Ölpest vor US-Küste
BP träumt jetzt vom “Rinnsal”: Sieben brennende Fragen
1. Wie konnte es zu der Katastrophe kommen?
Fakt ist, es gab Explosionen, elf Menschen starben, die von BP geleaste Bohrinsel Deepwater Horizon sank. Das Öl begann, aus dem aufgerissenen Steigrohr in 1.500 Meter Tiefe zu strömen. Was davor passierte, kommt nur langsam ans Tageslicht. Der Ölkonzern BP habe die Bohrarbeiten hektisch abbrechen wollen, um teure Miete für die Plattform zu sparen, sagten Zeugen bei Anhörungen im US-Kongress. Die Arbeiter mussten sich beeilen - sie übersahen ein Leck im Bohrloch, Gas strömte aus und explodierte. Das ultimative Sicherheitssystem, der "Blowout Preventer", sollte das Öl nach einem solchen Unfall in der Quelle zurückhalten. Das Ventil versagte aber.
2. Wie viel Öl ist schon im Meer?
Die Schätzungen darüber steigen fast täglich. Anfangs sprach BP von 136 Tonnen, die pro Tag ins Meer fließen, korrigierte sich aber schnell auf 700. Als jüngst der Absaugtrichter über dem abgesägten Steigrohr platziert wurde, wurde nach Angaben einiger BP-Manager plötzlich mehr Öl abgesaugt, als den ursprünglichen Angaben zufolge überhaupt ins Meer floss. Mittlerweile geht die US-Regierung von bis zu 3.400 Tonnen Öl aus. Wissenschafter glauben, es ist noch mehr, weil die meisten Schätzungen nur das an die Oberfläche kommende Öl einbeziehen. Biologen haben aber Hinweise auf riesige Ölschwaden in der Meerestiefe entdeckt. BP kanzelte die Warnungen als Unsinn ab. Insgesamt könnten bisher rund 185.000 Tonnen im Meer gelandet sein, rechnete die "New York Times" aus.
Die Menge reicht aber noch nicht an den bisher schlimmsten Bohrinsel-Unfall heran: 1979 floss vor der Küste Mexikos viermal so viel Öl in den Golf von Mexiko, wenngleich hier aufgrund der "günstigen" Strömungen relativ wenig Erdöl an die Küsten gelangte. Es dauerte aber zehn Monate, bis das Leck unter der mexikanischen Plattform in nur 50 Meterhn Tiefe gestopft werden konnte.
3. Warum strömt das Öl immer noch aus?
BP hat schon vier Anläufe unternommen, das Leck zu schließen. Roboter sollten den Blowout Preventer reparieren. Misslungen. Eine riesige Stahlkuppel über dem Leck, um das Öl abzufangen? Untauglich. Ein kleines Saugrohr? Minimaler Effekt. Dann der ganz große Anlauf: Mit Schlamm und Gummiteilen das Bohrloch verstopfen. Amerika drückte die Daumen, jedoch vergeblich. Jetzt hat BP das defekte Rohr abgesägt und einen Deckel draufgestülpt. Mehr als 2.000 Tonnen Öl würden so pro Tag auf ein Schiff abgeleitet, sagt der Konzern. Doch der Live-Videofeed aus 1.500 Metern Tiefe, den BP nur auf Druck der US-Regierung einrichtete, zeigt: Noch immer strömt viel Öl ins Meer.
4. Was passiert mit all dem Öl?
Das ist unberechenbar. BP setzt darauf, dass viel auf natürliche Weise auf dem Meer verwittert. Einen Teil verbrennt der Konzern an der Meeresoberfläche, einen weiteren schöpft er mit Schiffen aus dem Wasser. Doch es wird schwerer, das rostbraune Rohöl einzudämmen. In Tausenden kleinen Lacken verteilt es sich über mehr als 300 Kilometer auf dem Meer. Es könnte in eine Strömung geraten, "Loop Current" genannt, die in den Atlantik führt. Und wohin Hurrikane das Öl treiben könnten, weiß niemand. Sorgen bereiten auch kilometerlange Schwaden mit kleinen Öltröpfchen unter Wasser. Auch die US-Behörde für Ozeanographie ist jetzt fest der Ansicht, dass es sie gibt. Jedes Tier, das die Tröpchen frisst, nimmt eine gefährliche Giftdosis auf.
5. Wann wird das Leck denn ganz verschlossen sein?
BP sagt, bis August. Die US-Küstenwache geht von Herbst aus. Dafür gilt wenigstens die Methode als garantiert erfolgreich: Der Konzern bohrt zwei Löcher bis kurz vor den Boden der Quelle, die dann quasi die ursprüngliche Bohrung von der Seite "angestechen". Durch die sogenannten Entlastungsborhungen soll dann Zement und Bohrschlamm fließen, um das Loch zu versiegeln. Eine bewährte Methode. Aber wie alle BP-Anläufe in dieser Tiefe handelt es sich um einen technischen Kraftakt. Die Bohrungen müssen sehr genau sein, es gilt, ein 20 Zentimeter breites Ziel zu treffen. Das braucht Zeit.
6. Was bedeutet das für die Region, für die Natur?
Umweltschützer befürchten das Schlimmste. Ihre Prognosen: Ökologisch sensibles Marschland an der Golfküste erstickt im Öl. Die Zahl der verschmutzten Pelikane, Seeschwalben, Reiher und anderer Vögel geht in die Tausende, Meeressäuger wie Delfine und Seekühe sterben den Hungertod. Viele sprechen bereits von der schlimmsten Umweltkatastrophe in der Geschichte der Industrialisierung. Die Menschen in den betroffenen Bundesstaaten Louisiana, Mississippi, Alabama und Florida haben Angst um ihre Jobs. Die Region lebt vom Fischfang, vom Tourismus - und auch von der Ölindustrie, die nun von der Politik viel stärker reguliert wird.
7. Und für Obama?
Der US-Präsident ist schwer unter Druck. Im Herbst stehen wichtige Kongresswahlen an, seine Demokraten wollen ihre Mehrheit verteidigen. 69 Prozent der Amerikaner seien unzufrieden damit, wie Obama mit der Ölkatastrophe umgeht, ergab eine Umfrage des Fernsehsenders ABC. Selbst George W. Bush kam besser weg, als der Hurrikan "Katrina" tobte, schreibt die "Washington Post". Obama habe nicht zugepackt, so die Kritiker. Die Amerikaner wissen zwar, dass Obama aufgrund des generell sehr beschränkten Regierungszugriffs auf die Industrie kazum Mittel zur Verfügung hat, um das Problem akkut zu bekämpfen. Trotzdem würden sie ihn am liebsten persönlich zur Quelle runtertauchen sehen, um das Loch zu stopfen.
Obama, der hier mit seiner "No Drama"-Einstellung an seine Grenzen stößt, lernt mittlerweile, die Rhetorik auch einmal eskalieren zu lassen: Bürgernähe und harte Worte gegen BP (u. a. kündigte er "Arschtritte" für die Verantwortlichen an) bestimmen jetzt seine Auftritte. Im Terminkalender macht er Platz für die Ölpest. Nächste Woche fliegt er zum vierten Mal ins Krisengebiet.
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