Bester Volkswirt:

„Wir müssen in unsere Schulen investieren“

Der aus Oberösterreich stammende Ökonom Gabriel Felbermayr wird Chef des WIFO. Im „Krone“-Interview spricht er über Wege aus der Wirtschaftskrise, falsche Politik und über seine wahre Heimat - die Gemeinde Bad Hall

„Krone“: Sie haben als Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel bisher die deutsche Politik und Wirtschaft beraten. Ab Oktober werden Sie für Ihr Heimatland als Ökonom am Wirtschaftsforschungsinstitut WIFO tätig sein. Haben Sie das Gefühl, endlich nach Hause zu kommen?
Gabriel Felbermayr: Eigentlich schon. Ich dachte mir in Anhörungen im deutschen Bundestag oft: Ja, es ist spannend, was da passiert. Es ist ein Privileg in Deutschland und damit in der Europäischen Union mitgestalten zu dürfen. Aber es war auch eigenartig.

Wie meinen Sie das?
Es war eigenartig, in einem Land mitzudiskutieren, in dem ich weder aktiv noch passiv wahlberechtigt bin. Ich habe nur den österreichischen Pass. Nun werde ich Österreich wirtschaftspolitisch beraten – ein gutes Gefühl.

Wir erleben die größte Pandemie seit 100 Jahren, die größte Krise im Gesundheitsbereich. Ist das auch die größte Krise der Wirtschaft?
Der österreichischen Volkswirtschaft geht es nicht gut. Es ist die größte Herausforderung nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Das ist auch in Europa so. Aber wir haben es mit einer untypischen Wirtschaftskrise zu tun, die auf einzelne Sektoren konzentriert ist. Teile der Industrie, wie etwa die Digitalwirtschaft, florieren, andere Bereiche erleben existenzielle Krisen.

Wird die Wirtschaft aus der Krise lernen?
Die Wirtschaft sicher. Die Frage ist, ob die Politik daraus lernt, die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Wo hat sie versagt?
Stichwort Medizin: Da hat man in den vergangenen Jahren gesagt, es muss möglichst billig sein. Man hat wenig darauf geachtet, ob die Pharmaprodukte auch jederzeit verfügbar sind. Jetzt ist uns klar: Müssen wir nicht mehr bezahlen, um dann auch die Liefersicherheit zu haben? Hier muss die Politik die richtigen Rahmenbedingungen schaffen.

Sind Sie auch so enttäuscht über die lange Impfstoffknappheit in Europa?
Natürlich. Wir sehen, dass in Großbritannien die Sterblichkeit mit und an Corona laufend sinkt, in der EU steigt sie gerade wieder. Die verbockte Beschaffungsstrategie kostet Menschenleben, da muss man über ökonomische Kosten gar nicht reden. Das kann man nur als Drama bezeichnen.

Wie sehen Sie die Schulden? Sind diese dramatisch?
Die Situation ist anders als vor 20 Jahren. Die Zinsbelastung der öffentlichen Haushalte ist gering, das wird sie über Jahre bleiben.

Der Staat kurbelt mit Investitionen die Wirtschaft an. Wo würden Sie investieren?
In den Schulen. Wie klein dürfen Klassenräume sein? Braucht man Lüftungssysteme? Ein großes Modernisierungsprogramm für Schulen wäre eine gute Investition. Auch im Sinne einer Wiedergutmachung. Es sind ja unsere Kinder, die besonders unter der Krise leiden.

Wo noch?
In der Infrastruktur im Elektrizitätsbereich. Wir können nicht verlangen, dass die Autohersteller auf Elektromobilität setzen. Gleichzeitig fehlt die öffentliche Infrastruktur, etwa ein Netz an Ladesäulen, damit das funktionieren kann. Ein dritter Punkt ist sicher immer noch die Verkehrsinfrastruktur.

Wir haben doch schon lange genug Straßen...
Wir haben weniger Lücken im Straßennetz, sondern auf der Schiene. Wir wissen, dass wir aus klimapolitischen Gründen mehr Verkehr auf die Schiene bringen müssen. Da kann man ohne mit der Wimper zu zucken investieren!

Der kleine Mann sagt: Bei uns wird sich der Staat das Geld holen, um seine Schuldenlöcher zu stopfen. Hat er Recht?
Derzeit macht der Staat Schulden mit sehr niedrigen Zinsen. Die, die Geld herborgen, bekommen auf der Bank nichts dafür. Das sind zurzeit die Sparer, die Versicherungen, die ihr Geld anlegen. Darum sind die Schulden für den Staat derzeit nicht teuer. Das muss aber nicht so bleiben. Sobald die Zinsen zu steigen beginnen, wird es eng.

Ist Wirtschaft nicht ein sehr trockenes Fach?
Mich fasziniert das Ineinandergreifen von Systemen, von Finanz- und Weltpolitik. Wenn in China eine Fabrik schließt, kann das bedeuten, dass in Österreich Arbeitsplätze wegfallen. Die globalen Zusammenhänge finde ich extrem interessant. Wenn ich nicht Wirtschaft studiert hätte, hätte ich Klimawissenschaften studiert. Da ist es auch so.

Hat die Menschheit beim Klimawandel Ihrer Meinung nach noch Spielraum?
Nein, es gibt eindeutige Belege, dass wir die globale CO2-Emission schnell und deutlich zurückfahren müssen, sonst werden auch die ökonomischen Kosten extrem hoch. Überschwemmungen, das Steigen des Meeresspiegels, aber auch Hitzewellen sind sehr teuer.

Sie kommen aus Bad Hall, was bedeutet die Rückkehr für Ihr Herz?
Meine Kinder fühlen sich als Österreicherinnen, nicht als Norddeutsche. Ich und meine Familie, wir werden zwar in Wien wohnen. Die Bad Haller Gegend bleibt aber meine Heimat. Unsere Rückkehr ist daher schon mit viel Emotionen verbunden. Eigentlich eine Familienzusammenführung!

Elisabeth Rathenböck
Elisabeth Rathenböck
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