29.08.2019 07:00 |

Album „Fear Inoculum“

Tool: Die eigenwilligste Band dieses Universums

Nach mehr als 13 Jahren hat die schier unendliche Wartezeit der Tool-Fans nun tatsächlich ein Ende - Maynard James Keenan und Co. veröffentlichen dieser Tage „Fear Inoculum“ und zeigen darauf eindrucksvoll, dass sie nichts von ihrer veruqueren Verkopftheit eingebüßt haben. Ein Festmahl für Freunde des Unangepassten.

Ist es nur geschicktes Marketing, oder rigorose Fan-Verarsche? Fakt ist: mehr als 13 Jahre nach dem letzten Album „10,000 Days“ erscheint am 30. August das fünfte Studioalbum der kalifornischen Stilverweigerer Tool. Außerdem haben sie erst unlängst als eine der allerletzten Bands ihren gesamten Backkatalog für alle gängigen Streamingplattformen freigegeben. Ist das nur einer gewissen Altersmilde geschuldet, oder verkaufstechnisches Kalkül? Die Wahrheit liegt - wie wohl immer bei dieser speziellen Band - irgendwo in der Mitte. Kleine Andeutungen gab es hier und da. Jahrelang wurde die Veröffentlichung verschleppt, die Musiker gaben untereinander gegenteilige Statements ab und erst als diesen Frühling eine Europa-Tour samt Festivalshows fixiert wurde, konnte man sich wirklich auf neue Musik einstellen. Der größte musikalische Treppenwitz seit der unvergesslichen „Chinese Democracy“-Farce von Guns N‘ Roses hat dieser Tage jedenfalls sein Ende gefunden.

Tröstliche Mechanismen
Am 7. Mai, beim Konzert in Birmingham, Alabama, wurde während einer kleinen Pause das Datum „30th August“ auf einer Videoleinwand eingeblendet, später folgte die Bestätigung in den sozialen Netzwerken. Im Zeitalter der frei verfügbaren, rund um die Uhr vorkommenden Informationen hatte die Vorgangsweise von Tool fast schon etwas Tröstliches. Auch, dass Frontmann Maynard James Keenan - ähnlich wie Jack White - auch weiterhin alle Handyfotos und -aufnahmen während seiner Konzerte verbietet und bei eventuellem Nichteinverständnis auch gerne rigoros durchgreift. Nachdem er sich jahrelang mit seinem Projekt Puscifer und als Weinbauer vergnügt hat, kam Keenan zuletzt nicht nur mit Tool, sondern auch mit den in Fankreisen nicht minder gefeierten A Perfect Circle schlagkräftig zurück. Der aktuelle Kreativitätsschub beflügelte offenbar auch seine Bandkollegen, doch genau darin lag wohl auch ein Stück der Uneinigkeit zugrunde.

Wie Keenan unlängst im Podcast Joe Rogan erzählte, sei ihm selbst eine Riesenlast vom Herz gefallen, als die Band das Album endlich fertigstellen konnte. Hinter der schier unmenschlich langen Wartezeit lag wohl nicht nur der interne Spaß, die Fans zu ärgern und zum Äußersten zu treiben, sondern wohl auch Uneinigkeit und übertriebene Perfektion. „Es lag hauptsächlich am Erfolg. Wenn du erfolgreich bist, dann glaubst du, dass du mit allem im Recht bist. Als Individuum denkst du dir immer, dass der andere falsch liegt. Frei nach dem Motto: Wir sind deshalb alle erfolgreich, weil ich selbst so erfolgreich bin. Natürlich hat das auch etwas Gutes, denn wir gehen niemals Kompromisse ein und arbeiten so lange es eben nötig ist, bis es passt. Das gilt natürlich auch für mich.“ Dass Tool weltweit überhaupt die größten Hallen füllen, ist angesichts des verschrobenen Alternative Metals eine kleine Sensation. Für den Massengeschmack sind die Werke der Kalifornier für gewöhnlich zu sperrig und dissonant, aber aus bestimmten Gründen konnten sich Tool immer aus dem Dickicht der Konkurrenz schälen und - wohl auch dank der visuell ansprechenden Shows - ungeahnte Erfolge verbuchen.

Laut und leise
Nun also endlich neue Musik. „Fear Inoculum“ nennt sich das neue Werk, das sich einmal mehr sämtlichen Genreeinordnungen verweigert und Tool als Pioniere einer ganz eigenen Form von harter Musik ausweisen. Wenn man Interlude und Outro beiseitelässt, bleiben sieben volle Songs übrig. Keine Meisterleistung nach 13 Jahren, aber besser als weitere Aufschiebungen bis ins Nirgendwo. Die sich durch das ganze Werk ziehende Nummer sieben wäre laut Gitarrist Adam Jones als „Volume 7“ auch fast zum Albumtitel geworden, setzte sich aber schlussendlich nicht durch. Mit mehr als 80 Minuten Spielzeit haben Tool auf dem großen Comeback-Album jedenfalls nicht an Songmaterial gespart. Einem sanften Einstieg mit engelshohen Keenan-Vocals folgt im titelspendenden Opener eine akustische Eruption, die sich in einem Schlagzeug-Stakkato und wild mäandernden Riffs erklärt. Immer wieder zeigen Tool auf „Fear Inoculum“ ihre Liebe zur Laut/Leise-Dynamik, arbeiten mit sanften Schellen und Akustikgitarren, nur um sich zwischenzeitlich in 70s-Prog-Referenzen („Pneuma“) und sogar partiellen Slipknot-Anknüpfungspunkten (das bereits live gespielte, großartige „Invincible“) zu suhlen.

Der Grat zwischen Genialität und Dadaismus ist auch bei Tool ein bekanntermaßen schmaler, doch neben der wirklich wuchtigen Produktion überrascht „Fear Inoculum“ mit prägnanten Riffs und einer spürbaren Leidenschaft für größtmögliche Perfektion, ohne dabei ins Klinisch-Kalte zu rutschen. Die atmosphärischen, fast schon außerirdischen Songteile, die sich in der Albummitte aneinanderschmiegen, verpassen dem Werk einen Hauch der Ungreifbarkeit. Immer, wenn man nach einem kurzen Break auf das nächste Riff wartet, stoßen einen Tool mit lächelnder Vehemenz vor den Kopf. Natürlich ist es gerade diese überquellende Selbstsicherheit, dieses stoische Beharren auf musikalischen Egoismus, der Keenan und Co. überhaupt erst in so hohe Karrieresphären vorstoßen ließ. Wie schon den Vorgänger ließ die Band auch „Fear Inoculum“ von Altmeister Bob Ludwig veredeln.

Erfrischend anders
Über den konzeptionellen Inhalt abseits der für die Band so magischen Zahl Sieben hat man noch den Mantel des Schweigens gebreitet. Wer sich aber eingehender mit dem Tool-Kosmos befasst hat, kann davon ausgehen, dass es sich dabei gewiss um ernste und eindringliche Thematiken handeln wird. Musikalisch trägt man die alten Zeiten würdevoll in die Gegenwart, ohne den momentanen Zeitgeist ganz auszusparen. In Songs wie „Chocolate Chip Trip“ oder „7empest“ schwingt die Band genüsslich durch sämtliche Heavy-Metal-Stile und zitiert dabei auch gerne so unterschiedliche Größen wie Mastodon oder Korn. Protziger Rock steht neben schüchterner Versiertheit, glasklare, durchdringende Gitarrenriffs paaren sich mit abgefahrenen Instrumentalabfahrten. Die Outro-Vogellaute zu „Mockingbeat“ kann man nach so vielen Jahren als sinnloses Füllmaterial abtun, oder aber als abschließenden Geniestreich mehrerer verquerer Geister. Tool sind und bleiben erfrischend anders. Das muss man nicht mögen, aber respektieren, denn blindes Gefolge gibt es im Musikbusiness zuhauf…

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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