Rebellen-Terror
Moskau-Anschläge: Die Jagd auf den “Staatsfeind Nr. 1”
Seit Jahren versuchen Extremisten in den russischen Teilrepubliken im Kaukasus, die Kontrolle über die Vielvölker-Region an sich zu reißen: In Tschetschenien, Inguschetien und Dagestan liefern sich die in verschiedene Gruppierungen zersplitterten Rebellen schwere Kämpfe mit russischen Sicherheitskräften. Doku Umarow will ein militantes "Kalifat Kaukasus" errichten und dort die Scharia einführen. Wenige Tage vor den U-Bahn-Bomben in Moskau gab es einschlägige Drohungen auf Websites aus Umarows Umfeld.
Der Heilige Krieg des "Kalifen vom Kaukasus"
"Kalif" Umarow führt einen Heiligen Krieg. Der Tschetschene gab erst unlängst dem russischen Regierungschef Wladimir Putin die Schuld an dem dauerhaften Blutvergießen in der Konfliktregion. Ungeachtet aller martialischen Ankündigungen scheitert die Kremlführung seit Jahren daran, Ruhe in die Region zu bringen: ein Teufelskreis von Gewalt, Gegengewalt und noch mehr Gewalt. Allein 2009 starben mehr als 1.000 Menschen. Vor allem die Zivilbevölkerung leidet unter Terror und Polizeigewalt.
Der "Kalif vom Kaukasus" will die "blutrünstigen russischen Besatzer" aus der bergigen Vielvölkerregion ein für alle Mal vertreiben. "Wir werden den Kaukasus nie hergeben!", schrieb der 45-jährige Umarow. Viele Anhänger Umarows, die vor allem Premier Putin und seine "Kettenhunde" im Visier haben, jubelten nach dem Moskauer Blutbad – und dankten Allah.
Russland wegen brutaler Vorgehensweise in der Kritik
Die Rollen von Gut und Böse sind in diesem Konflikt im Nordkaukasus je nach Sichtweise unterschiedlich verteilt. Auch Menschenrechtler kritisieren seit Jahren die blutige Politik des Kreml im Nordkaukasus. Der Menschenrechtler Lew Ponomarjow berichtet von Entführungen, Folter und sogar Mord auch an unschuldigen Zivilisten, die bei sogenannten Anti-Terror-Aktionen Opfer staatlicher Willkür und militärischer Gewalt werden.
Sondereinheiten hatten zuletzt "eine ganze Reihe von Operationen zur Vernichtung der Anführer und Aktivisten illegaler Terrorgruppen" geführt, sagte der Vorsitzende des Sicherheitsausschusses der Staatsduma, Wladimir Wassiljew. Die Leichen berüchtigter Terroristen präsentierten die russischen Medien jeweils wie Siegestrophäen.
Hauptstadt fürchtet Terrorwelle
Mit dem jüngsten Terrorkrieg rückt u.a. auch wieder die Sorge um die Sicherheit der kommenden Olympischen Winterspiele in den Vordergrund. Sotschi ist nicht weit von Russlands "Problemzone" entfernt. Aber auch viele Moskauer befürchten, dass nun erneut eine Terrorwelle die Hauptstadt heimsuchen könnte. Schon in der Vergangenheit gab es in Moskau Blutbäder – auch auf einem Markt, in einem Musicaltheater und in großen Wohnblocks. Jedes Mal sprachen die Ermittler von Spuren in den Nordkaukasus.
Und oft gab es in der Folge auch Verschwörungstheorien: Mitunter gerieten Geheimdienstler oder Teile des Innenministeriums selbst in den Verdacht, Anschläge zu initiieren, um so Gewalt zu rechtfertigen und ihre Macht zu sichern. Der Kreml wies dies stets als Unfug zurück.
Endloskriege als koloniales Erbe
Die Endloskriege im Nordkaukasus sind das Erbe der russischen Kolonialpolitik des 19. Jahrhunderts. Allerdings fand dort niemals eine Entkolonialisierung statt. In der Widerstandsbewegung verschmilzt ein Amalgam aus Islamisten, Separatisten und Kriminellen. Heute ist der Kaukasus das vernachlässigte Armenhaus Russlands. Und solange das so bleibt, wird sich an der Gewalt nichts ändern.
Von Kurt Seinitz (Kronen Zeitung) und krone.at
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