Nach Angriff

Nordkorea droht Seoul mit weiteren Attacken

Ausland
24.11.2010 08:52
Nordkorea hat nach dem Beschuss einer südkoreanischen Insel am Dienstag mit weiteren Militärschlägen gegen das Nachbarland gedroht. Pjöngjang beschuldigte Seoul, das Feuergefecht vor der Westküste, bei dem zwei Soldaten und zwei Zivilisten getötet sowie 18 Menschen verletzt wurden, verschuldet zu haben. Südkorea wies dies vehement zurück und drohte bei einem weiteren Angriff mit einem "enormen Gegenschlag". Die USA kündigten eine "maßvolle und einheitliche" Antwort an.

Aus Nordkorea kamen ein paar Stunden nach dem Gefecht deutliche Worte: "Sollte die südkoreanische Marionettengruppe es wagen, auch nur 0,0001 Millimeter in Nordkoreas Hoheitsgewässer vorzudringen, wird die revolutionäre Streitmacht nicht zögern, weiter gnadenlose militärische Gegenmaßnahmen zu ergreifen", hieß es in der von den staatlichen nordkoreanischen Medien veröffentlichten Erklärung des Truppenkommandos. Im Gelben Meer gelte nur die von Nordkorea selbst gezogene Grenzlinie, hieß es. Mit "Marionettengruppe" beschimpft Nordkorea üblicherweise die Regierung in Seoul.

Heftiges Artilleriegefecht
Das südkoreanische Verteidigungsministerium hatte am Dienstag mitgeteilt, das stalinistisch geführte Nordkorea habe am frühen Nachmittag Ortszeit begonnen, Dutzende von Artilleriegranaten Richtung Südkorea abzufeuern. Laut Augenzeugen hat die Attacke mit etwa 50 Granaten bis zu 70 Häuser auf der Insel Yeongpyeong in Brand gesetzt. Die Bevölkerung wurde in Bunkern in Sicherheit gebracht. "Die Menschen haben Todesangst", erklärte ein Augenzeuge.

Das südkoreanische Militär, das in die höchste Alarmbereitschaft seit dem Ende des Korea-Krieges (1950 bis 1953) versetzt wurde, habe daraufhin "zur Selbstverteidigung" Artilleriestützpunkte an der nordkoreanischen Küste unter Beschuss genommen. Der Zwischenfall dauerte demnach rund eine Stunde.

Der Generalstab der südkoreanischen Streitkräfte teilte mit, mehrere südkoreanische Kampfjets seien zu der Insel im Gelben Meer geschickt worden, um sie zu überfliegen und die Lage zu erkunden. Auf der betroffenen Insel leben zwischen 1.200 und 1.300 Menschen.

Nordkorea: Südkorea hat zuerst gefeuert
Nach Darstellung von Nordkorea aber war es vielmehr Südkorea, das das Nachbarland zuerst angegriffen habe. Pjöngjang habe auf den Beschuss mit Dutzenden Artilleriegeschossen reagieren müssen, berichtete die amtliche nordkoreanische Nachrichtenagentur KCNA. Das Feuer sei daraufhin erwidert worden. Südkoreanische Militärs wiesen die Anschuldigungen zurück. Es habe zum Zeitpunkt des Zwischenfalls zwar eine Übung der südkoreanischen Marine gegeben, doch dabei habe es sich um ein jährliches reguläres Manöver gehandelt, erklärte ein Militärvertreter.

Die Übung habe 20 bis 30 Kilometer südwestlich von Yeonpyeong stattgefunden, das nur rund 120 Kilometer westlich der südkoreanischen Hauptstadt Seoul in den zwischen beiden Seiten umstrittenen Gewässern liegt. Dabei seien Dutzende Geschosse getestet worden - die allerdings in Richtung Westen und nicht in Richtung Norden abgefeuert worden seien.

"Nordkorea muss Verantwortung für Angriff übernehmen"
Indes hielt der südkoreanische Präsident Lee Myung Bak eine Dringlichkeitssitzung mit seinen Sekretären in einem unterirdischen Bunker ab. Er wies an, Maßnahmen zu ergreifen, um eine weitere Eskalation zu vermeiden. Die Regierung in Seoul drohte mit einer entschiedenen Reaktion, sollte der kommunistische Nachbar seine Provokationen fortsetzen: "Nordkorea muss die volle Verantwortung für den Angriff übernehmen. Der rücksichtslose Beschuss von Zivilisten kann niemals toleriert werden." Das Außenministerium wies unterdessen Berichte zurück, wonach man den Angriff vor die Vereinten Nationen tragen wolle.

USA kündigen "maßvolle und einheitliche" Antwort an
Die USA kündigten am Dienstag eine "maßvolle und einheitliche" Antwort seitens der internationalen Gemeinschaft an. "Wir werden mit China zusammenarbeiten und mit allen anderen der Sechs-Parteien-Gespräche, um eine Antwort zu finden", sagte Außenamtssprecher Mark Toner vor Journalisten. Er spielte damit auf die Gesprächsrunde über das nordkoreanische Atomprogramm an, an der neben Nordkorea, China und den USA auch Südkorea, Japan und Russland beteiligt sind.

US-Präsident Barack Obama äußerte sich noch nicht öffentlich zu dem Vorfall auf der Insel Yeonpyeong. "Der Präsident ist empört über die Aktion. Wir stehen Seite an Seite mit Südkorea", sagte dazu lediglich der Sprecher des Weißen Hauses, Bill Burton. 

Peking, Moskau und Berlin rufen zur Mäßigung auf
Nordkoreas engster Verbündeter China hatte sich zuvor besorgt über den jüngsten Zwischenfall geäußert. Auch Russland rief Nord- und Südkorea zu Besonnenheit auf: "Es ist wichtig, dass es nicht zur Eskalation kommt", sagte ein Sprecher des Außenministeriums in Moskau. Wegen der zunehmenden Spannungen in der Region hatte Russland bereits vor Monaten seine militärische Präsenz im Grenzgebiet zu Nordkorea erheblich verstärkt.

Die deutsche Regierung appellierte an beide koreanische Staaten, die Spannungen nicht weiter zu verschärfen. "Die Tatsache, dass Gewalt eingesetzt wird, ist etwas, was uns in Europa mit Sorge erfüllt", sagte Außenminister Guido Westerwelle. "Wir appellieren an alle Beteiligten zur Mäßigung." Wichtig sei, dass alle nun besonnen reagierten.

Kein Ende des Streits um Nordkoreas Atomprogramm
Die Lage auf der koreanischen Halbinsel war bereits vor dem neuerlichen Zwischenfall äußerst angespannt. Südkorea macht Nordkorea für die Versenkung eines seiner Kriegsschiffe im Gelben Meer verantwortlich. Bei dem Vorfall kamen im März 46 Soldaten ums Leben, Pjöngjang bestreitet jedoch eine Verwicklung. Die Regierung in Pjöngjang erkennt die von den Vereinten Nationen zum Ende des Korea-Krieges 1953 einseitig gezogene Seegrenze nicht an. Seitdem befinden sich die Länder offiziell noch im Kriegszustand, denn es wurde lediglich ein Waffenstillstandsabkommen, aber kein Friedensvertrag geschlossen.

Dazu kommt das nordkoreanische Atomprogramm, das Südkorea seit Jahren in Atem hält. Nordkorea hatte erstmals im Oktober 2006 und dann erneut im Mai 2009 Atomwaffen getestet. Kurz vor dem zweiten Test war Nordkorea aus den sogenannten Sechser-Gesprächen mit Südkorea, China, den USA, Russland und Japan über das Atomprogramm ausgestiegen. In den vergangenen Monaten signalisierte Pjöngjang allerdings wiederholt seine Bereitschaft, unter bestimmten Bedingungen an den Verhandlungstisch zurückzukehren.

Nordkorea hatte vor wenigen Tagen einem amerikanischen Atomexperten zufolge die Fertigstellung einer neuen Anlage zur Urananreicherung verkündet. Der frühere Leiter des US National Laboratory in Los Alamos, Siegfried Hecker, erklärte, er habe das Werk im Kernforschungszentrum in Yongbyon kürzlich besichtigt. In der Anlage seien 2.000 Zentrifugen installiert worden. Nordkorea produziere dort nach eigenen Angaben auf niedrigem Niveau angereichertes Uran für einen neuen Reaktor.

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