Schmuggel mit Jets

Drogenmafia fliegt mit “Koks-Airlinern” über den Atlantik

Ausland
16.11.2010 21:17
Der Luftfahrt-Boom der letzten Jahre hat das Fliegen nicht nur für Otto Normalverbraucher erschwinglich gemacht, auch kriminelle Elemente haben den Luftweg für sich erschlossen - und das offenbar in bisher ungeahnter Dimension: US-Ermittler zerpflückten heuer drei südamerikanische Gangs, die mit Großflugzeugen wie einer vierstrahligen Douglas DC-8 (Bild) tonnenweise "Stoff" über den Atlantik nach Afrika karrten. Ein Kartell stand kurz davor, seinen eigenen Flughafen zu erstehen.

Selbstgebaute Drogen-U-Boote, Schmugglertunnel und zwischen Kaffeelieferungen versteckte Koks-Pakete auf einem Frachtschiff - zu diesen bekannten Transportmethoden der Drogenmafia gesellt sich laut einem Bericht der Associated Press jetzt auch der sogenannte "Koks-Airliner". Ein ausgewachsenes Passagier- oder Frachtflugzeug, das vollbepackt mit "Stoff" den Atlantik überquert.

Mit dem Flugzeug unentdeckt nach Afrika
In New York sind heuer mehrere Gerichtsverfahren gegen südamerikanische Drogendealer aus Kolumbien und Venezuela und ihre Komplizen aus Westafrika gelaufen, wie jetzt bekannt wurde. Es sind dies die ersten Resultate eines neuen Ermittlungsschwerpunktes der US-"Drug Enforcement Administration" (DEA), die vor rund einem Jahr damit begann, gezielt die Luftfahrtaktivitäten der Drogengangs auszuspionieren. Anhand der Gerichtsdokumente lässt sich ein neuer Trend im internationalen Drogenverkehr erkennen, bei dessen Bekämpfung man jedoch noch ganz am Anfang steht.

Zumindest drei große Kartelle dürften vor einigen Jahren damit begonnen haben, ihren Vertrieb über Afrika und per Flugzeug zu organisieren. Großteils sind die Lieferungen für den nach wie vor wachsenden europäischen Markt bestimmt, ein Teil erreicht aber auch die USA, heißt es. Der Umstieg auf den Luftweg erfolgte auch deswegen, weil Europa den Schiffsverkehr effizient kontrolliert und sich Beschlagnahmungen häuften. Der Flugverkehr zwischen Südamerika und Afrika wird hingegen kaum von Radars erfasst, schon gar nicht, wenn man mittels Bestechung unerkannt starten kann. Den westafrikanischen Staaten auf der anderen Seite fehlt für eine lückenlose Luftraumüberwachung schlicht das Geld.

Stattliche Flotte von sechs Jets
Die Koks-Airliner starten laut AP-Bericht in Venezuela oder Panama, wo die mittlerweile weltweit ermittelnde US-Drogenpolizei keine Stützpunkte bzw. Behördenkontakte hat und korrupte Militärs Start- und Landung auf alten Militärflughäfen dulden. Die Maschinen - eine Gang besaß zwischenzeitlich eine Flotte von sechs Jets, darunter Douglas DC-8 und DC-9 sowie Boeing 727 - wurden in den New Yorker Fällen in Osteuropa über Briefkastenfirmen gekauft bzw. via Internet erworben, wo infolge der Wirtschaftskrise ausrangierte Flugzeuge um ein paar Hunderttausend Euro angeboten werden.

In einem Fall stammten die Piloten eines in Moldawien gekauften und über Rumänien nach Guinea zu transportierenden Koks-Airliners aus Russland, ein Undercover-Agent der DEA organisierte die Festnahme. Den Drogenpiloten - Flüge gab es bis zu zweimal monatlich - zahlen die Drogenbosse zwischen 200.000 und 300.000 Euro für ihre Dienste, die sie nach Westafrika - Guinea, Liberia, Mali oder Sierra Leone - führen, geht aus den Gerichtsdokumenten hervor. Von dort aus wird der "Stoff" dann auf altbekannte Weise in Schiffen, Lkws, per Post oder im Bauch von Drogenkurieren per Linienflug nach Europa, in die USA und auch Japan weitergeschmuggelt.

82 Millionen Euro Bargeld in Spanien gebunkert
Das Geschäft zahlt sich für die Drogenkartelle offenbar trotz der hohen Kosten für Transportmittel und den Bestechungsaufwand aus. Ein in New York geschnappter Mittelsmann, der einer Drogengang ein Flugzeug besorgt hatte, sagte aus, die Organisation hätte in Spanien 82 Millionen Euro Bargeld gebunkert, das nur darauf warte, gewaschen zu werden. Von einer "Krise" gebe es bei den Drogenbaronen keine Spur. Es gab konkrete Pläne, im westafrikanischen Guinea einen eigenen Flughafen für die pro Flug sieben Tonnen transportierenden Koks-Airliner zu erwerben. 

Auf die Spur des Drogenflugbetriebs kamen die DEA-Ermittler durch Lauschangriffe auf Mittelsmänner der Kartelle in den USA, Informationen von Ermittlern aus Europa - es gab laut Gerichtsakten Geschäftstreffen in Spanien, Rumänien und Dänemark - sowie durch Informanten in den westafrikanischen Ländern. So arbeitete etwa der Chef der liberianischen "Security Agency", dem die Kartelle hohe Schmiergelder anboten, mit der DEA zusammen und lieferte ihr eine Flugzeugcrew sowie mehrere hochrangige Kartellmitglieder aus.

Wie viele "Koks-Airliner" sind unterwegs?
Während den in den US-Prozessen erwähnten Kartellen in den letzten Jahren praktisch das Handwerk gelegt wurde, ist unklar, wie viele Drogenflugzeuge dieser Dimension unterwegs sind bzw. von anderen Gangs betrieben werden. "Die Menge Kokain, die hier geschmuggelt wurde, und die dafür aufgewendeten Mittel sind außerordentlich", heißt es in den Gerichtsdokumenten. 

Auf den Flugzeug-Trend aufmerksam gemacht hat übrigens erstmals das in Wien ansässige UNO-Büro für Drogen und Kriminalität. Im November 2009 war in der Wüste von Mali das Wrack einer Boeing 727 entdeckt worden. Bei den Nachforschungen stellte sich heraus, dass mit dem in Venezuela gestarteten Flugzeug eine große Menge Kokain geschmuggelt worden war. Die Piloten hatten die altersschwache Maschine nach der Landung in Brand gesetzt. 

Laut UNODC wurden 2009 bis zu 100 Tonnen Kokain durch Westafrika geschmuggelt. Kürzlich startete das UNO-Büro ein mit rund drei Millionen Euro aus EU-Mitteln finanziertes Flughafenüberwachungsprojekt gegen Drogenschmuggel. 

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