15.11.2020 06:00 |

Täter ausgeschaltet

WEGA-Beamte im Interview: „Wir sind keine Helden“

Sie haben den Attentäter in Rekordzeit von nur neun Minuten ab Notruf zur Strecke gebracht. Wer sind die beiden Polizisten der Spezialeinheit WEGA? Wie haben sie die dramatischen Ereignisse erlebt? Sie sagen: „Wir sind keine Helden. Jeder von uns hätte so gehandelt. Wir sind wie eine große Familie.“

Sie haben keinen Namen und kein Gesicht. Zumindest nicht für die Öffentlichkeit. Fotos sind daher nur mit Sturmhaube erlaubt. Niemand soll sie erkennen. Denn wenn sie zum Einsatz gerufen werden, geht es meist um Leben und Tod. So wie in der Terrornacht am Montag der Vorwoche. Es waren die beiden Polizisten der Spezialeinheit WEGA, die den Täter schließlich mit einem gezielten Schuss zur Strecke gebracht haben. In internationaler Bestzeit von nur neun Minuten ab Notruf. Im Einsatz mit 100 Kollegen, 190 Cobra-Leuten und insgesamt 1000 Polizisten.

Seitdem werden sie als Helden gefeiert. Kanzler Sebastian Kurz und Innenminister Karl Nehammer zeichneten sie mit dem Goldenen Verdienstzeichen der Republik aus. Eine Situation, mit der die beiden „eigentlich gar nicht umgehen können“, wie sie sagen: „Weil es ja eine Teamleistung war. Jeder von uns hätte so gehandelt. Wir sind keine Helden.“

Einziges Interview in der „Krone“
Wer aber sind die beiden? Warum gerade sie? Sind sie ein fixes Team? Wie haben sie die Terrornacht erlebt? Den Täter aus nächster Nähe? War der tödliche Schuss geplant? Wir treffen die beiden zu ihrem einzigen Interview. Es ist etwas absolut Einmaliges - und wird es auch bleiben, wie sie betonen: „Eine echte Ausnahme. Wir haben lange überlegt.“ Ein enormer Vertrauensbeweis. Das Besprechungszimmer in der Rossauer Kaserne wirkt eher wie ein Verhörraum, wie man ihn aus Krimis kennt. Spartanisch, kaltes Licht. Keine 1000 Meter Luftlinie entfernt vom Einsatzort. Sehen kann man ihn von dort allerdings nicht.

Männer ohne Namen
Gesprächsmitschnitt ist nicht erlaubt. Zu heikel. Wie man sie ohne Namen oder Dienstgrad anreden soll? „Sagen Sie einfach Polizist 1 oder Polizist 2“, lächelt der Ältere. Eitelkeit ist ihnen fremd. Beide groß und athletisch wie Olympia-Zehnkämpfer, auffallend gut aussehend wie Männermodels. Der Ältere und spätere Schütze ist um die 40 Jahre und 17 davon bei der Spezialeinheit; einer der erfahrensten Männer der Truppe. Der Jüngere, Mitte 30 und seit fünf Jahren dabei. Keine Rambos, keine Machos, keine blöden Sprüche, wie man sie vielleicht erwarten würde. Stattdessen extrem verantwortungsbewusste bescheidene Männer, sympathisch, mit Herz und Hirn. Über Privates dürfen sie nicht sprechen. Aber man kann davon ausgehen, dass sie wie die meisten ihrer Kollegen verheiratet oder verpartnert sind, und ihre Freizeit lieber mit Sport, in der Natur, beim Lesen, Kochen oder mit Kindern verbringen als in Spielhöllen, Muckibuden oder Bars.

„Krone“: Wie haben Sie die dramatischen Stunden erlebt? Wo waren Sie, als der Notruf kam?
Polizist 1 (der Ältere):
Wir hatten beide Dienst. Ich war gerade in der Waffenkammer, als wir alarmiert wurden. Innerhalb von 30 Sekunden war ich startklar. Das trainieren wir unter Zeitdruck.
Polizist 2 (der Jüngere): Ich war gerade mit einem Kollegen in einer Sektorstreife auf der Reichsbrücke. Es sind ständig vier Streifen von uns in Wien unterwegs, sodass fast jeder Ort in nur fünf Minuten erreichbar ist. Die Geschwindigkeit ist unsere große Stärke. Dann kam auch schon die Eskalationsmeldung mit dem angeschossenen Kollegen. An der Tonlage und den Codeworten war die Dramatik sofort klar. Die Kollegen haben uns das Bewegungsprofil des Attentäters übermittelt, sodass wir punktgenau zufahren konnten. Man muss sagen, dass der wahre Held der angeschossene Streifenpolizist ist. Die Regel in so einer Situation lautet: Aufmerksamkeit auf sich ziehen, den Täter beschäftigen und aus dem Konzept bringen. Aber das ist die Theorie. Als Streifenpolizist gegen einen mit Kalaschnikow - da gehört sehr viel Mut dazu.
Polizist 1: Das war der gefährlichste Job überhaupt. Wenn die erste Streife nicht schon soviel Druck aufgebaut hätte, wäre es noch viel, viel schlimmer ausgegangen. Da zählt wirklich jede Sekunde. Man steht unter enormem Zeitdruck und sieht den Wert unserer Ausbildung. Alles läuft automatisiert und sitzt.

Sind sie direkt zum Schwedenplatz?
Polizist 1: Genau. Die paar Sekunden im Auto hab ich genützt, um mich mit Bauchatmung „ruhigzuatmen“. Das ist wichtig. Beim Aussteigen war sofort klar, was los ist!
Polizist 2: Schüsse, Schreie. Man ist augenblicklich voll auf Adrenalin und in der Realität. Wir haben den Attentäter zu Fuß verfolgt. Im Auto wäre man zu unflexibel und gefährdeter, wenn man beschossen wird.

Wie haben Sie die Situation bei der Ruprechtsstiege empfunden?
Polizist 2: Chaotisch und unübersichtlich. Wir wurden beschossen.
Polizist 1: Das war nicht so, dass da nur der Attentäter und wir gewesen wären. Leute sind schreiend kreuz und quer gerannt und haben in alle Richtungen gedeutet. Dazwischen Beamte in Zivil. Das war enorm fordernd und außergewöhnlich auch für uns. Man muss blitzschnell schalten: Was plant der Täter? Will er sich vielleicht ergeben? Ist er überhaupt der Richtige? Man kann ja nicht einfach schießen.

Wie kam es dann zum Schuss? Kommt das Kommando per Funk? Verständigt man sich per Blickkontakt?
Polizist 1: Blickkontakt? Ich hab meinen Kollegen nicht einmal erkannt, obwohl wir eng befreundet sind. Ich hab nur wahrgenommen, dass er auch da ist. Man ist so extrem fokussiert.

Wer hat dann geschossen?
Polizist 1 (hebt die Hand): Ich.

War es Ziel, ihn tödlich zu treffen?
Polizist 1: Tötung ist nie die Absicht. Ziel ist es, den Täter handlungsunfähig zu machen. Es hätte auch sein können, dass wir beide schießen. In so einer Situation muss es blitzschnell gehen.

Wie nah kamen Sie ihm?
Polizist 1: Das dürfen wir nicht sagen. Mitteldistanz.

Ressortsprecher Patrick Maierhofer wirft ein: Man darf auch nicht vergessen: Jeder tödliche Schusswaffengebrauch wird der Staatsanwaltschaft angezeigt, die dann eine Beurteilung vornimmt. Bis dahin dürfen keine Details veröffentlicht werden.

Wie haben Sie den Täter aus der Nähe empfunden?
Polizist 1: Nervös, chaotisch unberechenbar.

Wie war es nach dem Schuss?
Polizist 1: Ich hab den Funkspruch abgesetzt, ,Täter getroffen und zu Boden gegangen‘. Da hab ich gemerkt, dass ich schneller spreche als sonst.
Polizist 2: Die Situation war noch nicht entschärft. Es hätte ja sein können, dass es mehrere sind, oder einer in einem Hausflur in sein Handy drückt und alles in die Luft fliegen lässt. Außerdem kamen laufend Funkmeldungen von weiteren Schüssen, Verdächtigen auf Hausdächern oder einer Geiselnahme. Es war extrem unübersichtlich.

Wann war der Einsatz für Sie dann beendet?
Polizist 1: Es war 2.30 Uhr, als wir in die Kaserne zurückgekommen sind. Dann haben wir einmal einen Kaffee getrunken. Geendet hat unser Dienst erst am nächsten Nachmittag. Zu Mittag gab es noch eine Tatortbegehung und erste Maßnahmen zur unabhängigen Überprüfung des Waffengebrauchs.

Wie haben die Kollegen reagiert? Haben sie gratuliert?
Polizist 1: Da wird nicht abgeklatscht. Man redet über Details, damit andere daraus lernen können. Aber es ist kein Grund zum Feiern. Unser Chef hat erzählt, dass wir Gratulationen von Sondereinheiten aus aller Welt bekommen haben, weil wir so schnell waren.

Wie verkraften Sie den Einsatz?
Polizist 1: In einer Spezialeinheit muss man damit rechnen, dass es zu so einer Situation kommt. Es wird einem psychologische Hilfe angeboten, aber es bleibt einem überlassen, ob man sie in Anspruch nimmt. Wir selbst arbeiten die Vorfälle aber lieber durch Gespräche mit Kollegen auf. Unsere Dienste gingen auch ganz normal weiter. Wir sind laufend in Einsätzen. Am nächsten Tag hat uns alles wehgetan vom Stress und der Anstrengung, wenn man die ganze Nacht mit der 25-Kilo-Ausrüstung und dem Sturmgewehr im Anschlag herumrennt.

Wo sind eigentlich Ihre Verdienstzeichen?
Polizist 1 (lacht): Noch nicht ausgepackt. Wir werden sie auf eine schöne Tafel montieren und bei uns aufhängen. Schließlich haben wir sie stellvertretend für alle bekommen, die in dieser Nacht Großes geleistet haben. Wir sind wie eine große Familie und haben eine super Kameradschaft. Dafür wollen wir uns bei allen bedanken und den Hinterbliebenen unser Mitgefühl ausdrücken.

Edda Graf, Kronen Zeitung

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