EU-Drogenbericht

Neue Suchtgifte, ältere Abhängige und “Koks-Problem”

Ausland
10.11.2010 11:01
Eine Rekordzahl neuer Drogen, eine Suchtgiftproblematik, die sich nicht mehr an Altersgrenzen hält, mehr Abhängige in Substitutionstherapie sowie eine oft unterschätzte Gefahr durch Kokain: Das sind die Charakteristika der Situation rund um illegale Substanzen, wie sie der neue Jahresbericht der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EBDD), der am Mittwoch veröffentlicht wurde, darstellt.

Die Produzenten synthetischer Drogen werden immer einfallsreicher. "Im Jahr 2009 wurde der EBDD und Europol über das EU-Frühwarnsystem offiziell die Rekordzahl von 24 neuen psychoaktiven Drogen gemeldet. Dies ist nicht nur die höchste Zahl von Substanzen, die jemals in einem Jahr gemeldet wurde, sondern sie ist auch doppelt so hoch wie die 2008 mitgeteilte Zahl (13)", schreiben die Experten in ihrem Report. Zumeist handle es sich um Abwandlungen der Substanz Cathinon, die mit dem Aufputschmittel Amphetamin verwandt ist.

Auch das "Spice"-Phänomen - Substanzen auf Pflanzenbasis in rauchbarer Form, die mit synthetischen Cannabinoiden versetzt sind - entwickelt sich weiter. 2009 wurden insgesamt neun synthetische Cannabinoide aus mindestens vier verschiedenen chemischen Stoffgruppen als neu auf dem illegalen Drogenmarkt gemeldet.

Jedes Jahr rund 1.000 Todesopfer durch Kokain
Europa hat auch zunehmend ein "Koks-Problem", dessen Gefahren offenbar von vielen Menschen unterschätzt werden. Anlass zur Sorge gibt den Fachleuten ein Anstieg der Todesfälle im Zusammenhang mit Kokainkonsum. Jährlich werden in Europa rund 1.000 durch Kokain verursachte Todesfälle gemeldet. In Großbritannien verdoppelte sich zwischen 2003 (161) und 2008 (325) die Zahl der Totenscheine, in denen auf das Vorhandensein von Kokain hingewiesen wurde. 2008 begaben sich rund 70.000 Personen in 27 europäischen Ländern wegen Kokainproblemen (Pulver und Crack) in Drogenbehandlung (das entspricht etwa 17 Prozent aller neuen Drogenklienten in Therapie).

"Es gibt immer noch zu viele Europäer, die den Kokainkonsum als relativ harmloses Attribut eines erfolgreichen Lebensstils ansehen", erklärte dazu EBDD-Direktor Wolfgang Götz. "Jedoch zeigt sich mehr und mehr, dass der steigende Kokainkonsum auch zunehmende Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit hat. Wir müssen ganz klar die Botschaft vermitteln, dass der Konsum dieser Droge nicht nur schnell eskalieren, sondern auch tödlich sein kann - selbst wenn sie nur gelegentlich und in niedrigen Dosen konsumiert wird."

Zu wenig Therapie-Angebote für "Suchtgift-Senioren"
Europas Bevölkerung wird im Durchschnitt immer älter - und die Drogenabhängigen altern mit. Dies gilt laut dem Bericht insbesondere für die westlichen Länder, die in den 1980er- und 1990er-Jahren Schauplatz der ersten Heroin-Epidemien in Europa waren. In der speziellen Untersuchung zu dem Thema wird auf den dringenden Bedarf an Betreuungs- und Behandlungsangeboten für diese Klientel hingewiesen. Es gebe "in Europa kaum spezifische Behandlungs- und Betreuungsprogramme für ältere Drogenkonsumenten".

Die Größe des Problems wird auch durch statistische Daten aus den Therapieeinrichtungen gestützt. Ältere Konsumenten machen inzwischen einen wesentlichen Anteil der Patienten aus. Durchschnittlich ist etwa jeder Fünfte (19 Prozent) aller Drogenkonsumenten, die sich in Europa in Behandlung begeben, mindestens 40 Jahre alt, wobei sich dieser Anteil in einigen Ländern auf nahezu 30 Prozent beläuft. Noch vor zehn Jahren lag der Anteil der älteren Patienten in den meisten Mitgliedstaaten bei höchstens zehn Prozent. Portugal verzeichnet den höchsten Anteil (28 Prozent) der älteren Drogenkonsumenten. In manchen Staaten sind mehr als 50 Prozent der Patienten in Opiat-Substitution über 40 Jahre alt.

Drogenersatztherapien für eine Million Menschen in EU
Eine weiterhin zunehmende Erfolgsstory ist die Drogensubstitutionstherapie für Opiatabhängige mit in Apotheken auf ärztliche Verschreibung erhältlichen Substanzen wie Methadon, retardierten Morphinen, Buprenorphin oder speziellen Kombi-Präparaten. Die EBDD schätzt, dass in der EU jedes Jahr mindestens eine Million Menschen in der einen oder anderen Form wegen Drogenproblemen behandelt werden.

Derzeit erhalten etwa 670.000 Abhängige diese Form der Behandlung. "Gegenüber 1993 ist das eine Zunahme auf das Zehnfache. Heute ist die Substitutionsbehandlung in allen 27 EU-Ländern sowie in Kroatien und Norwegen verfügbar und dürfte etwa die Hälfte der problematischen Opioidkonsumenten in Europa erreichen", stellen die Experten fest. Von Land zu Land ist der Zugang allerdings sehr unterschiedlich. In manchen Staaten erhalten weniger als zehn Prozent der Opiatabhängigen eine Substitutionstherapie, in anderen Staaten sind es mehr als 50 Prozent. Detail am Rande: Im Bundesland Wien wird von einer 70-prozentigen Abdeckung gesprochen.

Ein spezielles Problem liegt in der Behandlung der Kokainabhängigkeit. "Da die Drogenbehandlungseinrichtungen in Europa noch immer überwiegend auf Opioidkonsumenten zugeschnitten sind, lehnen es sozial integrierte Konsumenten von Kokain - zum Teil auch wegen selbst empfundener Stigmatisierung - ab, eine Behandlung aufzunehmen", heißt es vonseiten der EBDD. Hier haben sich einige Länder demnach allerdings mit neuen Initiativen engagiert, darunter auch Österreich: "Für diese Zielgruppe bieten Dänemark, Irland, Italien und Österreich jetzt Behandlungen außerhalb der regulären Öffnungszeiten an, um beruflichen Verpflichtungen Rechnung zu tragen und für mehr Diskretion zu sorgen."

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