Vom kontrollierten Chaos kann beim Londoner Trio Black Midi nicht die Rede sein. Mit einem fulminanten Debütalbum und wahnwitzigen Liveshows haben sich Geordie Greep und Co. trotz ihres mathematisch-aggressiven Prog-Rocks in die Herzen von Melodiefanatikern gespielt. Auf dem Zweitwerk „Cavalcade“ versucht es das auf ein Trio dezimierte Gespann nur strukturierter und inklusiver. Mit Easy Listening hat das trotzdem nichts zu tun, wie uns Geordie Greep im Interview erklärt.
Es ist ein schmaler Grat, zwischen Genialität und Wahnsinn. Was unterscheidet etwa eine Math-Rock-Grindcore-Band wie The Dillinger Escape Plan von den kruden Stilverweigerern Black Midi? Natürlich. Dillinger gingen zu Lebzeiten noch wesentlich aggressiver und erbarmungsloser zu Werke, aber wie sich die Londoner von Black Midi innerhalb kürzester Zeit in die Herzen einer immer größer werdenden Schar an Fans spielen konnten, ist rational nur schwer zu erklären. Im In-Club „The Windmill“ von Brixton, Kult- und Heiligenstätte für die alternative britische Musikszene, begann das Quartett 2017 mit regelmäßigen Gigs, im Juni 2018 wurde man mit der Single „Bmbmbm“ erstmals einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Dissonanz, verschrobene Akkorde, Unzugänglichkeit. Alles, was nach einem kommerziellen Karriereselbstmord schreit, brachte den jungen Milchgesichtern nur noch mehr Popularität ein. Nach einem Auftritt beim Reykjaviker „Iceland Airwaves“-Festival explodierte die Combo. Die exaltierte Liveshow, die in ihrer nahezu manischen Wuchtigkeit nichts als offene Münder hinterließ, begründete den Kult um die Band.
Der Energie Tribut gezollt
Nachdem man bei Rough Trade unterzeichnete, erschien im Juni 2019 das Debütalbum „Schlagenheim“ und katapultierte Black Midi aus dem Nichts in lichte Sphären. Top-50 in den UK-Albumcharts, eine Nominierung für den renommierten „Mercury Prize“ und unzählige weitere Liveauftritte, die ihresgleichen suchten. Ein Piano, Akkordeon, Synthesizer oder Drum-Machines. Alles war erlaubt, nichts festgelegt. In bestmöglicher Improvisationskunst holzten die Vier den Großteil des Albums innerhalb von nur fünf Tagen ein und verausgabten sich bei jedem Konzert bis aufs Letzte. Für Matt Kwasniewski-Kelvin, der sich bei einem Bühnensalto schonmal fast den Hals brach und länger aussetzen musste, war das viehische Karrieretempo offenbar zu viel. Er kündigte im Jänner dieses Jahres an, dass er aufgrund von Depressionen und mentaler Probleme auf unbestimmte Zeit pausieren würde und der Band nicht beim Songwriting zur Verfügung stünde.
Das nun doch relativ schnell nachgeschossene Zweitwerk „Cavalcade“ entstand nun in einer Ruhe, die man bei den aggressiven Himmelsstürmern bis vor Corona nicht für möglich gehalten hätte. „Wir hatten noch nie so viel Zeit, um Musik zu machen und unsere Einflüsse zu sortieren“, erklärt Geordie Greep im Gespräch mit der „Krone“, „wir hatten erstmals genug Zeit um in der Gemeinschaft zu dekonstruieren, warum wir überhaupt Musik machen und wo wir mit der Band hinwollen.“ Eine stringente kompositorische Linie ist freilich auch auf „Cavalcade“ nicht zu finden. Black Midi suchen ihr Heil unentwegt im Chaos und dem Unerwarteten, auch wenn die Zugänglichkeit schon eine ganz andere ist als noch vor zwei Jahren. „Wir wollten schon, dass man die Songs besser genießen und sich länger daran erfreuen kann. Wir wollen nicht in den Mainstream aber ich hasse Bands, die nur aus Kalkül heraus extrem technisch sind. Ehrlichkeit und Integrität haben Vorrang und nur verschroben zu klingen, kann am Ende nicht das Ziel sein.“
Buntes Sound-Potpourri
Ausgerechnet jetzt, wo Black Midi, temporär und auf unbestimmte Zeit auf ein Trio dezimiert sind, fand man die Ordnung zumindest im Drumherum. „Beim Debüt haben wir nur improvisiert und im Studio instinktiv gehandelt. Dieses Mal nahmen wir uns die Zeit, um eine Struktur im Songwriting zu haben. Einer spielt einen Teil, die anderen hören zu und bauen darauf auf. Diese Arbeitsweise beschert uns mehr Durchblick und sichert uns Langlebigkeit. Wir haben gelernt, dass uns auch harmonische Strukturen weiterbringen können.“ Aber freilich: was sich für Black Midi nach Harmonie anfühlt, ist für einen gewöhnlichen Pop-Fan noch immer unmenschliches Geknarze. Alles eine Frage der Perspektive, wie so vieles im Leben. Songs wie „John L“, „Chondromalacia Patella“ oder das fast zehnminütige, epische Schlussstück „Ascending Forth“ mäandern zwischen Les Claypool, Anohni, Opeth, dem Mahavishnu Orchestra und den neuen britischen Pop/Rock-Helden Squid oder Black Country, New Road. Ein Mahlstrom an Ideen, Zersetzungen, Dissonanzen, Eruptionen und Elegien.
Konzeptionell erzählen Greep und Co. die Geschichten aus der dritten Person heraus und persiflieren scheinbar übermenschliche Persönlichkeiten vom gefallenen Kult-Führer über einen in einer Diamantenmine gefundenen antiken Leichnam bis hin zur legendären Sängerin Marlene Dietrich, die das wohl zugänglichste, aber auch am wenigsten erwartete Lied auf dem Album bekommen hat. „Sie ist einfach eine ungemein interessante Persönlichkeit“, erklärt Greep leicht verschlafen, „meiner Ansicht nach konnte sie weder besonders gut singen, noch tanzen oder schauspielern - trotzdem hatte sie eine Karriere in Hollywood. Was sie aber hatte, war ein unbestreitbares Charisma. Eine magische, fast schon magnetische Ausstrahlung, die jeden Raum hell erleuchten konnte. Ihre bloße Präsenz und ihre Aura konnten die Menschen bewegen. Sie spiegelt für mich perfekt wider, was Musik, Performance und Entertainment in einem Menschen auslösen können.
Keine Lust auf Inszenierung
Zu den hohen Erwartungen und zahlreichen Lobpreisungen von außen hat Greep ein entspanntes, fast schon nonchalantes Verhältnis. “Das ist doch wie bei den Genre-Einordnungen. Die Menschen lieben solche Geschichten und die Medien brauchen etwas zum Erzählen. Das ist alles total okay für mich. Der Grat zwischen den ,Rettern der Rockmusik‘ und der ,übelsten Band des Jahrhunderts‘ ist doch eh nicht wirklich zu unterscheiden“, lacht der Blondschopf. Black Midi treten auf und abseits der Bühne bewusst als Kollektiv und ohne Frontmanninszenierung ins Rampenlicht. “Es geht um die Musik, nicht um uns. Es ist doch egal, wer sich hinter der Musik verbirgt. Man sollte sich die Illusion des Unbekannten so lange aufrechterhalten wie nur möglich. Das mochte ich an Pink Floyd so sehr. Es ging in erster Linie immer um die Kunst, nie um die Persönlichkeiten.“
Für die Musik stellen Black Midi alles in den Hintergrund und obwohl auch auf “Cavalcade“ das größtmögliche Chaos hinter den einzelnen Kompositionen vermutet werden könnte, hat das Ganze in den Köpfen der drei Klangerzeuger durchaus seine systematischen Eckpfeiler. “Die Konstanten in unserem Sound sind Veränderung und Wechsel. Jeder Song hat Twists, Ecken und Kanten. Jeder Song muss einzigartig und darf nicht vergleichbar sein. Auch in den zugänglicheren Songs wollen wir uns nicht in der Melodie ausruhen, sondern Spannung aufbauen. Ganz wichtig ist bei uns auch das komödiantische Element. Kein Drama funktioniert ohne Humor.“ Dank des globalen Pandemierückgangs darf man sich zumindest bald wieder auf einen Black-Midi-Gig freuen. Hoffentlich auch erstmals in Österreich. Ansonsten geht es einfach mit Musik weiter. “Wir gehen Schritt für Schritt, sortieren aber schon die nächsten Ideen. 2022 sollte das dritte Album rauskommen." Das ist mal eine Ansage.
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