Knappes Votum

Schweden vor Comeback der Atomenergie

Ausland
18.06.2010 09:11
Das schwedische Parlament hat das endgültige Aus für den Atomausstieg besiegelt. Mit knapper Mehrheit votierten die Abgeordneten am Donnerstagabend für Pläne der Mitte-Rechts-Koalition, alte Reaktoren künftig nach ihrer Stilllegung durch Neubauten ersetzen zu können. Für den Vorschlag der Regierung stimmten 174 Abgeordnete, 172 votierten dagegen, drei Abgeordnete fehlten bei der Abstimmung.

Die Schweden hatten 1980 in einem historischen Referendum den Ausstieg aus der Atomkraft bis 2010 beschlossen. Umgesetzt wurde der nicht-bindende Volksentscheid aber von keiner Regierung - bis heute sind nur zwei der zwölf Reaktoren stillgelegt. Die bestehenden drei Atomkraftwerke mit insgesamt zehn Reaktoren liefern immer noch rund die Hälfte der schwedischen Stromproduktion.

Nach den neuen Bestimmungen dürfen Reaktoren auf dem Gelände der drei bestehenden Akw nun nach ihrer Stilllegung ersetzt werden. Es dürfen jedoch keine zusätzlichen Reaktoren gebaut werden, staatliche Subventionen für den Bau sind untersagt. Im Falle eines Unfalls muss der Kraftwerkseigner zudem in voller Höhe für den Schaden aufkommen. Die neuen Bestimmungen sollen per 1. Jänner in Kraft treten.

Hitzige Debatte
Für den Ausstieg aus dem Atomausstieg stimmten alle vier Parteien der Regierungskoalition von Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt, darunter auch die traditionell eher atomkritische Zentrumspartei. Der Abstimmung war eine hitzige Debatte vorausgegangen. Die oppositionelle Grünen-Abgeordnete Maria Wetterstrand sagte, die Zulassung von Reaktor-Neubauten bedeute, dass Schweden sich "für weitere hundert Jahre von der Atomkraft abhängig macht", mit deren Konsequenzen "künftige Generationen hunderttausend Jahre" leben müssten.

Umweltminister Andreas Carlgren von der Zentrumspartei verteidigte die Entscheidung. Es sei ein "Mythos", dass die Atomkraft erneuerbare Energien vertreiben werde, sagte Carlgren. Bei der Parlamentswahl am 19. September hätten die Wähler zudem das letzte Wort, sagte der Minister. Die Opposition hatte angekündigt, die Bestimmungen im Fall ihres Wahlsiegs wieder zu kippen.

Reinfeldts Regierung hatte 2009 im Zuge eines ehrgeizigen Klimaprogramms das Ende des Atomausstiegs angekündigt. Bis 2020 soll die Hälfte des schwedischen Stroms aus erneuerbaren Energien stammen, zehn Jahre später sollen schwedische Autos nicht mehr mit fossilen Brennstoffen fahren, 2050 dann will das Land CO2-neutral sein.

Greenpeace-Protest
Aus Protest gegen das Votum waren Dutzende Greenpeace-Aktivisten am Montag auf das Gelände des Kernkraftwerks Forsmark eingedrungen. Die Polizei nahm die Eindringlinge fest, darunter auch 13 Deutsche. Sie kamen laut Greenpeace am Donnerstag wieder auf freien Fuß. Das Gericht in Uppsala will sich am 1. Juli damit befassen.

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