25.04.2021 10:30 |

Psychische Probleme

Wenn Kinder nicht mehr an die Zukunft glauben

Die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Vorarlberg ist am Anschlag. Immer mehr junge Menschen leiden unter negativen Folgen der Corona-Pandemie. Professionelle Hilfe ist allerdings Mangelware, die Kinder- und jugendpsychiatrischen Stellen werden regelrecht überrannt. Nur akute Notfälle können sofort behandelt werden.

Die Zahlen sind alarmierend und schockierend zugleich: 16 Prozent der österreichischen Schüler haben suizidale Gedanken, 56 Prozent leiden unter depressiven Symptomen, rund 50 Prozent unter Ängsten. Das zeigt eine aktuelle Untersuchung der der Donau-Universität Krems.

Professionelle Hilfe ist schwer zu bekommen
Dementsprechend groß ist auch in Vorarlberg der Bedarf an professioneller Hilfe. Diese ist jedoch nur sehr schwer zu bekommen, sämtliche Stellen im Land sind aktuell völlig ausgelastet. „Für therapeutische Begleitung und Psychotherapie ist der Bedarf stark gestiegen. Die Folge sind immer längere Wartezeiten“, bedauert Wolfram Metzger, Fachgruppenobmann der Kinder- und Jugendpsychiater, den Umstand, nicht allen Heranwachsenden sofort Hilfe anbieten zu können. Zum Teil beträgt die Wartezeit bei den diversen Fachstellen bis zu drei Monate, ähnlich sieht die Lage bei stationären Klinikaufenthalten aus. 

Medikamente statt Therapie
Aufgrund dieser schwierigen Situation kämen verstärkt auch Medikamente bei den jungen Menschen zum Einsatz, „um zumindest kurzfristig für Entlastung zu sorgen“, erklärt Metzger. Und: „Dadurch, dass die Zahl dringender Fälle steigt, müssen reguläre und seit Längerem geplante Behandlungen verschoben werden.“
Die Gründe für den gestiegenen Bedarf sind vielfältig, hängen aber oft direkt mit der Corona-Krise zusammen: „Die hohe familiäre Belastung, der Wegfall einer Tagesstruktur, schulische Überforderung, Einsamkeit und Isolation sowie die ständige Nutzung von Unterhaltungselektronik wirken sich oft sehr negativ aus.“ Vor allem mache sich verstärkt ein Gefühl von Perspektivlosigkeit breit: „Diese Zukunftsängste führen nicht selten zu Verhaltensunruhe, Essstörungen oder Suchttendenzen.“

Langzeitfolgen sind nicht auszuschließen
Stillstand und soziale Isolation sei gerade bei der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen besonders schädlich. „Hirnforscher weisen darauf hin, dass sich in dieser Altersgruppe Veränderungen im sozialen Verhalten schon nach Monaten so stark auswirken, wie das bei älteren Menschen erst nach mehreren Jahren der Fall ist. Erwachsene können Belastungen ein Stück weit mit ihrer Lebenserfahrung kompensieren. Sie brauchen auch nicht den gleichen Rückhalt wie Kinder.“ Der Leidensdruck bei jungen Menschen sei derzeit nicht zuletzt deshalb so hoch, weil auch bei vielen Eltern die Nerven blank liegen. Zwar seien die Langzeitfolgen noch nicht abschätzbar, „dauerhafte Nachteile und Beeinträchtigungen sind aber keineswegs auszuschließen.“

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Die familiäre Belastung, der Wegfall einer Tagesstruktur, schulische Überforderung, Einsamkeit und die ständige Nutzung von Unterhaltungselektronik wirken sich oft sehr negativ aus.

Wolfgram Metzger

„Den Familien wurde sehr viel zugemutet“
Der Politik muss wohl eine Mitschuld an der dramatischen Entwicklung gegeben werden. „Vor allem im ersten Coronajahr wurde den Familien sehr viel zugemutet, während etwa die Wirtschaft und der Tourismus gestützt worden sind. Nach einem Aufschrei von Ärzten, Mitarbeitern aus Sozial-Institutionen und Wissenschaftlern hat man zum Glück reagiert. Auch in Vorarlberg soll die Hilfe erweitert werden“, ist Metzger erleichtert. Seine konkreten Forderungen: „Statt Kürzungen aufgrund drohender Verschuldung und knapper Budgets wird es vermehrt Therapiemöglichkeiten sowie Starthilfen für Kinder und Jugendliche brauchen. Es sollte zudem versucht werden, Fachkräfte, etwa Psychologen, verstärkt in vernetzte Hilfsstrukturen einzubinden. Außerdem braucht es Sicherheit bei der Finanzierung durch die öffentliche Hand.“ Die aktuell zugespitzte Lage erkläre sich auch durch Versäumnisse in der Vergangenheit, so Metzger: „Es gab schon vor der Pandemie Engpässe in den Angeboten, vor allem für hochbelastete Kinder.“

Psychische Probleme nehmen generell zu
Die Anzahl psychischer Störungen und Auffälligkeiten ist in den vergangenen zehn Jahren generell sehr stark gestiegen - 20 bis 25 Prozent der Bevölkerung sind mittlerweile davon betroffen. „Bei Kindern und Jugendlichen ist dieser Anteil im Coronajahr sogar auf über 30 Prozent angewachsen. Hier haben sich die Folgen von Distanzunterricht und sozialem Lockdown klar bemerkbar gemacht. Hinzu kommen oft brüchigere familiäre Strukturen.“
Junge Menschen, die unter 20 Jahre alt sind, machen in etwa 20 Prozent der Gesamtbevölkerung aus: „Die Zahl der verfügbaren Therapie- und Behandlungsangebote entspricht aber nicht einmal ansatzweise diesem Anteil. Beispielsweise gibt es in ganz Westösterreich noch immer keine psychotherapeutische oder psychosomatische Rehabilitation für Kinder und Jugendliche. Es braucht also zwingend nachhaltige Investitionen zum Erhalt und zur Förderung der psychischen und sozialen Gesundheit von jungen Menschen. Politik und Gesellschaft sind gefordert, ihrer Verantwortung endlich gerecht zu werden.“

Philipp Vondrak
Philipp Vondrak
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