Lehrer statt Polizei
Deutscher Forscher: “Bildung verhindert Morde”
Im Auftrag der bekannten Bertelsmann Stiftung haben die beiden Wirtschaftswissenschaftler den Zusammenhang zwischen mangelhafter Schulbildung und Kriminalität unter die Lupe genommen. Das Ergebnis ist eine Studie, die sie nun in Berlin der Öffentlichkeit präsentiert haben.
Dass ein Zusammenhang zwischen Schulbildung und Verbrecherkarriere besteht, stand für die Forscher dabei außer Frage. Ein Blick in deutsche Gefängnisse genüge: Dort hätten 15 Prozent der Insassen nicht einmal einen Hauptschulabschluss, unter Gewaltverbrechern und Dieben gilt dies sogar für jeden Vierten. Nimmt man die Gesamtzahl deutscher Erwachsener, seien es dagegen nur 3,6 Prozent.
Die entscheidende Frage allerdings war: Besteht ein kausaler Zusammenhang zwischen der unzureichenden Bildung und dem Abdriften ins Verbrechermilieu? Denn nur dann wäre erwiesen, dass Bildung tatsächlich eine Stellschraube ist, mit deren Hilfe sich Verbrechen verhindern ließen. Und tatsächlich: Mit der Studie sei es zum ersten Mal gelungen, diese Kausalität für Deutschland zu belegen.
1.771 Häftlinge befragt
Die Wissenschaftler haben 1.771 Häftlinge sowie eine Kontrollgruppe von 1.193 Menschen ohne einschlägige Vorgeschichte befragt und die Ergebnisse mit Daten der Kriminalitätsstatistik verglichen. Mit Hilfe komplizierter statistischer Messverfahren konnten sie verschiedene Faktoren festmachen, die eine kriminelle Laufbahn begünstigen. So stellten die Forscher fest, dass in besonderem Maße Vorstrafen im Elternhaus dazu führten, dass auch die Kinder straffällig wurden. Eine Scheidung der Eltern wirkt sich demnach ebenfalls negativ aus; und - zur Überraschung der Wissenschaftler - verstärkt sogar Konfessionslosigkeit die Neigung zu kriminellem Handeln. Verbrechenshemmend wiederum wirken Ehen.
Das Augenmerk der Untersuchung lag jedoch auf den Bildungseinflüssen. Hier schlug der fehlende Hauptschulabschluss besonders stark zu Buche. Um zehn Prozent höher war bei den Schulabgängern ohne Schulabschluss die Wahrscheinlichkeit, wegen eines Verbrechens verurteilt zu werden. Und genau das ist der Punkt, bei dem die Bertelsmann Stiftung ansetzen will: Denn der Bildungsfaktor sei derjenige, auf den die Gesellschaft am ehesten Einfluss nehmen kann.
Mehr Polizisten – oder mehr Lehrer?
Einen kleinen Haken freilich hat die Sache: Man müsste erst einmal die Zahl der Schulabgänger ohne Abschluss halbieren. Wäre ein so ambitioniertes Ziel mit politischen Maßnahmen überhaupt zu erreichen? Das freilich vermag auch die Frankfurter Studie nicht zu beantworten. Doch natürlich würde sich auch eine niedrigere Reduzierung dieser Zahl schon positiv in der Kriminalitätsstatistik bemerkbar machen.
"Die spannende Frage wäre", sagt Jörg Dräger, der im Vorstand der Stiftung für Bildung zuständig ist, "wie viele Polizisten ich brauche, um 416 Morde zu verhindern - und wie viele Lehrer." Für ihn ist klar: "Unser Bildungssystem lässt viel zu viele Schüler scheitern." Einen Lösungsansatz sieht der ehemalige Hamburger Wissenschaftssenator daher in einem stärkeren Fokus auf das gemeinsame Lernen. Den Hebel müsse man bei Förder- und Brennpunktschulen ansetzen und Sonderschüler in einen reformierten Regelschulbetrieb integrieren. Zahlreiche Studien hätten längst belegt, dass das gemeinsame Lernen stärkeren Schülern nicht schade, schwächeren aber helfe.
In Euro: 1,419 Milliarden
Die Bertelsmann Stiftung hat es sich schon seit längerem zum Ziel gesetzt, die Folgekosten schlechter Bildung zu beziffern. So veröffentlichte sie vor gut einem Jahr das Ergebnis einer Studie, wonach sich die Folgekosten unzureichender Bildung durch entgangenes Wirtschaftswachstum innerhalb der kommenden 80 Jahre in Deutschland auf stattliche 2,8 Billionen Euro summierten.
Die jetzt vorgelegte Studie ist ein weiterer Baustein des Projekts. Deshalb wurden Entorf und Sieger gebeten, das Ergebnis auch noch einmal in Euro zu beziffern: Auf 1,419 Milliarden Euro, so das Fazit, beliefen sich die vermeidbaren "Kriminalitätskosten" im Jahr - nach konservativen Berechnungen. "Ich könnte auf diese Eurobeträge gut verzichten", sagte Wissenschaftler Entorf: "Aber Politiker kann man damit besser überzeugen."
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