Coaching als Strafe

"Psychostunde" für Alkolenker offenbar wirkungslos

Österreich
04.10.2010 09:38
Seit September 2009 müssen Alkolenker in Österreich mit strengeren Strafen und bei einer Alkoholisierung zwischen 0,8 und 1,2 Promille mit einem neu entwickelten verkehrspsychologischen Coaching rechnen. Die "Nachschulung light" stellen die durchführenden Institute nun mit einer statistischen Analyse und einer Umfrage unter Alkolenkern infrage: In ihrer derzeitigen Form scheint die Maßnahme wirkungslos, weit effektiver bzw. überhaupt wirksam wären dagegen verstärkte Polizeikontrollen.

Die Studie von sechs verkehrspsychologischen Instituten (alles-führerschein.at, Führerschein GmbH, Gute Fahrt, INFAR, Institut Vorrang und Institut Sicher Unterwegs) kommt zu dem Ergebnis, dass die neu eingeführten Maßnahmen keine Effekte auf die Zahl der Alkoholunfälle hatten. "Die Zahl der Alkoholunfälle ging im relevanten Zeitraum nicht zurück", sagte Studienleiter Gregor Bartl, Verkehrspsychologe des Instituts alles-führerschein.at.

An Unfallstatistik keine Wirkung abzulesen
Erfolge hätten sich im Zeitraum von September 2009 bis Jänner 2010 einstellen müssen, ist Bartl überzeugt. Die Zahl der Alkoholunfälle ist während dieser fünf Monate aber nur um 1,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr gesunken, während alle anderen Verkehrsunfälle viel deutlicher, nämlich um 5,4 Prozent rückläufig waren.

Doppelt positiv auf die Unfallzahlen hätte sich eigentlich auch die Wirtschaftskrise auswirken müssen. "Wenn es Menschen wirtschaftlich schlechter geht, gibt es Rückgänge beim Alkoholkonsum in der Gastronomie, es werden weniger Freizeitfahrten gemacht und dadurch sind weniger Unfälle zu erwarten", sagte der Verkehrspsychologe. "Es hätte einen Abwärtstrend geben müssen."

In einer Langzeitanalyse hat man die monatliche Veränderung des Prozentanteils der Alkoholunfälle am Gesamtunfallgeschehen betrachtet. Diese bewegten sich im Bereich von 6,6 Prozent (September 2009), 6,52 Prozent (Oktober 2009), 7,64 Prozent (November 2009), 7,93 Prozent (Dezember 2009), 7,65 Prozent (Jänner 2010), 5,82 Prozent (Februar 2010) und 5,93 Prozent im März 2010. "Das sind wie immer Zufallsschwankungen, auch hier hätte man einen Trend erkennen müssen", sagte Bartl.

Psychologen fordern Coaching-Evaluierung
Die verkehrspsychologischen Institute fordern die Evaluierung des im September 2009 eingeführten Verkehrscoachings (für Alkolenker zwischen 0,8 bis 1,19 Promille), andernfalls sei dessen Anwendung nicht zu rechtfertigen. Bei den vierstündigen Coachings konfrontieren Rettungskräfte und Psychologen Lenker mit den Folgen von Alkounfällen, es geht um die Reflexion des Verhaltens und um Bewusstseinsbildung. Verstöße im Bereich Kindersicherung werden zusätzlich mit je zwei Unterrichtseinheiten in Theorie und Praxis belegt. Das vierstündige Coaching kostet dem Lenker 100 Euro.

Fahrer ab 1,5 Promille Alkohol im Blut müssen zu einer Nachschulung. Diese Maßnahme ist evaluiert und reduziert das Rückfallrisiko nachweislich um 50 Prozent, so der Verkehrspsychologe.

Schock-Kampagne beeindruckt Alkolenker nicht
Die im November 2009 gestartete Kampagne mit abschreckenden TV-, Kino- und Hörfunk-Spots blieb nach Ansicht der Verkehrspsychologen ebenfalls ohne positive Folge. "Das ist so wirkungslos wie ein abschreckendes Foto auf einer Zigarettenschachtel", sagte Bartl. So etwas festige nur die Meinung jener, die ohnehin gegen Alkohol am Steuer sind. "Das ist eine bekannte Tatsache in der Psychologie." 

Im Rahmen der Alkolenker-Studie führten die sechs Institute auch Befragungen ihrer "Kunden" durch. Insgesamt 644 Alkolenker wurden über ihre Motive befragt und auch darüber, was sie in Zukunft vom Promille-Fahren abhalten würden. Von "Öffentlichkeitsarbeit oder Berichte in den Medien" als adäquate Maßnahme im Kampf gegen Alkohol am Steuer wollten nur fünf Prozent der Teilnehmer sprechen. "Und das obwohl in diesem Zeitraum die Alkohol-Kampagne im Fernsehen lief", sagte Verkehrspsychologe Gregor Bartl.

Nur Polizei-Kontrollen gefürchtet
Nahezu jeder fünfte Alkolenker (17 Prozent) glaubt, dass mehr Polizeikontrollen das wirkungsvollste Mittel gegen Alkohol im Straßenverkehr wären. Immerhin meinten 63 Prozent der Fahrer, die mit mehr als 1,2 Promille erwischt worden waren, dass sie vor ihrer Alkofahrt keine Angst hatten, von der Polizei aufgehalten zu werden.

Ihre Annahme war insofern falsch, als alle Befragten später von der Polizei erwischt wurden und ein Viertel sogar einen Unfall verursacht hatte. 85 Prozent der Befragten gaben an, vor Fahrtantritt keine Angst vor einem Unfall gehabt zu haben.

"Es wird schon nix passieren"
Laut dem Studienergebnis ist der typische österreichische Alkolenker ein Gesellschaftstrinker. Nur sechs Prozent tranken vor der Fahrt alleine. Der häufigste Gedanke vor Fahrtantritt war: "Es wird schon nix passieren, weil es ist eh nicht weit" (36 Prozent). Diese gefährliche Überzeugung war teilweise richtig, weil fast drei viertel der Fahrten kürzer als ein viertel Stunde gedauert hatten, ein Drittel sogar kürzer als fünf Minuten.

Laut Verkehrspsychologen dürfte Alkohol am Steuer über die Jahre zunehmend aus der Mode kommen. So gaben 45 Prozent der 644 befragten Alkolenker an, dass sie in den letzten 12 Monaten nie alkoholisiert gefahren seien. Dieser Wert war vor Jahren noch höher.

VCÖ fordert Ausdehnung der 0,1-Promille-Grenze
Der Verkehrsclub Österreich forderte am Montag bei der an sich nur für Führerscheinneulinge geltenden 0,1-Promille-Grenze eine Ausweitung bis zum Alter von 25 Jahre. Hintergrund: Jeder vierte Alkolenker sei hierzulande unter 25. Im vergangen Jahr sind llaut VCÖ 3.406 Personen bei Alkounfällen verletzt worden, 46 kamen ums Leben. "Wer alkoholisiert ein Auto lenkt, spielt mit dem eigenen Leben und mit dem der anderen Verkehrsteilnehmer russisches Roulette. Da die bisher gesetzten Maßnahmen nicht zum gewünschten Erfolg geführt haben, braucht es weitere Schritte", betonte Martin Blum vom VCÖ.

Der VCÖ kritisierte - entgegen der Ergebnisse der Studie -, dass die Strafhöhen in Österreich für Alkolenker zu niedrig seien. "Österreich liegt bei den Alkostrafen im Mittelfeld, obwohl der Lebensstandard und die Einkommen im Spitzenfeld liegen. Es braucht eine spürbare Erhöhung der Strafen für Alkolenker", sagte Blum.

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