16.06.2020 06:00 |

Neues Album „Dead“

Hank von Hell: Vulgär, erregt und offensiv

Hank von Hell gehört zu den schillerndsten Figuren der Rock‘n‘Roll-Welt. Mit Abständen hat er gute 20 Jahre bei Turbonegro gesungen, seit etwa zehn Jahren konzentriert er sich auf Radioshows, Kochbücher und seine Solokarriere. Wir haben mit dem 48-Jährigen, der soeben sein neues Album „Dead“ veröffentlicht hat, gesprochen.

Hans Erik Dyvik Husby aka Hank von Helvete aka Hank von Hell ist gewiss eine der schillerndsten Figuren der Musikwelt. Der Norweger revolutionierte als Frontmann von Turbonegro über viele Jahre hinweg poppigen Punkrock mit homoerotischem Touch und optischen Nihilismus, bis seine unbändige Heroinsucht so weit ging, dass die Kollegen keine andere Chance mehr sahen, als ihn 1998 aus der Band zu werfen. Auf den Lofoten begann er einen erfolgreichen Entzug, arbeitete in einem Museum für Fischerei und Walfang und schnupperte als Moderator in der für ihn später noch sehr wichtigen Radiowelt. Nach einem erfolgreichen Entzug gab es zwischen 2002 und 2010 ein Turbonegro-Comeback, bevor das endgültige, keinesfalls friedliche, Ende real wurde. Dazwischen hatte er Zeit, die norwegische Supergroup Doctor Midnight & The Mercy Cult ins Leben zu rufen, verschrieb sich Scientology, drehte Filme und Musicals, druckte Kochbücher und begann schlussendlich auch eine Solokarriere.

Keine falsche Bescheidenheit
„Egomania“ war 2018 der Beweis, dass Hank von Hell noch sehr lebendig ist, obwohl oft schon Gegenteiliges von ihm behauptet wurde. Gerne wurde er mit Lemmy Kilmister verglichen. Einerseits, weil er mehr oder weniger legalen Genussmitteln bis heute nicht abgetan ist, andererseits weil er durchwegs als Exzentriker und Kultfigur durchgeht. Für sein heiß ersehntes zweites Solowerk „Dead“ hat er sich als Veröffentlichungstermin seinen Geburtstag ausgesucht und dafür aus einem norwegischen Fußballstadion ein Mega-Releasekonzert mit u.a. Mikkey Dee (ex-Motörhead, Scorpions) als Gast gestreamt. Bescheidenheit war noch nie die Zier des Stern-über-dem-Auge-Trägers, der noch nicht einmal im neuen Albumtitel ohne die für ihn typische Ironie und Verwirrungstaktik auskommt. Die Rückkehr in die Musikwelt vor zwei Jahren war jedenfalls eine logische, wie er der „Krone“ im Interview erzählt.

„Es war an der Zeit, tollen, lustigen, hervorragenden und coolen Rock’n’Roll zu erschaffen. Das Internet ist dafür verantwortlich, dass die Kids heute so viel beschissene Musik hören und die Jugendkultur furchtbar ist. Diese Kids sind aber intelligent, man muss ihnen nur gute Musik geben. Außerdem ist der Rock’n’Roll meine Kernkompetenz. Ich habe viel Zeit außerhalb davon verbracht und mich in allen möglichen Sparten ausprobiert, aber plötzlich sagte mir eine Stimme, es wäre wieder an der Zeit für gute Musik.“ „Dead“ ist die logische Fortsetzung des Debüts und weist zudem einige Überraschungen auf. Etwa den Song „Disco“, der - Nomen est Omen - mehr für die Tanzfläche als für den Punkschuppen taugt. Zudem hat er sich in „Crown“ Thundermother-Frontfrau Guernica Mancini ans Mikro geholt und mit den beiden befreundeten Sum-41-Musikern Cone McCaslin und Dave Baksh zusammengearbeitet.

Die Midlife-Katastrophe
Dass es überhaupt so weit kommen konnte, verdankt von Hell schlussendlich dem Zufall. „Als Sony Music mich damals anriefen und mich fragten, ob ich nicht eine Soloplatte machen möchte, hatte ich gerade mit einer Rechnung zu kämpfen, die ich nicht bezahlen konnte. Hätten sie mich also nur einen Tag früher gefragt, hätte ich sie wohl zur Hölle geschickt“, lacht er, „viele haben mich dann auch gefragt, ob ich diese Alben jetzt in einer Midlife-Crisis machen würde. Ich stecke aber viel eher in einer Midlife-Katastrophe.“ Ein Gespräch mit von Hell zu führen ist ein Abenteuer. Fiktion und Realität vermischen sich, Hans Husby redet bei Hank von Hell gerne in der dritten Person von sich oder macht gleich Fantasiewelten auf, die er noch dazu wild vermischt. „Kennst du diesen Film über diese Harry-Potter-Typen, die nach Narnia gehen und einen bestimmten Ring in den Vulkan werfen wollen? Da wartet ein Zauberer namens Gandalf-Voldemort, der versucht, einen großen schwarzen Dämon zu vergewaltigen. Er vergewaltigt ihn exakt 1000 Jahre und lang und plötzlich taucht er in weiß gekleidet im Wald auf. Das ist meine Geschichte, warum ich heute so aussehe.“ Bei Turbonegro trug er noch stolzes Schwarz.

Den Rock’n’Roll würzt Hank von Hell auf „Dead“ mit Pop, Disco und ausufernden Rocksoli. Die Liebe zum Heavy Metal und dem Hard Rock der alten Tage ist dem freudigen, aber auch überraschungsarmen Werk zu jeder Zeit herauszuhören. „Ein guter Rock’n’Roll-Song erzählt eine Geschichte von dir. Rock’n’Roll ist vulgär, erregt und offensiv - all diese Dinge fehlen mir in dem Bereich seit Jahren. Jeder Mensch fühlt sich manchmal als Sklave der Gesellschaft, Depressionen nehmen zu uns und man weiß nicht mehr, wo man steht. Die einzige Medizin, die schon immer geholfen hat, war der Rock’n’Roll. Mit ihm fällt es dir leichter, Montagmorgen in die Arbeit zu gehen. Er hilft dir Stärke zu finden, wenn du gemobbt wirst. Er hilft dir, wieder Selbstliebe zu finden, die du verloren geglaubt hast. Es ist ungemein wichtig, dass er weiter besteht.“

Gekommen um zu bleiben
Turbonegro und von Hell haben ein derart zerbrochenes Verhältnis, dass es kaum zu kitten ist. Mit dem endgültigen Ende als Sänger der Kultband vor exakt zehn Jahren hat er seinen Frieden gemacht. „Sie machen ihr Ding und ich meines. Insofern ist alles absolut okay. Von Turbonegro-Fans habe ich auf meine Solowerke aber nur tolles Feedback bekommen, was mich sehr freut.“ Dass von Hell in seiner norwegischen Heimat ein richtiger Promi ist, ist er mittlerweile gewohnt und stört ihn auch nicht. „Ich bin keiner, der auf Fashionweeks auftritt oder am Catwalk stolziert. Models sind doch meist verhunzte Wesen, ich wackle lieber mit dem Hintern, tanze und habe Spaß. Das solltet ihr übrigens auch tun!“ „Dead“ versammelt jedenfalls den Nihilismus des Künstlers und zeigt ihn nach seiner „Wiedergeburt“ hungrig, heiß und hitverdächtig. Hank von Hell ist gekommen, um zu bleiben. „Bis ich selbst einmal meine ganz eigene Backstageparty mit Freddie Mercury, David Bowie und Lemmy Kilmister im nächsten Leben feiere.“

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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