09.09.2020 07:45 |

Karwendel-Rettung

Wie zwei Stücke Stoff zu einem Wunder verhalfen

Regen, Hagel und Sturm sowie nichts zu essen, nichts zu trinken: Dass ein Alpinist dreieinhalb Tage lang mitten im Tiroler Karwendel überlebte, grenzt - wie berichtet - an ein Wunder. Die Retter selbst hätten nicht gedacht, ihn lebend bergen zu können. Ohne einige glückliche Zufälle wäre es vielleicht auch ganz anders gekommen. Eine Rückschau.

Der Himmel wolkenverhangen, Nebelbänke, die die Bergspitzen im Griff haben und ein Mann, dessen Leben an zwei Stücken Stoff hängt: „Wir hatten viele Einsätze, aber den werden wir nie vergessen“, sagen Paul Gürtler und Alfred Wallenta, Bergretter seit über 30 Jahren.

Suchgebiet angepasst
Zwei Tage lang waren sie gemeinsam mit zahlreichen anderen Rettern auf der Suche nach einem Alpinisten, der am Freitag zu einer Tour aufgebrochen und nicht mehr nach Hause zurückgekehrt war. Die Mannschaft nützte am Montagvormittag ein Nebelfenster für einen Flug und entdeckte einen Rucksack samt blitzblauem Regenschutz mitten in einer Steilrinne. „Wir haben das Suchgebiet dementsprechend weiter nach Westen verlegt, wollten einen Trupp von unten, einen von oben in Richtung des Rucksacks schicken“, erklärt Gürtler.

Doch das Wetter wollte es anders, der Heli musste unter einer Nebelbank landen, Paul Gürtler und sein Kollege Josef Schiffmann wurden auf halber Strecke in die Wildnis entsandt. „Wir waren im wildesten Karwendel, die Sicht war schlecht“, erzählt der Bergretter, „wir wussten nicht einmal, ob wir auf der Falllinie des Rucksacks waren oder nicht.“

„Da bewegt sich etwas“
Gürtler funkte Wallenta an, um mit ihm den Standort zu besprechen, Schiffmann schaute durch ein Fernglas und traute seinen Augen kaum. „Da bewegt sich etwas“, sagte er, „da bewegt sich etwas.“  Ein weißer Fleck inmitten eines Latschenfelds. Ein weißer Fleck inmitten der Dunkelheit.

Die Bergretter riefen den Namen des Vermissten und hörten aus der Ferne einen leisen Laut. Sie seilten sich in einen Bach ab und kletterten auf der anderen Seite wieder hoch. „Da haben wir etwas kriechen gesehen“, sagt Gürtler, „einen Mann. Total ausgezehrt, die Wangenknochen sind ihm aus der Haut hinausgestanden.“

Sie gaben ihm zu essen und zu trinken und funkten ihre Kollegen an. „Erst als ich ihm gesagt habe, seine Frau werde sich nun aber freuen, hat er realisiert, dass er gerettet wird“, erzählt Gürtler. Im Tal brach Jubelstimmung aus: „So etwas ist die reine Motivation und zeigt uns, dass sich die Trainings, die Einsatzbereitschaft rechnen“, erklärt Wallenta.

Die Rolle der Zufälle
Bergretter, Flug- und Alpinpolizei gingen gemeinsam essen, ließen das Erlebte Revue passieren. „Der Mann hat ums Überleben gekämpft, hatte die Fitness, so etwas auszuhalten, aber hätten wir nicht den Rucksack mit dem Regenschutz gesehen, wären wir nicht woanders gelandet als geplant, hätte er kein weißes Kopftuch getragen ...“, sagt Gürtler, „im Leben braucht es mehr als einen Zufall.“

Und den Einsatz unermüdlicher Retter, die dann kommen, wenn andere nicht mehr können.

Anna Haselwanter
Anna Haselwanter
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