Als Stockholm-Syndrom bezeichnen Psychologen das Phänomen, wenn Geiseln für ihre Entführer Sympathie, bisweilen sogar Zuneigung empfinden. Bei Monkey und Trip, den beiden Protagonisten im neuesten Streich der "Heavenly Sword"-Macher von Ninja Theory, verhält es sich ganz ähnlich. In letzter Sekunde von einem Sklaven-Raumschiff geflüchtet, macht die adrette Trip den muskulösen Monkey mit Hilfe eines Stirnbands zu ihrer Geisel, um so, ganz und gar eigennützig, das eigene Fortbestehen zu sichern.
Denn im New York der Zukunft, in dem die beiden nach ihrer Flucht landen, haben schon längst nicht mehr die Menschen das Sagen. Stattdessen patrouillieren hochtechnisierte Kampf-Roboter durch die von dichtem Grün überwucherten Ruinen der einstigen Metropole. Gegen sie alleine hätte Trip nie eine Chance und so zwingt sie Monkey, ihr beizustehen. Der kommt dieser "Bitte" nur zu gerne nach, denn stirbt seine Gebieterin, segnet auch er das Zeitliche.
Gleichberechtige Partnerschaft
Monkey muss demnach nicht nur seine eigene Haut retten, sondern auch dafür Sorge tragen, dass Trip unbeschadet davon kommt. Es reicht also nicht, das Fräulein mit einem beherzten Wurf mal eben schnell über einen Abgrund hinweg zu werfen, nein, unter Umständen muss Monkey auch schleunigst hinterher und der bereits völlig entkräftet an der Kante baumelnden Trip seine helfende Hand reichen, um sie vor dem Sturz in die Tiefe zu bewahren.
Damit die Gleichberechtigung nicht zu kurz kommt, bringt jedoch auch Trip ihre Fähigkeiten in die ungewollte Partnerschaft mit ein. Mit entsprechenden Medi-Packs ausgerüstet, vermag sie beispielsweise Monkey zu heilen. Mit einem Ablenkungsmanöver wiederum lenkt sie die Aufmerksamkeit schwerer Geschütze und Mechs auf sich, damit Monkey ungesehen über die Flanke vorstoßen und die Widersacher hinterrücks erledigen kann.
Trips wohl größtes Talent besteht aber darin, Monkeys Ausrüstung zu verbessern. Die nötigen Erfahrungspunkte vorausgesetzt, verstärkt sie seinen Schild, erhöht die Gesundheitsanzeige und schraubt an Monkeys wichtigster Waffe gegen die finsteren Mächte, seinem Kampfstab. Dieser eignet sich hervorragend, um den Blechhaufen mit schnellen sowie schweren Schlägen zuzusetzen oder sie für kurze Zeit zu lähmen, aber auch, um sie mit ein paar gezielten Schüssen aus der Distanz auszuschalten.
Fordernde Abwechslung
Munition ist allerdings Mangelware und nicht bei jedem Gegner erweist sich brutale Waffengewalt als die passende Lösung. Dies gilt insbesondere für die zumeist unverhofft in Erscheinung tretenden Boss-Gegner, die Monkey ein gewisses Maß an Taktik abverlangen. Gleiches lässt sich auch von den diversen Schleicheinlangen behaupten, in denen das Duo von den Robotern unbemerkt seinen Weg fortsetzen sollte. Eindeutig einen Tick zu leicht ausgefallen sind hingegen die zahlreichen Sprung- und Kletterpassagen, in denen Monkey nach bekannter Manier an Wänden und Stangen entlang und auf und ab kraxelt.
Filmische Kulisse mit prächtiger Optik
Was "Enslaved" nun trotz fleißig zusammengeklaubter (vielleicht auch "zusammengeklauter") Ideen auszeichnet und positiv von so manch anderem Action-Adventure gleicher Machart abhebt, ist einerseits die Beziehung zwischen den beiden Protagonisten, die mit Hilfe moderner Motion-Capture-Technik – Monkey wird von "Gollum"-Darsteller Andy Serkis gespielt - und einer gelungenen Synchronisierung ins Deutsche glaubhaft in Szene gesetzt wurde. Andererseits die optisch starke Präsentation, die dem Spiel dank flinker Perspektivenwechsel und Schnitte auch während der Kämpfe ein gewisses Kino-Flair verleiht. Einziges Manko dabei: Nicht immer findet die Kamera den perfekten Blickwinkel, was mitunter Gefühle leichter Verwirrtheit hervorruft.
Fazit: "Enslaved - Odyssey to the West" ist ein in spielerischer Hinsicht zwar nicht ganz frisches, aber dank toller Optik, glaubhafter Charaktere und reichlich Abwechslung dennoch spannendes Abenteuer, das für reichlich Kurzweil sorgt - leider jedoch bei Weitem nicht so lange wie man dem Namen nach vermuten würde (Held Odysseus benötigte immerhin zehn Jahre).
Plattform: Xbox 360 (getestet), PS3
Publisher: Namco Bandai
krone.at-Wertung: 8/10
von Sebastian Räuchle











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