07.03.2021 06:00 |

Nach Schicksalsschlag

Sie stand auf, als das Leben sie zu Boden warf

Ihre Schwester ermordet, sie selbst gefangen in einer Gewaltbeziehung - lange zuckte Katrin Biber in der Gegenwart von Männern zusammen. Heute legt die Tirolerin sacht die Hand auf ihren Bauch. Die 35-Jährige ist schwanger mit ihrem ersten Kind. Von hier nach da war es eine lange Reise. Aber auch eine, die Mut macht und von Kraft erzählt.

Katrin Biber sitzt auf einer Parkbank. Die Sonne scheint ihr ins Gesicht, sie deutet auf eine Gruppe Kleinkinder, die am Spielplatz herumwirbeln. „In diesem Alter sind sie so ,liab‘“, sagt sie und lächelt. Es ist ein Lächeln, in dem die Vorfreude wohnt. Denn Biber ist schwanger. Und vielleicht, so scheint es, kann sie das manchmal selbst noch nicht ganz glauben.

Denn im September 2013 sollte sich ihr Leben und jenes in ihrer Familie auf einen Schlag verändern. Ihre Schwester Larissa, damals 21 Jahre alt, wurde von ihrem Freund ermordet. Katrin fällt in ein tiefes Loch, weiß nicht, wie sie mit der Wut, der Trauer, dem Unverständlichen umgehen soll. Nur kurze Zeit später wird sie aufgefangen von einem Mann. Doch das Netz, in das sie sich fallen ließ, sollte bald zu einer Fessel werden. Sie findet sich selbst in einer Gewaltbeziehung wieder, braucht mehrere Anläufe, diese zu verlassen. Die Erfahrung nährt die Angst, die der Mord an ihrer Schwester ohnehin verursacht hat.

Der Weg aus der Angst und zurück ins Leben
„Neben jedem Mann, der ein bisschen dominanter war, habe ich mich sofort klein gefühlt - und Angst bekommen, dass er mir etwas antun könnte“, sagte sie rückblickend in einem „Krone“-Interview im Herbst 2019. Sie findet neue Kraft im Sport, trainiert - und gibt ihren Gefühlen dabei Platz. Sie startet einen Blog, thematisiert ihre Trauer, holt den Tod aus der Tabuecke. Je mehr sie schreibt, desto größer wird das Echo. Sie gründet den „Seelensport“, veranstaltet jährlich einen „Seelenlauf“, spricht in Talkshows und Interviews. Sie wird zur Stimme der Trauernden und setzt sich gegen Gewalt an Frauen ein.

Vom Prozess, wieder Vertrauen zu lernen
„Du bist die Queen vom HDM“, war einer der ersten Sätze, die der Vater des Babys in ihrem Bauch an sie richtet. Das HDM ist das Haus des Meeres in Wien, wo Biber damals lebt - ihr Trainingsbereich, in dem sie viel bewegt; körperlich, aber auch emotional. Es sollte der Beginn einer Liebesgeschichte werden, die zaghaft wächst, von der Kommunikation lebt. „Ich habe zu Beginn der Beziehung mit einem Pfefferspray und einem Messer unter dem Bett geschlafen“, erzählt sie. Doch sie kommuniziert, schildert diesem Mann, der vor ihrer Geschichte nicht zurückweicht, ihre Ängste. Bittet um Zeit, braucht Geduld. Er gibt sie ihr.

Gemeinsam wachsen die beiden aneinander. Biber geht regelmäßig zur Therapie, macht eine Reha, arbeitet durch den Sport mit sich und anderen und lernt schrittweise wieder zu vertrauen. Mittlerweile sind die beiden mehr als fünf Jahre ein Paar.

Biber schreibt zwei Bücher, im ersten, „Larissas Vermächtnis“, erzählt sie ihre Geschichte, nimmt den Leser mit in Familientherapiesitzungen, zeigt auf, wie individuell Trauer sein kann. Ihr zweites, „Seelensport“, ist eine Anleitung zum Trauern und Trainieren.

Kindererziehung: Am Anfang ansetzen
Fertig ist sie mit ihrer Arbeit aber noch lange nicht. Aktuell beschäftigen sie andere Dinge: „Wie kann ich ein Mädchen so erziehen, dass es nie zum Gewaltopfer wird, dass es sich zu wehren weiß? Wie kann ich einen Buben so erziehen, dass er nie zum Täter wird?“, fragt sie.

Denn Machtverhältnisse, Gewalt - all das basiert schon auf der Art, wie Kinder erzogen werden, in welche Rollen sie gedrückt werden, ist sie sicher. „Mädchen dürfen traurig sein, aber nicht wütend, für Buben gilt das Gegenteil. Das muss aufhören!“, sagt sie bestimmt. Dafür setzt sie sich ein, nicht nur in ihrem privaten Bereich, sondern auch gesellschaftlich. „Vielleicht“, lacht Biber, „wird das mein nächstes Buch.“ Denn eines sei sicher: Auch wenn die 35-Jährige nun Mutter wird, sie wird auch Autorin, Unternehmerin, Sportlerin - Kämpferin bleiben.

Anna Haselwanter
Anna Haselwanter
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