Do, 23. Mai 2019
19.04.2019 22:57

Finale in der Ukraine

Präsidentenwahl als Duell-Inszenierung im Stadion

In ihrer einzigen direkten Begegnung im ukrainischen Präsidentschaftswahlkampf, die am Freitagabend im Kiewer Olympiastadion über die Bühne ging, haben sich der amtierende Präsident Petro Poroschenko und Herausforderer Wolodymyr Selenskyj wechselseitig vor allem Vorwürfe gemacht, aber kaum miteinander diskutiert. Insgesamt mutete die Veranstaltung wie ein großangelegter Filmdreh mit vielen Statisten an.

Mit diesem ungewöhnlichen Höhepunkt vor mehr als 10.000 Menschen im für 70.000 Personen konzipierten Olympiastadion und Millionen Ukrainern vor den Fernsehbildschirmen ist ein turbulenter Präsidentschaftswahlkampf de facto zu Ende gegangen, ab Mitternacht darf nicht mehr agitiert werden. Unklar blieb nach Ende der Veranstaltung, ob sie das Wahlverhalten in der Stichwahl am Sonntag beeinflussen würde. Zuletzt hatten alle Meinungsumfragen den populären Fernsehkabarettisten mit einem nahezu uneinholbaren Vorsprung in Führung gesehen.

Begonnen hatte das Rededuell kurz nach 19 Uhr Ortszeit. Nach dem Absingen der Nationalhymne waren beide Kandidaten zunächst eingeladen, auf einer gemeinsamen Bühne kurze Präsentationen zu machen und anschließend einander Fragen zu stellen. Poroschenko hatte klares Heimspiel - seine Anhänger, die teils in Autobussen zum Stadion gebracht worden waren, dominierten zahlenmäßig. Sie bewirkten durch laute Unmutsbekundungen, dass zahlreiche Wortmeldungen Selenskyjs im Stadion akustisch unverständlich blieben.

„Fehler für die Ukraine“ gegen „Sack mit Teufel und Katzen“
Eine wirkliche inhaltliche Debatte stand aber für die Kandidaten nicht im Vordergrund, beide vermieden zudem neue inhaltliche Akzente. Nachdem Selenskyj den amtierenden Präsidenten als „Fehler für die Ukraine“ bezeichnet hatte, erwiderte der Präsident: „Sie sind keine Katz im Sack, sie sind ein Sack und ihrem Sack sind Teufel und Katzen.“ Er bezog sich damit auf ein Fernsehinterview Selenskyjs, in dem der russische Präsident Wladimir Putin vom Interviewer als Teufel bezeichnet worden war.

Der Herausforderer warf im Gegenzug seinem Mitbewerber vor, dass Süßwaren von Poroschenkos Konzern „Roschen“ in Moskau weiterhin zu kaufen seien und dass Soldaten der selbstdeklarierten Volksrepubliken in der Ostukraine Roschen-Schokolade in ihrer Ration hätten. „Alles, was Wolodymyr sagt, ist eine Lüge und entspricht nicht der Wahrheit“, erwiderte Poroschenko.

Poroschenko gibt Zugabe, Selenskyj bleibt TV-Duell fern
Während Selenskyj nach dem offiziellen Ende der Veranstaltung das Stadion sofort in einem Kleinbus verließ, gab es vom amtierenden Präsidenten noch eine Zugabe. Gemeinsam mit prominenten Unterstützern wanderte er zu einer weiteren Bühne und wandte sich in einer emotionalen Rede nicht nur an seine Anhänger im Stadion, sondern insbesondere auch das Wahlvolk vor den Bildschirmen. Neben dem Präsidenten stand unter anderem die offizielle Gebärdendolmetscherin des Fernsehsenders „Prjamyj“, der für den Wahlkampf Poroschenkos eine zentrale Rolle gespielt hatte.

Selbst eilte der Präsident anschließend in das Studio des öffentlich-rechtlichen Senders „Suspilne“, wo nach Vorgaben der staatlichen Wahlkommission um 21 Uhr Ortszeit eine Diskussion der beiden Spitzenkandidaten stattfinden sollte. Herausforderer Selenskyj blieb fern. „Wir sehen keinen Sinn, dafür noch Ressourcen zu verwenden“, begründete sein enger Mitarbeiter Iwan Bakanow dies am Abend vor Journalisten.

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