25.06.2019 06:00

Umstritten wie nie

„King of Pop“: Vor 10 Jahren starb Michael Jackson

Seine Musik ist nicht tot zu kriegen: In einer New Yorker U-Bahn-Station singt eine Frau einen Song von Michael Jackson, einige bleiben stehen und wippen mit. Hier scheinen die Diskussionen um den größten Popstar aller Zeiten fast so, als hätte es sie nie gegeben. Dabei ist Jackson, dessen Tod sich heute zum zehnten Mal jährt, seit einigen Monaten so umstritten wie wohl noch nie.

Jackson war am 25. Juni 2009 im Alter von 50 Jahren an einer Medikamenten-Überdosis gestorben. Der Sänger war einer der einflussreichsten Musiker des 20. Jahrhunderts und hatte vor seinem Tod an einer Comeback-Tournee gearbeitet. Die Proben für die Konzertserie „This is it“ setzten ihm allerdings stark zu, der Musiker klagte über Schlafprobleme.

Sein Leibarzt Conrad Murray versorgte ihn deshalb mit dem Betäubungsmittel Propofol, der Sänger starb an einer Überdosis dieses Medikaments. Murray wurde im November 2011 zu einer vierjährigen Haftstrafe wegen fahrlässiger Tötung verurteilt, im Herbst vergangenen Jahres kam er frühzeitig auf freien Fuß.

Michael Jackson, diese einmalige Kunstfigur mit dem durch und durch gemachten Gesicht, der zwischen den Grenzen von Geschlecht und Ethnie zu schweben schien wie bei seinen Moonwalks rückwärts über die Bühne. Kürzlich noch zeigte ein Bild an seinem Münchner Altar - der Sockel der bronzenen Statue des Komponisten Orlando di-Lasso vor dem Hotel Bayerischer Hof wurde schon vor Jahren zu einem Jackson-Denkmal umfunktioniert - Jacksons Gesicht und die markanten schwarzen Locken. Statt dem Mund stand da das Wort „innocent“ (unschuldig).

Doku „Leaving Neverland“ sorgte weltweit für Entsetzen
Den Glauben an Jacksons Unschuld aber verloren in letzter Zeit viele, nachdem sie „Leaving Neverland“ gesehen hatten, die mittlerweile weltweit bekannte Dokumentation von Regisseur Dan Reed. In ihr erzählen der 41-jähirge James Safechuck und der 36 Jahre alte Wade Robson schockierend und in schwer zu ertragender Detailtiefe, wie der Sänger sie sexuell missbraucht haben soll, als sie noch Kinder waren.

Angefangen habe der Missbrauch, als er sieben war, sagt Robson in der Dokumentation. Es wird beschrieben, wie Jackson sich systematisch an die Kinder annäherte, schließlich mit ihnen in einem Zimmer schlief und nach einer Zeit wieder abstieß. Robsons Mutter spricht von einem „Muster“: „Alle zwölf Monate hatte er einen neuen Buben an seiner Seite.“ Regisseur und Videoproduzent Rudi Dolezal, der mit Jackson ebenso wie mit Freddie Mercury, David Bowie, Whitney Houston oder Tina Turner gearbeitet hat, nannte Jackson im Gespräch mit der „Krone“ (siehe auch Video unten) zuletzt einen „Predator (Raubtier), der sich junge Buben ausgesucht hat“.

Doch während einige eingefleischte Fans in den Foren noch immer darüber brüten, wie sie die Welt von der Unschuld ihres Idols überzeugen können - schließlich wurde „Jacko“ nie von einem Gericht verurteilt -, geht auch eine andere Debatte weiter. Darüber, ob man Jacksons Oeuvre angesichts der Vorwürfe noch genießen darf. Sind Kunst und Künstler trennbar?

Es ist eine Frage, die die Öffentlichkeit in den vergangenen Jahren mehrfach und mit wechselnden Hauptdarstellern aushandeln musste, nachdem diese Stars schwer belastet wurden. Was passiert mit den vor Charme strotzenden Filmen von Woody Allen? Und der Sensationsserie „House of Cards“ mit dem begnadeten Kevin Spacey als Präsident Underwood? Sind die Witze des jüngeren Bill Cosby noch lustig? Kann man „I Believe I Can Fly“ von R. Kelly trotzdem aufdrehen?

Songs werden weiterhin im Radio gespielt
Im Fall von Jackson gab es diejenigen, die mit Boykottaufrufen reagierten. Doch Radios, darunter auch Ö3, spielen Songs wie „Billie Jean“, „Smooth Criminal“ oder „Heal the World“ weiterhin, bei Streaminganbietern bleiben sie im Programm. Mehrere internationale Sender hatten die Songs von Jackson zumindest für eine gewisse Zeit aus dem Programm gestrichen. Sollte es neue oder eine neue Art von Vorwürfen sowie neue Nachweise geben, so werde das den Umgang von Ö3 mit dem Thema „sicher beeinflussen“, hatte Senderchef Georg Spatt im März erklärt.

Für die Tour des Musicals „Beat it“, von den Veranstaltern als „zweistündige Hommage“ an das Pop-Genie beschrieben, werden nach wie vor Karten verkauft. Und die Regierung von Oberbayern will den Michael-Jackson-Schrein in München trotz einiger Beschwerden weiter dulden: „Die im Raum stehenden Vorwürfe gegen den Künstler sind nach hiesiger Kenntnis bisher nicht bestätigt“, teilte sie auf Anfrage mit. Der Broadway in New York bereitet sich inzwischen Medienberichten zufolge auf den Start eines großen Michael-Jackson-Musicals im nächsten Jahr vor.

Von den Reichen und Mächtigen hofiert
Das ist eine Entwicklung, die kaum überrascht, wenn man sich neben dem Werk auch die Wirkung des „King of Pop“ anschaut. Viele beschreiben ihn als Star von solcher Größe, wie sie vielleicht niemals wieder erreicht werden kann. Die einflussreichsten Frauen und Männer der Welt - Präsidenten, Könige und Diktatoren - hofierten Jackson, auch deswegen, weil er auf seine Weise noch mächtiger war als sie. Er spielte Touren vor Millionen, und seine Konzerte waren so groß, wie das Fassungsvermögen der Stadien es zuließ.

„Larger than life“ ist eine Beschreibung, die oft für Jackson verwendet wird - „überlebensgroß“. Und auch sein Lebenswerk ist genau das: zu groß und mächtig, um es ignorieren oder boykottieren zu können. „Ich würde sagen, dass es wahrscheinlich keinen anderen Künstler gibt, der so wichtig für die Populärmusik der Gegenwart ist wie Michael Jackson“, sagt der „New York Times“-Kritiker Wesley Morris.

Ganze Karrieren auf Jacksons Lebenswerk aufgebaut
Andere Stars hätten ganze Karrieren auf seinem Lebenswerk aufgebaut. Britney Spears, Justin Timberlake, Bruno Mars oder The Weeknd würden ohne revolutionäre Alben wie „Bad“ oder „Dangerous“ heute anders klingen. Wenn man sie überhaupt kennen würde. Jacksons Tanz-Choreografien mit einer Masse von synchronen Tänzern wie bei „Thriller“ sind damals wie heute State of the Art.

Eine der Fragen, in der vieles kulminiert, lautet: Können schreckliche Menschen großartige Kunst machen? Liebhaber des genialen Komponisten, Antisemiten und Nazi-Lieblings Richard Wagner würden sie wohl genauso mit „Ja“ beantworten wie diejenigen, die Pablo Picassos Malerei großartig finden, obwohl er immer wieder als Mann beschrieben wurde, der Frauen in seinem Leben herabwürdigte.

Ähnliches dürfte auch für diejenigen gelten, die den König der Popmusik nach „Leaving Neverland“ mit anderen Ohren hören. Auch wenn um die Person Jackson zehn Jahre nach seinem Tod heftig gestritten wird, so bleibt sein Lebenswerk doch der berühmte „Gamechanger“. Oder wie Journalist Morris die wichtigsten Ereignisse der US-Neuzeit zusammenfasst: „Auf der einen Seite ist da die Mondlandung und auf der anderen der Moonwalk“.

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