18.11.2020 13:01 |

„Charlie Hebdo“-Chef:

„Verbaler Durchfall ist keine Meinungsfreiheit“

Zum 50-jährigen Bestehen der französischen Satirezeitung „Charlie Hebdo“ hat Redaktionsleiter Laurent Sourisseau ein falsches Verständnis von Meinungsfreiheit beklagt. „Ein verbaler Durchfall überschwemmt den Planeten“, schrieb der Zeichner und Autor unter seinem Pseudonym „Riss“ in einem am Mittwoch veröffentlichten Leitartikel.

„Es erfordert übermenschliche Wachsamkeit, um wahr von falsch zu trennen“. „Verletzungen der Privatsphäre, Beleidigungen und Todesdrohungen“ seien vor allem in Online-Netzwerken Alltag. „In 50 Jahren sind wir von einem Extrem ins andere geraten“, schrieb Riss: „Von einer frigiden Gesellschaft, in der die Berichterstattung von den Mächtigen misstrauisch überwacht wurde, bis hin zu einer ultramediatisierten Gesellschaft, in der jeder alles öffentlich sagen kann, (...) ohne Angst vor Sanktionen haben zu müssen.“

„Ja, die Meinungsfreiheit hat Grenzen!“
„Deshalb ist es paradox, dass eine Zeitung wie ‘Charlie Hebdo‘ sich heute auf der Seite derjenigen wiederfindet, die diese unbegrenzte Redefreiheit regulieren wollen“, schrieb Riss weiter. „Entgegen der landläufigen Meinung hat ,Charlie‘ nie bestritten, dass die Meinungsfreiheit Grenzen hat.“ So rechtfertige sie keine „Aufrufe zur Gewalt, Rassismus oder Fanatismus“. „Nicht die immense Zahl der Wortmeldungen dient der Meinungsfreiheit, sondern die Qualität dessen, was man veröffentlicht“, betonte Riss. „Das ist das Mindestmaß an Respekt, den wir der Meinungsfreiheit schuldig sind.“

Vorgängermagazin war verboten worden
„Charlie Hebdo“ war am 23. November 1970 erstmals erschienen. Die Zeitung war der Nachfolger des Satire-Magazins „Hara Kiri“, das nach einer ironischen Titelgeschichte zum Tod des früheren Präsidenten Charles de Gaulle in Frankreich verboten wurde. Das „Charlie“ im Namen verweist auf die Comicfigur Charlie Brown von den Peanuts, „Hebdo“ ist die Abkürzung des französischen Worts für Wochenzeitung (hebdomadaire).

Nach der Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen wurde die Zeitung im Jänner 2015 zum Ziel eines Anschlags, bei dem Islamisten zwölf Menschen töteten. Danach gingen Millionen Menschen weltweit für die Meinungsfreiheit auf die Straße. In diesem Jahr führte der Neuabdruck der Karikaturen in „Charlie Hebdo“ zu Protesten in muslimischen Ländern und neuen Morddrohungen gegen die Redaktion.

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