25.12.2020 06:00 |

Bundespräsident

Van der Bellen: „Kopf hoch und nicht verzweifeln!“

Bundespräsident Alexander Van der Bellen im Weihnachts-Interview über das, was uns heuer trotz Pandemie froh macht, über Stille und die Hoffnung auf Licht am Ende des Tunnels.

„Krone“: Herr Bundespräsident, viele Österreicher pflegen oft seit Jahrzehnten gerade zu Weihnachten Traditionen, die in der Familie von einer Generation an die andere weitergegeben werden. Der stets gleiche Ablauf des Heiligen Abends und der Feiertage als garantierter Faktor - das hat für viele einen hohen Wert. Heuer ist alles plötzlich ganz anders, weil die Pandemie auch diese Oase der Stabilität ins Wanken bringt.
Alexander Van der Bellen: Stimmt, wir haben uns auf unseren engsten Familienkreis beschränkt, wir werden in den kommenden Tagen viel telefonieren oder vielleicht im Haushalt eine Videokonferenz machen, aber das Wichtigste ist doch: gsund bleiben, den Gefahren jetzt aus dem Weg gehen. Erinnern wir uns daran, woran wir uns schon gewöhnt haben. Zu Beginn der Krise hat kein Mensch - mich eingeschlossen - erwartet, dass Impfungen schon Ende des Jahres möglich sein werden. Also bemühen wir uns, neben allen Unannehmlichkeiten, die die Pandemie mit sich bringt, auch die paar wirklich erstaunlich positiven Dinge zu sehen. Damit will ich nicht leugnen, dass es manche krankheitsmäßig schwer erwischt hat, dass die Todeszahlen nach wie vor viel zu hoch sind. Viele Menschen fürchten um ihre Arbeitsplätze, und die Wirtschaftssituation wird erst 2021/2022 wieder so hochgehen, dass wir an das Niveau von 2019 anschließen können. Also: Zuversicht ja, aber wir müssen noch geduldig sein und jetzt für den kommenden dritten Lockdown noch mal die Zähne zusammenbeißen.

Was sagen Sie Menschen, vor allem älteren, die heuer wegen Corona Weihnachten nicht mit ihren Kindern oder Enkeln feiern können?
Kopf hoch, sag ich ihnen. Es nutzt nix, sich in solchen Situationen darüber zu grämen, geschweige denn zu verzweifeln, dass das, was immer schön war und möglich war, heuer alles leider nicht geht. Seien wir lieber froh, wenn es unseren Kindern, Enkeln, Großeltern, unseren Freunden gut geht. Und vielleicht können wir die Treffen ja schon in wenigen Monaten nachholen.

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Seien wir lieber froh, wenn es unseren Kindern, Enkeln, Großeltern, unseren Freunden gut geht.

Bundespräsident Alexander Van der Bellen

Die christliche Weihnachtsbotschaft, sie ist eine frohe Botschaft. Was macht uns zu Weihnachten im Allgemeinen froh? Was von diesem Frohsinn können wir heuer feiern oder genießen?
Das Fest ist wohl älter als das Christentum, es tut gut in der dunkelsten Zeit des Jahres. Das Weihnachtsfest als Erinnerung an die Geburt Christi, mit der Herbergssuche, mit Maria und Josef im Stall, der Krippe, mit dem neuen Leben! Das hat über das Religiöse hinaus noch eine tief sitzende, positive, lebensbejahende Tradition.

Mit der wir ja auch was anfangen können.
Ja, und wir müssen uns daran erinnern, dass das alles nicht selbstverständlich ist. Also die Situation auf den griechischen Inseln schreit ja geradezu nach einer Reaktion. Gerade wegen der Symbolik des Weihnachtsfestes - die Herbergssuche, die Hilfe für den Nächsten. Diesen Kindern in den Lagern Erste Hilfe zu leisten scheint mir ein Gebot der Stunde zu sein. Tun wir was für die Kinder mit ihren Familien!

Weihnachten und Advent sollten auch das Fest der Stille sein. In der Realität war es längst aber mehr eine Zeit der besonderen Hektik, von besonders viel Stress. Heuer war es ein bisschen ruhiger. Kann man dem auch positive Seiten abgewinnen, dieser erzwungenen Stille?
Ich persönlich finde schon. Ich verstehe ja sehr gut die Probleme der Wirtschaft. Die ökonomischen Folgen des Lockdowns sind ja offensichtlich. Da kämpfen wirklich viele im Tourismus, im Handel, in den Restaurants, Gaststätten um das Überleben. Aber für viele Menschen ist wahrscheinlich auch einiges an Hektik weggefallen. Dafür haben wir jetzt vielleicht nicht für jeden ein Geschenk. Also ich persönlich bin echt im Verzug, und ich muss das dann halt zu Beginn des Jahres nachholen.

Es ist viel die Rede vom Licht am Ende des Tunnels. Ist diese Erwartung, dieses Wecken von Hoffnungen wichtig für die Menschen?
Unsere Grundeinstellung sollte eine Form von Mut und Zuversicht sein. Sie schlummert in jedem von uns. Besinnen wir uns jetzt darauf. Bemühen wir uns, kurzfristigen Ärger und Traurigkeit zu überwinden und zu einer positiven Einstellung zu gelangen. Es wird noch dauern, aber wie alle Krisen wird eines Tages auch diese enden.

Wenn sie vorbei ist: Werden wir in die alten Verhaltensmuster zurückfallen? Oder wird die Welt verändert, vielleicht sogar eine bessere sein?
Wir bekämpfen jetzt im Wesentlichen Symptome, die Infektion, die Krankheit danach. Aber der Ursprung des Ganzen scheint doch im Verhältnis zwischen Natur und Mensch zu liegen. Wir vernichten natürliche Lebensräume für Tiere, diese kommen den Menschen daher immer näher, und ein Virus wird übertragen. Die Gefahr solcher Pandemien steigt auch angesichts der weltweiten Mobilität, der Interaktion zwischen Menschen auf verschiedensten Kontinenten. Wir werden hoffentlich Lehren aus der aktuellen Situation ziehen.

Auch bei der Bewältigung der Klimakrise?
Ich hoffe schon. Wir haben in den vergangenen Jahren Fortschritte gemacht, die ich nicht erwartet hätte. Aufseiten der Europäischen Union tut sich viel, und wir haben auch in den USA einen Wechsel im Präsidentenamt.

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Das Weihnachtsfest hat über das Religiöse hinaus noch eine tief sitzende, positive, lebensbejahende Tradition.

Bundespräsident Alexander Van der Bellen

2021 wird für uns alle und für Sie herausfordernd sein. Welche Umstände werden Sie beeinflussen bei Ihrer Entscheidung, 2022 wieder anzutreten?
Ich fühle mich wohl hier in der Hofburg. Ich habe ein ausgezeichnetes Team. Wir haben es, glaube ich, geschafft, einiges an Staub abzuschütteln, der sich naturgemäß im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte festgesetzt hat. Wenn wir - und ich sage ausdrücklich wir, weil Teamwork wichtig ist -, wenn wir es geschafft haben, in bestimmten Situationen, namentlich rund um Ibiza, das Schiff Österreich auf Kurs zu halten, bin ich dankbar. Aber das heißt nicht, dass die Entscheidung gefallen ist.

Interview: Klaus Herrmann, Kronen Zeitung

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