06.09.2020 10:21 |

Mitten im Nichts

2400 Höhenmeter: Briefkasten wird täglich entleert

Mitten in einer der einsamsten Bergregionen Österreichs, der Kreuzeckgruppe, steht auf 2400 Metern ein Briefkasten, der täglich entleert wird - so heißt es jedenfalls.  

Dieser Briefkasten Österreichs ist zweifellos eines der beliebtesten Fotomotive entlang des Kreuzeck-Höhenweges. Doch wie kam das Postkastl überhaupt dorthin? Nach einer monatelangen Recherche fand die „Bergkrone“ schließlich den dazugehörigen Briefträger auf der Draßnitzalm oberhalb von Dellach im Drautal. Es ist der Almhirte Robert Schrittesser, den wir in der urigen, einsamen Schwanensteinhütte in 1802 Meter Höhe besuchten. „Das Postkastl war eine Schnapsidee, eine blöde Geschichte und nie geplant“, schmunzelt Robert, der aus Maria Zell (Stmk.) stammt und heuer den fünften Sommer mit den Kühen auf der Alm verbringt.

Hier gehört ein Briefkasten her
„Bei den Rindern auf der Kirschen dachte ich mir, hier gehört ein Briefkasten her. Einfach so als Gag, ich weiß nicht warum.“ Zu einem befreundeten Briefträger sagte Robert: „Ich benötige ein altes Postkastl.“ Und als Antwort bekam er: „Wir haben eh jede Menge davon.“

Der Briefträger brachte tatsächlich eines
 „Es war das Größte, ein kleineres wäre mir lieber gewesen!“ Mit einer Rückentrage schleppte Robert den Kasten hinauf aufs Kirschentörl: „Ich habe hinauf geviecht!“

Mittlerweile trotzt der Briefkasten seit drei Jahren Wind und Wetter. Die Entleerungszeiten: 18. Juni bis 13. September täglich, ausgenommen 7. Juli und 4. August. „Das ist mir einfach so eingefallen.“ Die erste Post hat der 60-Jährige selbst geschrieben und eingeworfen. „Damit die Wanderer was zum Staunen hatten, wenn ich sie wieder aus dem Kasten nahm“, schmunzelt Robert: „Oft hörte ich: ,Mensch, wie kommt man hier als Briefträger her?’ Meine Antwort: Ich wurde zwangsversetzt, weil ich die Postleruniform nicht tragen wollte. Und nach der zweiten Aufforderungen wurde ich hierher geschickt, wo ich keine Uniform mehr brauche.“

Robert war natürlich nie Angestellter der Post
„Ich war ÖBB-Zugsbegleiter.“ Als Robert wieder einmal zum Spaß seine Briefe rausnehmen wollte, staunte er nicht schlecht: „Der Kasten war voller Postkarten.“ Anfangs waren die wenigsten frankiert. „Einige haben eine Ein-Euro-Münze mit Pflaster auf die Karte klebt.“

Und wie es sich für einen verantwortungsbewussten Briefträger gehört: „Ich fahre alle zehn Tage ins Tal, um Lebensmittel einzukaufen, da gebe ich dann die Post ab.“ Wegen der unfrankierten Postkarten recherchierte anfangs sogar die Postdirektion in Wien, wo das Postamt Kirchentörl ist. Inzwischen gibt es aber auf den Schutzhütten entlang des Kreuzeck-Höhenweges sogar Briefmarken und Postkarten zu kaufen, und immer mehr wollen während der Wanderung durch die Kreuzeckgruppe statt eines WhatsApp-Fotos einen Gruß mittels Postkarte versenden.

Hobby-Postbote Robert will jedenfalls seinen Briefkasten noch jahrelang entleeren - so gut es geht sogar täglich.

Hannes Wallner
Hannes Wallner
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