24.10.2019 14:35 |

Wildshuter Gespräche

Ein Philosoph mit „digitaler Warnung“

„Wo bin ich - und wenn ja, wie lange?“ kann man in Anlehnung an den Titel seines ersten Buch-Bestsellers fragen. Richard David Precht bei seiner Salzburger Landpartie-Premiere im Biergut Wildshut, der Popstar unter den Philosophen traf dort einen Popstar der Bühne: Philipp Hochmair, den mehrfachen Jedermann.

Außerprotokollarische Frage an den überaus vielseitigen Autor, Philosophen und TV-Moderator Precht in Anbetracht des Umfeldes: „Trinken Sie eigentlich Bier?“ „Na klar, ich habe 30 Jahre in Köln gelebt – da kommt man an Kölsch nicht vorbei. Okay, es gibt verschiedene Ansichten zu dem Gebräu, aber mir schmeckt’s“, lacht der noch 54-Jährige, ehe er zum halbstündigen Impulsreferat das Mikro zur Hand nimmt. Thema der Wildshuter Gesprächsrunde, für die auch Schauspieler Philipp Hochmair (heute mit seiner punk-rockigen Jedermann-reloaded-Version im Großen Festspielhaus), E-Smog-Experte Tilo Rößler („G5 ist verantwortungsloser Wahnsinn, das hält die menschliche Zelle nie aus“) und Mikrokredit-Freidenker Manfred Kastner nominiert sind: Digitale Welt und künstliche Intelligenz.

Precht bringt die Kernthemen brachial auf den Punkt: „Innovation ist nicht gleich Fortschritt, es werden sich jene Visionen durchsetzen, die so viel gesellschaftliche Akzeptanz haben, dass sich daraus Geschäftsmodelle realisieren lassen. Denken Sie an die Utopien der 70er-Jahre, als man von Mond- und Mars-Kolonisierung und Unterwasserstädten träumte – nichts dergleichen ist Wirklichkeit geworden.“

Er zerlegt auch Begriffe wie autonomes Fahren: „Jetzt fahren wir autonom, weil wir selbst als Lenker entscheiden. Wenn wir nur Passagiere sind, ist das heteronomes Fahren.“ Die markanten Unterschiede zwischen Mensch und künstlicher Intelligenz (KI) sind für ihn Emotionalität, der Begriff Zeit im Vorstellungsfeld von Fiktion, Erinnerung sowie Hier und Jetzt, und das Ich-Bewusstsein. „Es gibt neurologisch analysiert in jedem Kopf acht Ich-Bereiche.“ Dazu kommt die moralische Komponente, die eine auch noch so großartige Robotervariante nie vorweisen werde. Über allem steht für Precht („Ich bin in eine Pessimistenfamilie hinein geboren, also Optimist“) die Unantastbarkeit und Würde jeglichen menschlichen Lebens, was immer dagegen steuert, „hebt die Grundrechte aus.“

Herkömmliche Arbeitswelten sieht er in 15-20 Jahen massiv unter Druck, Bankkaufleute, Versicherungsmakler, Sekretärinnen würden von Algorithmen weggefegt. Bis zu 40 Prozent könnten arbeitslos werden.

Sein Gegenrezept: Bedingungsloses Grundeinkommen für alle und neue Strategien bei Konsumsteuern: „Runter mit der allgemeinen Mehrwertsteuer, dafür überall 25 Prozent auf das, was übers Internet läuft und den herkömmlichen Handel ruiniert, bis hin zu großen Ketten.“ Finanzieren will er die Bekämpfung der Armut über Transaktions- bzw. Spekulationsabgaben, da ließen sich Milliarden lukrieren, die niemandem wirklich abgingen. Warum klappt das (noch) nicht? „Weil wir die falschen Leute wählen“, weil solche Entscheidungen nur kommen könnten, wenn man sich aus des Fängen des gierigen Großkapitals befreite. Also eine Frage des politischen Mutes. . .

Roland Ruess
Roland Ruess
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