14.06.2020 12:00 |

Emotionale Diskussion

Wolf und Schaf in Tirol: Gibt es Platz für beide?

Von „Abschussfantasien“ bis „Untätigkeit“: Kaum ein Thema wird derzeit so emotional diskutiert wie der Wolf. Zwei Fronten stehen sich gegenüber, doch Lösung ist keine in Sicht.

Es ist ein emotionaler Appell, den die Serfauser Bauern an Politik und Kammer richten – und dem sie Taten folgen ließen. Nachdem, wie berichtet, binnen drei Wochen 22 ihrer Schafe gerissen wurden, holten die Landwirte ihre Tiere von der Alm. Zu groß sei die Angst vor weiteren Verlusten, zu qualvoll der Tod der Tiere.

„Der Wolf genießt einen Schutzstatus, weil er vor Jahrzehnten vom Aussterben bedroht war. Inzwischen geht man davon aus, dass in Europa 30.000 Wölfe leben und sich flott vermehren. Man muss den Schutzstatus hinterfragen“, sagt Josef Hechenberger, Präsident der Landwirtschaftskammer Tirol. Es brauche ein Wolfsmanagement.

„Zwei verhärtete Fronten
Denn während im Vorjahr von 68.000 Schafen in Tirol 58 gerissen wurden, sind es heuer bereits (mit Stand 9. Juni) 28. Viele Landwirte, die um ihre Tiere zittern, werfen ihren Interessensvertretern Untätigkeit vor. Das Thema Wolf sei lange bekannt, einen Plan für den Umgang mit dem Raubtier gebe es nicht. Tierschützer sprechen hingegen von „Abschussfantasien“.

„Tierschutz wird mit zweierlei Maß gemessen“
Kann man es also überhaupt richtig machen? „Was mich in dieser Debatte stört ist, dass mit unterschiedlichem Maß Tierschutz gemessen wird. Der Wolf ist geschützt, aber wenn das Schaf tagelang leidet, dann wird von der Natur gesprochen“, sagt Hechenberger, „da leidet jede Bauernseele.“ Er setzt sich für eine Senkung des Schutzstatus ein - und einer legalen Entnahme, wo es notwendig ist.

„Der Ruf nach Bejagung in Tirol ist absurd“
„Bei 30 bis 35 Wölfen auf österreichischem Gebiet und drei bis vier nachgewiesenen Wölfen in Tirol ist die Forderung nach Bejagung absurd. Zumal diese nach geltendem europäischen Naturschutzrecht auf absehbare Zeit und aus gutem Grund nicht zulässig ist“, sagt aber Christian Pichler, Wolfsexperte des WWF.

„Herdenschutz in Tirol schwer umsetzbar“
Die Tierschützer setzen sich für Herdenschutz ein – doch so einfach sei das in Tirol nicht, wie eine erst kürzlich durchgeführte Machbarkeitsstudie zeigt: Gerade im hochalpinen Bereich sei Herdenschutz schwer bis gar nicht umsetzbar. Die Kosten würden sich zudem auf 11 bis 80 € pro Schaf und Jahr belaufen. So würden etwa für die Seeben Alm bei Ehrwald Kosten von rund 25.000 € pro Jahr anfallen.

Auch Herdenhunde seien nicht immer die Lösung – zudem würde diese die Schafe vor jeder Gefahr schützen, „also auch vor dem Menschen“, sagt Hechenberger. Das sei für Freizeitsportler auf Almen ein Risiko.

„Ohne Almwirtschaft hat Tourismus ein Problem“
„Die Konsequenz aus alledem ist, dass die Bauern ihre Tiere von der Alm holen – aufgeben. Und wenn die kleinen Bauern aufhören, dann werden ganz viele Flächen nicht mehr bewirtschaftet“, betont der Kammerpräsident. Dann würde sich die Landwirtschaft verändern, mit Auswirkungen auf den Tourismus und die wirtschaftlichen Entwicklungen des Landes.

Denn: „Viele scheinbar touristisch installierte Strukturen sind landwirtschaftliche Strukturen, die mit genutzt werden. Wie soll man diese erhalten, wenn es keine Almwirtschaft gibt?“

Petitionen eingereicht
Drei Gemeinden haben deshalb Petitionen an Politik und Interessensvertreter geschickt. Landesrat Josef Geisler reichte dies nun an alle EU-, NR- und Tiroler Landtagsabgeordneten weiter.

Viele Landwirte in Tirol werfen Politik und Interessensvertretern Untätigkeit vor - doch der Wolf gehört zu den streng geschützten Tierarten, darf nach den FFH-Richtlinien nur in Ausnahmefällen und bei günstigem Erhaltungszustand entnommen werden. Auf Landesebene seien den Politikern deshalb die Hände gebunden.

Der Unmut bei den Bauern wird größer, die Gemeinden Serfaus, Fiss und Matrei in Osttirol haben nun Petitionen aufgesetzt, die Ökonomierat und Landeshauptmann-Stv. Josef Geisler mit einem Begleitschreiben an die höheren Instanzen weitergereicht hat. Geisler bittet darin, den Handlungsspielraum im Wolfsmanagement erheblich zu erweitern, insbesondere im Hinblick darauf, dass Herdenschutz in Tirol nur eingeschränkt möglich sei.

Man solle den Erhaltungszustand auf gesamteuropäischer Ebene betrachten - denn: „Es kann nicht das Ziel sein, dass zwar der Wolf da, die Nutztiere und die Erholungssuchenden aber aus den Almgebieten verschwunden sind“, schreibt Geisler dazu.

„Gemeinsamen Nenner suchen“
Dass sich Landwirte, Jäger, Tierschützer und auch Politiker zusammensetzen und nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner suchen sollen, sagt auch Zoologin Pascale Wiesenthal-Jüch, die im Innsbrucker Alpenzoo Wolfswelpen mit der Flasche aufgezogen hat. Sie tritt, wie berichtet, für ein gezieltes Monitoring der Wölfe mittels Peilsendern ein. „Wölfe, die echte Probleme darstellen, kann man entnehmen, jedoch nur als allerletztes Mittel der Wahl nach dem Monitoring, wenn sie sich tatsächlich als Problemtiere entpuppen“, betont Expertin Wiesenthal-Jüch.

Daten und Fakten:

  • In Tirol gibt es insgesamt 2100 bewirtschaftete Almen, auf die jährlich 68.000 Schafe, 5900 Ziegen, 32.000 Milchkühe, 77.000 Stück Galtvieh und 3000 Pferde aufgetrieben werden.
  • Im Vorjahr gab es 58 Risse durch große Beutegreifer, die mittels DNA-Analysen festgestellt wurden.
  • Heuer gab es bis Stand 9. Juni 28 nachgewiesene Risse.
  • Die jüngsten Fälle sind jene aus Serfaus. Abklärungen laufen noch bei toten Tieren aus dem Bezirk Kitzbühel und bei den zehn toten Ziegen aus Kirchdorf.
  • In ganz Österreich gibt es aktuell 30 bis 35 Wölfe; viele würden aber aus Nachbarländern durch Tirol ziehen.
Anna-Katharina Haselwanter
Anna-Katharina Haselwanter
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