst, dass es sich um das Anwesen Berlusconis gehandelt habe. Dieser habe sie persönlich begrüßt, es sei aber nie von Sex gegen Geld die Rede gewesen. Sie habe, "angesichts ihrer schwierigen persönlichen Lage", von ihm nur etwas Geld und Geschenke erhalten.

Mora dagegen erklärte, er habe "Ruby" 2009 in Arcore kennengelernt, bei einem Essen mit Berlusconi. Sie sei in Begleitung zweier Mädchen und Burschen erschienen und habe behauptet, sie wolle im Showgeschäft arbeiten. Sie habe ihn, Mora, um Unterstützung gebeten. Er habe ihr als Vorschuss 3.000 Euro gegeben, seine Agentur investiere ja in "aufstrebende junge Menschen". "Ruby" habe ihm allerdings nie einen Ausweis gezeigt und ständig um finanzielle Hilfe gebeten. Erst nach ihrem Streit mit einer Mitbewohnerin wegen eines angeblichen Diebstahls habe er erfahren, dass sie noch minderjährig war, so Mora.

Angebliche Nichte von Ägyptens Präsident Mubarak
Ggegenüber Berlusconis Anwälten berichtete "Ruby", sie habe sich gegenüber dem Premier als Tochter einer berühmten ägyptischen Sängerin und Nichte von Präsident Hosni Mubarak ausgegeben. Die Beziehungen zwischen diesem und seiner Mutter seien jedoch gespannt. Überdies, so sagte die junge Marokkanerin nach eigenen Angaben, sei sie von ihrer Familie verstoßen worden, weil sie "zum Katholizismus übergetreten" sei. Mora gab an, "Ruby" habe sich ihm gegenüber als Ägypterin aus- und ihr Alter mit 24 Jahren angegeben.

Der in Diensten Berlusconis stehende Wachmann Angelo Reccia sagte aus, die "hübsche junge Frau mit dunklen Augen und langen glatten Haaren" habe erzählt, sie sei marokkanisch-brasilianischen Ursprungs. Sie sei Bauchtänzerin und schwanger und müsse nach Brasilien reisen. Berlusconis Buchhalter Giuseppe Spinelli berichtete, Berlusconi habe ihn Ende vergangenen Frühjahrs angewiesen, "Ruby" insgesamt 8.500 Euro zu übergeben, weil sie Hilfe brauche. Miriam Loddo, eine von Berlusconis Gespielinnen, gab an, "Ruby" habe ihr gesagt, sie sei 26, Tochter einer brasilianischen Sängerin und eines ägyptischen Vaters, der Manager bei der Modekette Yamamay sei. Tatsächlich stammt die junge Frau aus einer auf Sizilien lebenden marokkanischen Familie. Zum Zeitpunkt ihrer Bekanntschaft mit Berlusconi war sie erst 17.

Staatsanwälte übergaben Parlament weiteres Dossier
Indes hat die Mailänder Staatsanwaltschaft, die gegen Berlusconi wegen Amtsmissbrauch und Beihilfe zur Prostitution ermittelt, der Abgeordnetenkammer ein weiteres Dossier mit belastendem Material gegen den Premier übergeben. Das 300-seitige Dokument ergänzt das Papier, das die Staatsanwälte dem Parlament bereits zukommen ließen. Das Dokument wird derzeit von der Abgeordnetenkammer überprüft.

Die Ermittler verdächtigen Berlusconi, mit einer "erheblichen Zahl" junger Prostituierter verkehrt zu haben, und wollen auch die Regionalpolitikerin Nicole Minetti befragen, die mit Berlusconi in den Sog der Affäre geraten ist. Die 25-jährige Regionalrätin und Aktivistin von Berlusconis Partei PdL "Volk der Freiheit" (Popolo della libertá) wird beschuldigt, Mädchen für die Partys in der Villa des Premierministers eingeladen zu haben.

Prostitution an sich ist in Italien nicht strafbar, wohl aber die Ausbeutung und Förderung der Prostitution Minderjähriger. Die Staatsanwaltschaft, die Berlusconi auch Amtsmissbrauch vorwirft, möchte von der Polizei ein Apartment-Gebäude bei Mailand durchsuchen lassen, wo junge Frauen, die sich an Berlusconis Partys beteiligten, mietfrei gewohnt haben sollen. Berlusconi verneint jedes Fehlverhalten.

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