Dort entpuppte sich die "Vario Finance" nämlich als das Fantasiegebilde des 63-jährigen gebürtigen Deutschen Ronald F., seiner um zwei Jahre älteren Landsfrau Waltraut O. sowie einer pensionierten Frau, über die die Geldtransfers gelaufen sein sollen. Der Mann gab beim Prozessauftakt am Dienstag unumwunden zu, ohne Vermögen und Einkommen zu sein: "Vom Arbeitsamt habe ich sogenanntes Arbeitslosengeld bekommen. Ich habe in den letzten 15 Jahren von meiner lieben Ehefrau gelebt."
Dessen ungeachtet sei es ihm gelungen, in Nigeria ein Riesen-Geschäft "aus dem sogenannten Off Shore-Bereich" an Land zu ziehen, erzählte der ausgebildete Schifffahrtskaufmann dem Schöffensenat (Vorsitz: Georg Olschak): Ein Mann namens Bill Smith habe ihm einen Vertrag über 42,6 Millionen Euro angeboten. Er hätte lediglich fünf Millionen benötigt, um den dicken Fisch an Land zu ziehen. Dafür habe er über seine Bekannte Waltraut O. und deren "Vario Finance" Investoren gesucht.
Bei Tage Altenpflegerin, bei Nacht Finanzgenie
Waltraut O. hatte sich seit 1998 in der Bundeshauptstadt Zugang in betuchte großbürgerliche Kreise verschafft, wo sie als bestens vernetzte Business-Frau aus der Hochfinanz auftrat. In Wahrheit arbeitete die 65-Jährige als Altenpflegerin. Dennoch schaffte sie es, ihren noblen Bekannten weiszumachen, man könne sich mit ihrer Hilfe an Geschäften beteiligen, wo "kleine Fische" sonst nicht geduldet würden. Doch habe sich eine "Finanzlücke" aufgetan, bei "absoluter Geheimhaltung" wäre eine Beteiligung ausnahmsweise möglich.
Als Präsidentin der "Vario Finance" gab die Frau ihre Langzeitfreundin aus, eine 71 Jahre alte Pensionistin. Die Investments wurden auch auf deren Pensionskonto überwiesen und dann - so zumindest die Verantwortung der Angeklagten - auf Konten in der Karibik, Hongkong und Zypern verteilt. Zwischen Dezember 2002 und November 2007 schröpfte das Trio laut Anklage Dutzende gierige Anleger. 59 Fakten mit einer Schadenssumme von fast drei Millionen Euro sind in dem bis Freitag anberaumten Verfahren inkriminiert.
Angeklagter: Geschäft nur wegen Festnahme gescheitert
Schuldbewusstsein war bei den Angeklagten kaum erkennbar. "Renditen von 30 Prozent waren für mich kalkulatorisch absolut machbar", betonte Ronald F., der nicht nur äußerlich an einen Märchenonkel erinnerte. Er berief sich auf "kontinuierlichen Briefverkehr, die mir das aus Kreisen der Regierung bestätigt haben".
Die von der "Vario Finance" eingesammelten Gelder habe man auf Anweisung von "registrierten Zahlungsagenten der nigerianischen Regierung" weitergeleitet. Die Rückzahlung sei nur deshalb gescheitert, weil er unter Betrugsverdacht festgenommen wurde. Der Deutsche ist in seiner Heimat einschlägig vorbestraft.
Trio drohen bis zu zehn Jahre Haft
In Wahrheit dürfte ein Großteil der Beute verspielt worden sein, vermutet die Staatsanwaltschaft. Waltraut O. hatte seit 2003 gezählte 212 Mal Casinos in Österreich und Deutschland beehrt. Allein im Jahr 2006 wurden 56 Besuche registriert. Mit ihrem Altenpflegerinnen-Gehalt dürfte dieses Hobby wohl sehr schwer vereinbar gewesen sein. Im Falle von Schuldsprüchen drohen nun ihr, ihrer besten Freundin und Ronald F. jeweils bis zu zehn Jahre Haft.
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