24.06.2020 06:49 |

Neue Schwerpunkte

Österreichisches Bundesheer wird völlig anders

Das österreichische Bundesheer steht vor einer tiefgreifenden Umstrukturierung. Die Ressortführung reduziert die militärische Landesverteidigung auf ein Minimum. Das Militär wird auf Cyberdefence und Katastrophenschutz ausgerichtet. Die bei der letzten Bestandsaufnahme vor nicht einmal einem Jahr gezeichneten Bedrohungsszenarien und Forderungen von Zig Milliarden Euro werden vom Tisch gewischt.

Die von Übergangsminister Thomas Starlinger geforderten 16 Milliarden Euro seien „nicht realistisch“ und die Bedrohungsszenarien übertrieben, hieß es bei einem Hintergrundgespräch vonseiten der Ministeriumsführung. Die türkis-grüne Regierung habe im Verteidigungskapitel ihres Programms auf die „eintrittswahrscheinliche Bedrohungen abgestellt“, und diese sehen keine konventionellen Angriffe auf die Republik vor und auch keinen systemischen Terrorismus, der im Bericht Starlingers beschrieben werde.

Als wahrscheinliche Herausforderungen werden dagegen Naturkatastrophen, Migration, Pandemien, Cyberbedrohungen, ein Blackout und einzelne Terrorangriffe gesehen. Die militärische Landesverteidigung werde für unwahrscheinlich erachtet. Diese Fähigkeit wolle man behalten, aber nicht den Umfang. Man wolle sich darauf konzentrieren, der Bevölkerung zu nutzen, militärische Landesverteidigung sei kein Schwerpunkt mehr.

Weniger schwere Waffen
Die Truppenstruktur soll im Wesentlichen erhalten bleiben, es wird jedoch eine weitere Reduktion der schweren Waffen erfolgen und „spürbare Personalreduktionen“ geben, die durch natürliche Abgänge bewerkstelligt werden sollen. Der Personalabbau sei notwendig, um die Kosten zu senken. Gleichzeitig soll aber in den Schwerpunktbereichen wie etwa Cyberdefense zusätzliches Personal rekrutiert werden. Bei den Unteroffizieren gebe es besonderen Bedarf.

Zumindest ein Bataillon pro Waffengattung soll bestehen bleiben. Bataillone werden aber nicht aufgelöst, sondern zu Jägerbrigaden umstrukturiert. Nicht ausgeschlossen sind Kasernenschließungen, hieß es. Als Schwerpunkt wird die Wiederherstellung des Milizsystems definiert. Derzeit sei es so, dass das Bundesheer Grundwehrdiener ausbilde und ein bisschen bewerbe, sich für die Miliz zu melden. Die Corona-bedingte Teil-Mobilmachung der Miliz habe die Schwachstellen aufgezeigt. Es brauche eine Attraktivierung. Jeder Milizsoldat soll seinen Helm zu Hause haben. Die Verpflichtung zu Miliz-Übungen soll durch merkbare finanzielle Anreize gesteigert werden.

Stärkere Ausrichtung auf Miliz geplant
Die Führung strebt eine stärkere Ausrichtung des Bundesheeres auf die Miliz aus als jetzt, im Ausland sei man jetzt schon mit 50 Prozent Milizsoldaten gut unterwegs, es fehle aber die Stärkung im Inland. Dass das möglich sei, zeige die Tatsache, dass 30 Prozent der beorderten und mittlerweile wieder entlassenen Milizsoldaten im Corona-Einsatz freiwillig länger geblieben seien und nun im Grenzeinsatz dienen. Einsätze im In- und Ausland sollen durch Milizsoldaten quantitativ wesentlich verstärkt werden, dadurch sollen Grundwehrdiener ausreichend (für zukünftige Milizfunktionen) ausgebildet werden.

Änderungen soll es auch in der Führungsstruktur geben. Hier sind die Pläne aber noch nicht ganz ausgereift. Ziel sei es, schneller zu werden und Abläufe zu verkürzen. Die neun Militärkommanden werden als unverzichtbar definiert und gewinnen an Bedeutung. Wie die Führungsstruktur genau aussehen wird, ist aber noch offen. Die Zentralstelle und die Kommanden der oberen Führung sollen „zusammengeschoben“ werden. „Die Brigade-Führungsfähigkeit soll in die Militärkommanden integriert werden.“

Angedacht ist weiters eine Definition von „Schutz- und Hilfe-Zonen“, die mit Einsatzorganisationen stärker verschränkt werden. Diese „Schutz-und-Hilfe-Zonen“ sollen mehrere politische Bezirke, denen ein Bataillon als „Schutz-und-Hilfe-Zonenkommando“ zugeordnet wird, zusammenfassen.

Alle diese Planungen befinden sich zur Beurteilung im Generalstab, dieser prüft die Realisierung und die Auswirkungen auf die Einsatzfähigkeit des Bundesheeres. Die Umsetzung soll in einem breiten Prozess unter Einbindung der Militärkommandanten, Brigadekommandanten, Bataillonskommandanten, Kompaniekommandanten und der Miliz umgesetzt werden. Der Zeithorizont dafür ist die Legislaturperiode.

Die Beitragsleistung für eine mögliche EU-Verteidigung bleibt erhalten. An der Anzahl der Auslandseinsätze soll sich nichts Wesentliches ändern.

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