Nach "Meuterei"

Guttenberg setzt “Gorch Fock”-Kommandanten ab

Ausland
22.01.2011 10:09
Als Konsequenzen aus den Vorfällen auf der "Gorch Fock" hat der deutsche Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg den Kommandanten des Segelschulschiffs, Norbert Schatz, abgesetzt. Entsprechende Berichte der "Bild am Sonntag" und des ARD-"Nachtmagazins" bestätigte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums in Berlin in der Nacht auf Samstag. Außerdem habe Guttenberg die sofortige Rückkehr der "Gorch Fock" nach Deutschland angeordnet.

"Ich habe den Inspekteur der Marine angewiesen, den Kommandanten des Schiffes von der Führung des Schiffes zu entbinden", sagte Guttenberg. Nach Rückkehr in den Heimathafen Kiel solle das Schiff auch bis auf Weiteres nicht mehr auslaufen. Die "Gorch Fock" werde aus der Fahrbereitschaft genommen, "bis eine noch einzusetzende Kommission auch unter Mitwirkung von Abgeordneten des Deutschen Bundestags beurteilt hat, inwieweit die 'Gorch Fock' als Ausbildungsschiff und Botschafterin Deutschlands auf den Weltmeeren Zukunft hat", so Guttenberg weiter.

"Kein Druck ausgeübt worden"
Grund dafür waren Berichte über eine angebliche Meuterei nach dem tödlichen Unfall einer Soldatin auf dem Schulschiff. Der Kieler Oberstaatsanwalt Bernd Winterfeldt erklärte allerdings am Freitag, die junge Frau sei keine Soldatin gewesen, die Druck benötigte, um in die Takelage zu klettern. "Wir haben nichts Derartiges festgestellt", sagte er.

Das Gegenteil sei der Fall, sagte der Oberstaatsanwalt: "Sie war eine hochmotivierte Offiziersanwärterin und eine erfahrene Marinesoldatin, schließlich hatte sie als Quereinsteigerin bereits eine Unteroffizierskarriere bei der Marine hinter sich und war bereits auf einer Fregatte zur See gefahren." Es liege der Staatsanwaltschaft kein Hinweis auf eine strafrechtliche Nötigungshandlung vor. Nach bisherigem Stand habe die Soldatin beim Hinunterklettern den Halt verloren, sagte Winterfeldt.

Die 25-jährige Marine-Soldatin Sarah Lena S. war im November vergangenen Jahres aus der Takelage des Schiffes auf das Deck gestürzt. Sie starb kurz darauf an den Folgen des Unfalls. Bundeswehrsoldaten warfen den Ausbildern auf der "Gorch Fock" daraufhin massiven Druck bis hin zur Nötigung vor, wie aus einem Brief des Wehrbeauftragten Hellmut Königshaus an den Verteidigungsausschuss des Bundestags hervorgeht. Auch zu sexuellen Belästigungen soll es gekommen sein. Nach dem Vorfall kam es zu Spannungen zwischen der Crew und der Schiffsführung, die vier der Offiziersanwärter der Meuterei beschuldigte.

Mutter fordert Einmottung der "Gorch Fock" 
Die Mutter der Offiziersanwärterin aus Bodenwerder erhebt schwere Vorwürfe gegen die Schiffsführung. "Ich fordere, dass der Kommandant Schatz seinen Hut nimmt und dass die 'Gorch Fock' eingemottet wird", sagte sie. In den vergangenen zwölf Jahren habe es sechs Tote auf dem Schulschiff gegeben, unter der Führung von Kapitän Norbert Schatz seien zwei junge Frauen gestorben, sagte die Mutter. Sie wolle, dass der Tod ihrer Tochter endlich aufgeklärt werde. Seit Wochen warte sie auf nähere Informationen von der Marine. "Meine Tochter fällt da nicht einfach runter."

Vermutlich seien die Offiziersanwärter übermüdet, unter Druck und zeitlicher Anspannung in die Takelage geschickt worden, sagte die Mutter. Dieses werte sie ebenso als Versagen der Führungsmannschaft wie die Tatsache, dass ihre Tochter mit einer Größe von 1,59 Meter zu klein für die Takelage gewesen sei. "Das hätten verantwortungsbewusste Vorgesetzte doch merken und sagen müssen", sagte die Mutter. Mittlerweile hat sie Strafanzeige wegen fahrlässiger Tötung gegen die Bundesrepublik Deutschland erstattet. "Keiner erklärt mir, was genau passiert ist, als meine Tochter starb", sagte die 45-Jährige dem Magazin "Focus". Sie vermute, dass die wahren Gründe für den Tod ihrer Tochter "vertuscht" worden seien. Nach Angaben des Hamburger Nachrichtenmagazins "Spiegel" wurde die Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Kiel erstattet. Der Kapitän des Schiffs hat sich bislang nicht öffentlich zu dem Vorfall geäußert.

Mitte November 2010 hatte die Marine die Ausbildung der Offiziersanwärter schließlich ausgesetzt und die 73 Lehrgangsteilnehmer nach Deutschland geflogen. Das Schiff fährt seitdem nur mit der Stammbesatzung. Momentan liegt die "Gorch Fock" vor der Küste Argentiniens, im Hafen Ushuaia.

Loading...
00:00 / 00:00
Abspielen
Schließen
Aufklappen
kein Artikelbild
Loading...
Vorige 10 Sekunden
Zum Vorigen Wechseln
Abspielen
Zum Nächsten Wechseln
Nächste 10 Sekunden
00:00
00:00
1.0x Geschwindigkeit
Ausland
22.01.2011 10:09
Loading
Kommentare Banner - Die Stimme Österreichs

Da dieser Artikel älter als 18 Monate ist, ist zum jetzigen Zeitpunkt kein Kommentieren mehr möglich.

Wir laden Sie ein, bei einer aktuelleren themenrelevanten Story mitzudiskutieren: Themenübersicht.

Bei Fragen können Sie sich gern an das Community-Team per Mail an forum@krone.at wenden.

Kostenlose Spiele
Vorteilswelt

Magazine der Kronen Zeitung