23.07.2020 06:00 |

Drittes Album ist da

Lianne La Havas: Endlich zu sich selbst gefunden

Fünf Jahre hat sich die Londoner Soul- und R&B-Stimme Lianne La Havas für ihr drittes Album Zeit gelassen. Verantwortlich dafür war eine Achterbahnfahrt in einer Beziehung und die dringende Suche nach dem musikalischen Selbst. All das floss auf „Lianne La Havas“ ein und zeigt die 30-Jährige offen und emotional wie nie zuvor.

Nicht nur die in Nashville beheimatete Goldstimme Kandace Springs kann ein Lied davon singen, wie schwierig es ist, immer mit dem allmächtigen Prince vergleichen zu werden - auch Lianne La Havas übersteht kein Interview, ohne an das amerikanische Genie erinnert zu werden. Natürlich sind dafür das Zusammenarbeiten auf den Prince-Alben „Art Official Age“ (2014) und „HITnRUN Phase One“ (2015) verantwortlich, aber die Londonerin hat weit mehr aufzuweisen. Ähnlich wie in den Fußballerakademien wurde La Havas‘ Songwriting früh bei Warner Music gestärkt. Zwei Jahre probierte sie sich an unterschiedlichsten Stilen aus, experimentierte mit Klängen und fand sich am sehr zurückgelehnten Debüt „Is Your Love Big Enough?“ (2012) selbst. Die Aufnahme in die renommierte „BBC Sound Of…“-Liste war der größte Lohn, doch kundige Musikhörer merkten - hier war ein R&B/Soul-Stern geboren.

Identitätsfindung
Drei Jahre später folgte das Neo-Soul-Werk „Blood“, das die Künstlerin verändert und experimenteller zeigte. An die großen Erfolge und Lobpreisungen des Debüts kam La Havas damit nicht mehr heran, im Laufe der Jahre fand sie aber auch selbst immer mehr daran auszusetzen. Die Londonerin wollte mehr Einfluss auf Musik, Artwork und Gesamtpaket haben. Sie wusste schnell, das dritte Album müsse genau das sein, das ihre wahre Identität definiert und sie als die Musikerin widerspiegelt, die sie tief in ihrem Herzen ist. Anstatt aber sofort an Musik zu schrauben, stürzte sie sich Hals über Kopf in eine neue Beziehung und durchlebte sämtliche Phasen der Zweisamkeit. Anfängliches Glück, wohlige Wärme, das Zusammenfinden, aber auch Meinungsverschiedenheiten, Streits und unterschiedliche Zukunftsperspektiven bis hin zur bitteren Erkenntnis, dass die Liebe irgendwann an die Wand gefahren war.

Als Bogen über die zehn Songs (digital sind es zwölf) ihres Drittwerks „Lianne La Havas“ stülpt die Künstlerin nun diese Beziehung und beleuchtet, teils real, teils fiktiv, alle Seiten davon mit in Mark und Bein gehender Offenheit. Emotional sei die Arbeit an dem Werk gewesen, verriet sie im Vorfeld und sie hätte nicht gewusst, in welche Richtung sie gehen würde. La Havas musste nach dem Beziehungsende aber erst einmal runterkommen, denn mitten im dichtesten Gefühlsgewühl fand sie nicht die Muse, um kreativ zu sein. Mit der nötigen Distanz und einem etwas klareren Auge auf Pros und Contras der letzten Jahre formte die Britin schlussendlich ihr persönliches Opus Magnum, das inhaltlich grob in drei Überkapitel eingeteilt ist und nicht nur alle Stärken ihrer beiden Vorgänger bündelt, sondern auch neue Klangfacetten in den Vordergrund stellt.

Liebe in Metaphern
Die goldene Mitte hat La Havas vielleicht nicht in ihrem Privatleben gefunden, definitiv aber auf diesem Album. Mithilfe kundiger Musiker aus Südlondon ließ sie sich kompositorisch treiben, riss alle gedanklichen Grenzen ein und kreierte aus diesem bunten Potpourri der Inspiration einen feinfühligen Hybriden aus R&B, Soul, afrikanischer Musik, sanftem Pop, Jazz-Referenzen und Hip-Hop-Versatzstücken, der trotz all der vielen Einflüsse zu keiner Sekunde den roten Faden verliert. Um die Gedanken und Gefühle metaphorisch zu bebildern, wählte La Havas eine Blume als Erklärung für das grobe Konzept. „Eine Blume hat anfangs Knospen, sie blüht und sprießt dann, verwelkt irgendwann, lässt sich davon aber nicht unterkriegen und kommt noch stärker zurück. Um dich selbst wieder neu aufstellen zu können, musst du erst an den Tiefpunkt deines Lebens kommen.“

Die drei thematischen Blöcke der Beziehung sind eingeteilt in die Freuden einer brandneuen Liebe, den Schmerz und die Qual während des Niedergangs vermeintlichen Glücks und schlussendlich die gefühlte Unendlichkeit der Einsamkeit bis hin zur Erkenntnis, das Unabhängigkeit auch neue Freiheit bedeutet. Musikalisch hat La Havas dabei bewusst nicht den einfachen Weg genommen und die jeweiligen Songs klanglich der jeweiligen Stimmung angepasst. Als Hörer ist Konzentration nötig, um ihren verwinkelten Pfaden folgen zu können. Sie fordert viel, aber gibt aber umso mehr. Während „Read My Mind“ etwa die Freuden einer neuen Liebe wiedergibt, folgt mit „Green Papaya“ wenig später das erste große Highlight. Der Joni-Mitchell-Einfluss ist unverkennbar und wurde von deren Album „Hejira“ inspiriert, wo sich La Havas vor allem von der „Nacktheit“ Mitchells und ihres Bassisten Jaco Pastorius leiten ließ.

Finten und Wendungen
Den Brasilianer Milton Nascimento hört man etwa im folkig-ruhigen „Courage“ heraus, von Destiny’s Child hat sich La Havas die Grundeinstellung zur Selbstbestimmung abgeschaut, die aus dem schlussendlich positiven und sehr kräftebündelnden Album herausragt. Ein besonderer Moment ist freilich die in die Mitte des Albums gestellte Radiohead-Coverversion „Weird Fishes“, die La Havas mit ihrer damaligen Band schon vor sieben Jahren am Glastonbury Festival aufführte und hier bis zur Unkenntlichkeit neu interpretiert. Ein mutiger und spannender Moment, der klanglich doch stark aus dem runden Rest herausragt. Das fast siebenminütige „Sour Flower“ mit seinen trickreichen Finten und Wendungen ist der perfekte Abschluss für dieses persönliche und emotionale Werk, das gleich mehrere Entwicklungsmetamorphosen durchmacht. Und ja - natürlich hört man die Prince-Einflüsse zu jeder Zeit heraus, aber mit diesem Werk hat sich La Havas endgültig selbst in die erste Liga musiziert.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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