26.05.2020 12:40 |

Schwere Vorwürfe

„Bild“-Zeitung im Streit mit deutschem Virologen

In Deutschland gehen die Wogen derzeit wegen der Berichterstattung über eine Studie von Top-Virologe Christian Drosten hoch. Konkret wirft die „Bild“-Zeitung dem Experten für Coronaviren vor, bei seiner klinischen Studie über die Viruslast bei Kindern „fragwürdige Methoden“ angewandt zu haben und dass Schulen und Kindergärten wegen seiner „falschen Corona-Studie“ geschlossen worden seien. Der Beschuldigte hatte bereits vor Erscheinen des Artikels eine E-Mail des betreffenden „Bild“-Redakteurs an ihn öffentlich gemacht, in der dieser Drosten eine Stunde Zeit gab, um einige Fragen zu beantworten. Drosten bezeichnete das Vorgehen der „Bild“ als tendenziöse Berichterstattung und ließ die Frist mit dem Hinweis verstreichen, er habe „Besseres zu tun“.

„Bild“-Redakteur Filipp Piatov hatte Drosten in der E-Mail mit einigen Beispielen von kritischen Stimmen an seiner Studie über die Viruskonzentration bei verschiedenen Altersgruppen konfrontiert. In den Zitaten von unterschiedlichen Wissenschaftlern heißt es etwa, dass die statistische Analyse der Daten dem Ergebnis der Studie widerspreche oder dass Kinder bis zu 85 Prozent weniger Viruslast als Erwachsene hätten, was von Drosten und seinem Team an der Berliner Charité fälschlicherweise als „nicht signifikant“ eingestuft worden sei.

Wissenschaftler stellen sich auf die Seite Drostens
Inzwischen machten einige der zitierten Forscher ihre Abneigung gegen das Vorgehen der „Bild“-Zeitung öffentlich und stellten sich demonstrativ auf die Seite Drostens. Professor Joerg Stoye, Statistiker an der Cornell University, gab dem „Spiegel“ ein Interview und bezeichnete Drosten darin als „Gigant der Virologie“. Die „Bild“ habe einen Aufsatz, den Stoye auf Englisch verfasst habe, „recht freihändig übersetzt“. So wie die Zeitung seine Zitate verwende, stehe er „auf keinen Fall“ dazu.

Keine Interview-Anfragen
Professor Leonhard Held von der Universität Zürich gab an, nie von der „Bild“ interviewt worden zu sein, und distanzierte sich von der Vorgehensweise der Zeitung. Professor Christoph Rothe von der Universität Mannheim distanzierte sich ebenfalls „ausdrücklich“ von dieser Art der Berichterstattung. Der Statistiker Dominik Liebl von der Universität Bonn schrieb: „Ich distanziere mich von dieser Art, Menschen unter Druck zu setzen, auf das Schärfste.“ Die Arbeit von Drosten und seinem Team habe Menschenleben gerettet.

Redakteur kontert auf Twitter
Der für den Artikel verantwortliche Redakteur Piatov antwortete darauf, dass es das „gute Recht“ der Wissenschaftler sei, sich von der „Bild“ zu distanzieren, die Kritik an Drostens Studie bleibe aber aufrecht. Statistiker Stoye nannte seinen Text über die Studie indes „wissenschaftsinterne Kommunikation“. Wenn er gewusst hätte, dass die „Bild“ seinen Text liest, hätte er den zitierten Satz „bestimmt nicht geschrieben“.

Schulen und Kindergärten wegen falscher Studie geschlossen?
Die „Bild“ schreibt in ihrem Artikel außerdem, dass ihre Berichterstattung auch Zustimmung in Drostens Forscherteam finden würde. Intern seien Fehler bei der Studie bereits eingestanden worden. Die Zeitung zieht daraus die Schlussfolgerung, dass Schulen und Kindergärten aufgrund der „falschen Studie“ geschlossen worden wären. Drosten schrieb später auf Twitter, der „Bild“-Reporter habe einen englischsprachigen Mathematiker aus seinem Team am Telefon „in die Irre geführt“ und daraus eine „interne Kritik“ gemacht.

Liebl stellte zu seiner Kritik an der Drosten-Studie klar, dass ihm und seinem Team laut seiner Interpretation Fehler passiert seien, was „jedem Wissenschaftler einmal“ passiere. Man müsse die Ergebnisse zwar neu interpretieren, es müssten jedoch weiterhin alle Altersgruppen - auch Kinder - als infektiös eingestuft werden.

Drosten wurde zur Zielscheibe der Kritik
Christian Drosten ist Leiter der Virologie an der Berliner Charité und als weltweit angesehener Experte für Coronaviren in Deutschland während der Corona-Krise praktisch zum Chef-Virologen aufgestiegen. In einem Podcast der NDR-Wissenschaftsredaktion gibt er mehrmals pro Woche Auskunft über die aktuelle Entwicklung der Corona-Situation und erklärt Hintergründe. Durch dieses öffentliche Auftreten wurde er in den vergangenen Wochen immer mehr zur Zielscheibe der Kritik und erhielt sogar Morddrohungen.

In Deutschland plakatierten Unbekannte ein Bild mit Drosten und dem KZ-Arzt Josef Mengele. Darunter schrieben sie: „Vertrauen Sie mir, ich bin Arzt.“

Martin Grob
Martin Grob
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