Sturmsaison beginnt
Bewohner im Golf von Mexiko fürchten “Öl-Hurrikan”
Küstenbewohner (im Bild rechts: eine Protestaktion mit "Theater-Öl" gegen BP) erfüllt die Vorstellung eines mit Öl-Tröpfchen durchtränkten Wirbelsturms mit Grauen. Es ist dies aber ein Extremszenario, bei dem verschiedene "Worst case"-Faktoren eintreten müssten. Für gewöhnlich "ernährt" sich ein entstehender Hurrikan auf dem offenen Meer von verdampftem Wasser. Unter bestimmten Voraussetzungen könnte dabei auch Rohöl vom Meeresspiegel mit aufgenommen werden, das dann in feinen Tröpfchen als Regen an Land getragen werden könnte, sagen US-Meteorologen.
Wahrscheinlicher wäre da aber noch eher eine Flutwelle, sollte ein Hurrikan an Land gehen. Diese müsste erst gar nicht die Ausmaße von "Katrina" im Jahr 2005 annehmen. Bereits ein paar Meter würden die Aufräumarbeiten um Tage oder sogar Wochen zurückwerfen. Und: Je stärker das Marschland an der Küste von Louisiana mit der Ölschmiere verseucht ist, umso schlechter kann es seine Aufgabe als Pufferzone für einen Hurrikan oder eine Flutwelle erfüllen.
Ein Hurrikan könnte aber auch einen positiven Effekt auf die Ölpest haben. Nämlich dann, wenn er nicht an Land geht und den Ölteppich auf der Meeresoberfläche zerstäubt. Flächenmäßig wäre dieser dann zwar größer, doch würde sich aufgrund der geringeren Dichte eine schwächere Umweltbelastung ergeben. Im günstigsten Fall, "saugt" ein Hurrikan den Ölteppich ins Meer, weg von der Küste.
"Es gibt einfach keine Daten dazu"
"Unser größtes Problem ist, dass wir keine dieser möglichen Entwicklungen voraussagen können. Es gibt einfach keine Daten dazu", erklärt Joe Bastardi von AccuWeather der Associated Press. Eine weitere Befürchtung der Küstenbewohner, nämlich dass der dunkle Ölteppich auf dem Meer die Entstehung von Hurrikans begünstigt - nach dem Prinzip: je wärmer die Wasseroberfläche desto größer die Gefahr -, will Bastardi nicht unterschreiben.
Den bisher einzigen Hurrikan in Verbindung mit einem Off-Shore-Ölleck gab es 1979 vor der Küste der mexikanischen Halbinsel Yucatan bei der Plattform-Explosion am Bohrloch "Ixtoc I". Hurrikan Henri, ein Zyklon, der nie an Land trat, versetzte den Abdichtungs-Arbeiten bei der bisher zweitgrößten Ölpest überhaupt einen herben Rückschlag. Nachfolgende Stürme trieben den Ölteppich dann im Kreis, drückten ihn kurzzeitig unter Wasser und bewahrten so die Küsten von Yucatan und Texas vor größerer Zerstörung bzw. gaben den Einsatzkräften mehr Zeit, sich auf die Ölpest vorzubereiten.
Es dauerte übrigens zehn Monate, bis das Leck, das sich in nur 50 Metern Tiefe befand, vollständig mittels einer Entlastungsbohrung abgedichtet werden konnte. 1,4 Millionen Tonnen Rohöl waren bis dahin ins Meer geflossen. Zum Vergleich: Im Golf von Mexiko gehen die pessimistischen Schätzungen derzeit von rund 500.000 Tonnen ausgeflossenem Rohöl seit der Plattform-Explosion aus.
Ereignisreiche Hurrikan-Saison steht bevor
Die US-Meteorologen sagen jedenfalls eine ereignisreiche Hurrikan-Saison vor. Bastardi geht von sieben Wirbelstürmen insgesamt aus, wobei fünf auch an Land bemerkbar sein werden. Maximal zwei könnten größeren Auswirkungen als ein paar abgedeckte Dächer und vereinzelte Überschwemmungen haben. Hurrikan-Forscher der Universität von Colorado beziffern die Wahrscheinlichkeit zumindest eines Hurrikans mit "landfall" auf 69 Prozent. Der US-Bundesstaat Florida - von der Ölpest (noch) nicht unmittelbar betroffen, aber traditionell ein Hurrikan-Land - hat BP bereits angekündigt, im Falle eines "Öl-Hurrikans" auf jeden Fall Schadenersatz zu fordern.
Die traditionelle Periode der schweren Hurrikans erstreckt sich für gewöhnlich von August bis Oktober. Nach dem Scheitern der "Top kill"-Methode stellte BP in Aussicht, dass man den Ölfluss erst im August mit einer Entlastungsbohrung, deren Erfolgsaussichten dafür nahezu 100 Prozent betragen, stoppen könnte. Die Zeit wird knapp.
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