26.07.2010 21:41 |

20 Tote, 510 verletzt

Massenpanik "ein Verbrechen, kein tragisches Unglück"

Die Kritik an der Massenpanik bei der Loveparade in Duisburg mit nun bereits 20 Toten und 510 Verletzten wird immer lauter. Zahlreiche Sicherheitsbedenken sollen im Vorfeld von den Verantwortlichen nur ungenügend oder gar nicht zur Kenntnis genommen worden sein - womit sozusagen die Grundlage für die tragischen Ereignisse gelegt worden sei. Deutschlands führender Konzertveranstalter Marek Lieberberg, der auch in Österreich tätig ist, geht sogar einen Schritt weiter. "Das ist kein tragisches Unglück, sondern ein Verbrechen", sagte er der "Süddeutschen Zeitung" in einem Interview.

Die Veranstalter seien der Technoparty mit Hunderttausenden Teilnehmern nicht gewachsen gewesen, meinte Lieberberg. "Befruchtet haben sich die Geltungssucht der Lokalpolitik, die Profitsucht der Veranstalter, auf beiden Seiten gut gedüngt durch totalen Amateurismus."

Zahl der Toten auf 20 gestiegen
Die Zahl der Todesopfer der Massenpanik hat sich indes auf 20, die Zahl der Verletzten auf 510 erhöht. Das sagte Ministerpräsidentin Hannelore Kraft am Montagabend im "ARD-Brennpunkt". Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Duisburg bestätigte, dass eine 21-jährige Deutsche, die sich noch in Lebensgefahr befunden hatte, am Montag im Krankenhaus gestorben ist.

Genehmigung erst Samstag früh erteilt
Nach Informationen der "Kölnischen Rundschau", die aus Kreisen der Polizei stammen, soll der Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland die ordnungsbehördliche Erlaubnis erst Samstag früh um 9 Uhr erteilt haben. Noch am Freitag soll dem Bericht zufolge in verschiedenen Sitzungen über das Sicherheitskonzept debattiert worden sein. Dabei sollen die Duisburger Berufsfeuerwehr und Polizisten nochmals deutlich gemacht haben, dass die Großveranstaltung so nicht stattfinden könne.

Am Freitag sei die Loveparade noch nicht abgesegnet worden. Am Samstag hätte dann eine Entscheidung gefällt werden müssen, sagte ein Beamter der Zeitung. Es sei den Verantwortlichen dann keine andere Wahl mehr geblieben, als ihr Einverständnis zu geben. Schließlich seien schon Tausende auf der Anreise gewesen, berichtete ein Mitarbeiter dem Blatt.

"Es wurde nicht reagiert"
Die Berufsfeuerwehr Duisburg meldete am Montag, dass sie die Stadt im Vorfeld vor dem Abhalten der Loveparade gewarnt hatte, weil es Sicherheitsbedenken gegen die Riesen-Party gab. In einem internen Vermerk der Feuerwehr an Verantwortliche der Stadt sollen die Retter demnach bereits im Oktober 2009 klargestellt haben, dass es zu gefährlich sei, die Besucher des Spektakels durch die Tunnel zu schicken. "Es wurde nicht reagiert", sagte ein Beamter der Zeitung "Kölner Rundschau". Auch Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland, der mittlerweile auch seinen Rücktritt nicht mehr ausschließt, soll von diesem internen Vermerk gewusst haben.

Die Polizei soll dem Bericht zufolge ebenfalls Bedenken deutlich gemacht haben. In den Tagen vor dem Musikspektakel habe es eine Begehung des Festgeländes gegeben, wobei Polizisten gesagt haben sollen, dass das Areal des alten Güterbahnhofs zu klein für die Veranstaltung sei. "Wir haben unsere Bedenken ausgesprochen. Als ich am Samstagabend von den Toten gehört hatte, hatte ich Tränen in den Augen", sagte ein namentlich nicht genannter Beamter der Zeitung.

Sicherheitskonzept mit etlichen Schwachstellen
Ein internes Verwaltungsdokument belegt nach Informationen von "Spiegel online" weitere Schwachstellen des Sicherheitskonzepts bei der Großveranstaltung mit insgesamt bis zu 1,4 Millionen Besuchern. So habe der Veranstalter nicht die sonst vorgeschriebene Breite der Fluchtwege einhalten müssen. Zugleich sei das Gelände ausdrücklich nur für 250.000 Menschen zugelassen gewesen. Ein Problem bei den Ermittlungen könnte dabei auch werden, dass die genaue Zahl der Teilnehmer bei der Loveparade noch völlig unklar ist: Sie reicht von 105.000 Menschen, die mit der Bahn zum Feiern reisten, bis hin zu 1,4 Millionen Ravern, die sich in der Stadt aufgehalten haben sollen.

Der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, hält es für jedenfalls wahrscheinlich, dass die Veranstalter und die Stadt Duisburg auf Kosten der Sicherheit bei der Loveparade sparten. "Darauf gibt es Hinweise. Dafür spricht zum Beispiel, dass es keine Videoüberwachung vor Ort gegeben hat, die eine schnelle Reaktion möglich gemacht hätte", sagte Wendt den ARD-"Tagesthemen". Der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung" sagte der gebürtige Duisburger, dass sich die Stadt mit der Loveparade übernommen habe. "So was kann man in Berlin machen, wo es breite Straßen und große Plätze gibt, aber nicht bei der engen Bebauung in Duisburg", so Wendt.

War es eine Katastrophe mit Ansage?
Für viele Menschen lag schon zuvor der Verdacht nahe, dass es eine Katastrophe mit Ansage war und die Veranstalter Warnungen nicht ernst genommen haben könnten. Im Internet hatten zahlreiche User bereits im Vorfeld der gigantischen Party vor den Risiken gewarnt, die das Veranstaltungsgelände in Duisburg birgt. Vor allem der Zugang über den engen Tunnel bereitete ihnen Sorge.

Im Forum des deutschen Portals derwesten.de postete der User Lover_P bereits am vergangenen Donnerstag etwa: "Ich bin kein Nörgler, eigentlich, aber was sich Veranstalter und Stadt hier erlauben, ist eine gefährliche Frechheit. Eine Örtlichkeit zur Verfügung zu stellen, die maximal 350.000 Leute aufnehmen kann, obwohl man ahnt, dass ca. 800.000 Leute kommen werden, wird die Stimmung kippen lassen. (...) Die kleinste Panik und der Mob eskaliert. Wetten?"

Zahlreiche andere Poster sahen es ähnlich: "Sehe ich das richtig, dass die versuchen, eine Million Menschen über die einspurige Tunnelstraße Karl-Lehr-Straße mit zwischendurch zwei kleinen Trampelpfaden hoch zum Veranstaltungsgelände zu führen? Also in meinen Augen is' das 'ne Falle. Das kann doch nie und nimmer gut gehen", meinte der User "klotsche" ebenfalls schon am Donnerstag.

Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung
Die Staatsanwaltschaft Duisburg hat inzwischen Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung aufgenommen, die sich vorerst gegen unbekannt richten. Die Ermittlungsbehörde habe das Sicherheitskonzept der Loveparade von den Veranstaltern und der Stadt Duisburg bereits am Samstagnachmittag beschlagnahmt. Die Ermittlungsbehörden erwarten jedoch keine rasche Aufklärung der Ursache. "Das wird Wochen, wenn nicht Monate dauern", sagte Staatsanwalt Rolf Haferkamp am Montag.

Erste Ermittlungen haben jedenfalls ergeben, dass die Massenpanik in dem Tunnel vor dem Veranstaltungsgelände für die Katastrophe zwar ursächlich war, doch direkt in den beiden Röhren keine Menschen ums Leben kamen. Die Todesfalle befand sich demnach an der Stelle, an der zwei Tunnel aufeinandertreffen. "14 Personen starben hier an einer abgesperrten Metalltreppe, zwei an einer Plakatwand und drei später im Krankenhaus", sagte ein Behördensprecher.

Die Identität der 20 Toten konnte bereits geklärt werden: Bei den Getöteten handle es sich um zwölf Frauen und acht Männer, teilte die Polizei mit. Zwölf Todesopfer stammen aus Deutschland. Acht weitere kamen aus Australien, den Niederlanden, China, Italien, Bosnien-Herzegowina und Spanien.

Kölner Polizei übernimmt Ermittlungen
Die Ermittlungen zur Katastrophe wurden am Montag von der Kölner Polzei übernommen. Um Befangenheit zu vermeiden, habe das nordrhein-westfälische Innenministerium die Zuständigkeit von der Duisburger Polizei auf die Kölner Behörde übertragen, sagte ein Kölner Polizeisprecher auf Anfrage. Warum Köln ausgewählt worden sei, wollte er nicht sagen.

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