Das Rezept für blutiges Massenschlachten ist denkbar schlicht: Man nehme zwei furchteinflößende Klingen von epischer Form, reiche diese einem wortkargen Helden, dessen Körperbau dem Schwertschwingen gewachsen scheint und stelle ihn auf ein Schlachtfeld, wo er sich von einer überwältigenden Übermacht umzingelt findet. Dazu noch eine Prise Magie, streicherlastige Orchesterbegleitung und Auszüge aus der altbekannten "Gut gegen Böse"-Geschichte – und fertig! Das neue "Hack and Slash"-Game "Ninty Nine Nights II" (N3II) zeigt allerdings, dass diese Ingredienzien alleine offenbar doch nicht ausreichen: Denn hier ist der Spieler zwischen Langeweile und Attacken auf die Nerven-Kondition regelrecht gefangen…
Worum es im Prinzip geht, ist schnell erklärt: Der blonde Held namens Galen taucht quasi aus dem Nichts auf, reibt auf dem Weg zu einer Prinzessin rund 20.000 böse Burg-Belagerer auf und stürzt sich fortan – wohl auf der Seite der Guten – in den bislang aussichtslos scheinenden Kampf gegen den Herrn der Dunkelheit.
Das Bahnen des Weges zur Festung stellt das Tutorial des Spiels dar. So wird man über die wichtigsten Fertigkeiten seines Kriegers in Kenntnis setzt: Schnell zuschlagen, langsam und brutal zuschlagen, charakterspezifisch zuschlagen, hüpfen – und alles in Kombination versteht sich. Dazu gesellt sich noch eine supermächtige Megakombo, deren Energie allerdings durch weiteres Klingenschwingen aufgefüllt werden muss.
All diese Aufgaben beherrscht der Held hervorragend. Auch die Bewegungsanimationen sind durchwegs geglückt und trotz äußerst rasanter Kriegsakrobatik noch nachvollziehbar. Bildgewaltig entladen sich Spezialangriffe und magische Energiestöße. Dadurch wird auch die ansonsten recht triste und detailarme Umgebung – auf Licht- und Schattengestaltung wurde Großteils verzichtet - gelegentlich in Farbe getaucht.
Gegenwehr der Massen ist ein Witz Doch beim vermeintlich zentralen Element des Spiels, dem Hacken und Erschlagen, tut sich bereits ein gewaltiges Problem auf: Die wahrlich zahl- und gesichtslosen Horden stürmen bereitwillig auf Galen – oder einen der übrigen vier spielbaren Charaktere – ein. Doch kaum haben sie diesen umzingelt, fallen sie in eine unerklärliche Starre, ähnlich den Figuren auf einem klassischen Schachbrett.
Aus der reglosen Menge lässt sich sodann nur selten ein Gegner dazu herab, seine Waffe zu heben. Senkt er sie endlich wieder, fehlt ihm meist schon der Kopf oder Galen hat in der Zwischenzeit bereits rund einhundert seiner Waffenbrüder in einer anderen Ecke der jeweiligen Stage gekillt. Kurz: Die Gegenwehr der Massen ist ein Witz.
Umfassende Tuning-Möglichkeiten Was den Spieler dennoch bei Laune hält, ist die Möglichkeit des Charakter-, Waffen- und Fähigkeiten-Tunings. Jeder Gefallene hinterlässt dem Krieger Punkte, die dann für allerlei Upgrades ausgegeben werden können. Auffällig ist allerdings, dass einzelne Levelupgrades der Charaktere am Schlachtfeld dann kaum ins Gewicht fallen. Hat man auch zum Punktesammeln keine Lust, kann man sich meist springend oder laufend durch die Reihen bewegen - die Heerscharen können dabei ohnehin nicht recht mithalten.
Von Jubelschreien begleitete Siege Das soll allerdings nicht bedeuten, dass man es stets so leicht hätte. Im Gegenteil: Offenbar zum Ausgleich wurden nämlich Gegnertypen – wie z. B. walkürenähnliche Fluginsekten - geschaffen, denen manchmal gar nicht beizukommen ist. Wenn deren Energiestöße in ungünstiger Folge auf den Spieler treffen, schafft man es dazwischen nicht mehr auf die Beine zu kommen und stirbt einen von etlichen ruhmlosen Toden auf den Schlachtfeldern rund um Orphea. So fühlt man sich mal gelangweilt oder von fieser Unfairness verfolgt. Hinzu kommt, dass die Speicherpunkte auf lästige Weise spärlich gesät wurden und ein Zwischenspeichern in den einzelnen Stages gar nicht möglich ist.
Wirkliche Jubelschreie entfahren dem ambitionierten Spieler hingegen, wenn man nach sehr zeitintensiven und x-fach wiederholten Duellen mit riesenhaften Levelbossen siegreich vom Platz geht. Das alles zusammen genommen, lässt eine grobe Schätzung zu: 30 bis 40 Stunden Spielzeit sind bei N3II durchaus möglich.
Fazit: "Ninety Nine Nights II" hat sich zwar im Vergleich zu seinem Vorgänger aus dem Jahr 2006 weiterentwickelt, hinkt aber hinter fast allen aktuellen Standards hinterher. Das Leveldesign ist eintönig und bekommt nur durch die effektgeladenen Kampfanimationen kräftig Farbe. Die Gegner sind entweder dumm und nahkampffaul oder zum Verzweifeln übermächtig und unfair. In letzterem Fall kann ein fulminanter Sieg jedoch den Spieler zu echten Emotionsausbrüchen samt Freudentränen und Siegesgebrüll reizen. Wer sich vornehmlich auf wildes Massakrieren freut, wird dennoch nicht enttäuscht und kann seinen bevorzugten Charakter auch nach Rollenspiel-Manier umfassend aufmotzen. Das stärkste Argument, sich doch ins Getümmel zu stürzen, ist jedoch der Preis dieses Titels, der mit unter 30 Euro vertretbar scheint.
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