20-Jahr-Jubiläum

Schule am Bauernhof: Lernen durch Berühren

Tirol
05.04.2019 06:00
Porträt von Anna Haselwanter
Von Anna Haselwanter
Stallluft schnuppern, Tiere streicheln und beim Ausmisten helfen: Seit 20 Jahren wird bei „Schule am Bauernhof“ das Klassenzimmer gegen Acker und Wiesen getauscht. Die Kinder erlernen ökologische Zusammenhänge, die Landwirtschaft kann sich präsentieren und mit Vorurteilen aufräumen. Ein Gewinn für beide Seiten.

Lautes Gackern schallte am Donnerstag über den Max’nhof in Arzl hoch über Innsbruck. Kinder wie Hühner verfielen in aufgeregte Fröhlichkeit – so oft kommt man nun mal nicht dazu, einen Hahn zu bestaunen oder sich tief in die Wolle eines Schafes einzugraben. Ein Problem, das mit der zunehmenden Urbanisierung immer mehr wird und dem die Initiative „Schule am Bauernhof“ seit nunmehr 20 Jahren tapfer entgegen hält.

Bäuerinnen werden ausgebildet
Denn die Kinder sollen lernen, wo die Lebensmittel herkommen, und dass eine Kuh nicht lila ist – ja, dieser Irrglaube existiert mitunter auch in Tirol (siehe Interview). Nicht aber nach einem Besuch bei Karin Stern, die seit Beginn des Projekts an vorderster Front unterrichtet – nämlich durch Erleben auf ihrem Bauernhof. Die Innsbrucker Landwirtin war eine der ersten, die am Projekt „Schule am Bauernhof“ mitwirkte, gerade hat ihre Schwiegertochter den Zertifikationslehrgang abgeschlossen. 80 Stunden Ausbildung absolvieren die Bäuerinnen, um pädagogisch wie rechtlich auf die Kinder vorbereitet zu sein.

50.000 Kids durch das Bildungsprojekt erreicht
In Tirol gibt es mittlerweile 42 Betriebe, auf denen das Angebot gebucht werden kann. Im vergangenen Jahr wurden 181 Hofbesuche und 14 „Bauernhofwochen“ durchgeführt. Seit Bestehen der Initiative konnten rund 50.000 Kids Bauernhofluft schnuppern. Das Erfolgsprojekt, das es auch bundesweit gibt, ist somit auch eine wichtige Schnittstelle zur nicht-bäuerlichen Bevölkerung, wovon auch die Landwirtschaft profitiert: „Da die Zahl der Bauern rückläufig ist, schwindet auch das Wissen über die Landwirtschaft. Der Handel zeichnet oftmals ein idealisiertes Bild, das nicht der Realität entspricht“, erklärt Josef Hechenberger, Präsident der Landwirtschaftskammer.

Nachhaltig in Erinnerung
„Durch ‘Schule am Bauernhof’ kann authentisch vermittelt werden, wie Landwirtschaft wirklich funktioniert“, freut sich Hechenberger. „Das ist einzigartig und bleibt allen in Erinnerung“, ergänzt Landesbäuerin Resi Schiffmann. Lydia Schuler, Lehrerin an der Volksschule Mühlau, die mit ihrer Klasse gestern am Max’nhof war, bestätigt das auch: „Die Kinder merken sich alles viel besser, wenn es erlebt wird.“

„Auch in Tirol gibt es das Bild der lila Kuh“
Karin Stern unterrichtet seit 20 Jahren Kinder auf ihrem Bauernhof in Innsbruck. Ihre Erfahrung zeigt: die Arbeit ist wichtiger denn je...

Wie hat sich die Arbeit in den 20 Jahren verändert?
Alle Tiroler stammen irgendwie von einem Bauernhof ab, der Onkel, die Großeltern - früher gab es immer einen Bezug. Heute sind die Kinder schon ganz weit weg. Es gibt wirklich die lila Kuh. Man glaubt es nicht, aber ich habe schon ernsthaft erstaunte Kinder erlebt, die entdeckten, dass die Kuh eben nicht lila ist.

Den Kindern beizubringen, dass es eben nicht so ist, ist Ihre Motivation?
Ja, ich finde in der Volksschule ist es natürlich wichtig, dass die Kinder lesen und schreiben lernen, aber eben auch, was um sie herum passiert. Wie die Tierwelt aussieht, was in Tirol so angebaut wird, wie die Ortschaften heißen.

Steigen mit dem schwindenden Wissen über die Landwirtschaft auch Berührungsängste?
Nein, die Kinder sind viel selbstbewusster als früher - Angst kennen die wenigsten. Im Gegenteil, sie freuen sich und saugen das Wissen regelrecht auf. Viele gehen dann nach Hause und erzählen den Eltern, wie gut das Essen war - und „erziehen“ sie somit.

Wie ist das Feedback von den Lehrpersonen?
Das ist durch die Bank positiv. Manche berichten sogar, dass die Kinder ganz verändert zurückkamen und der Besuch nachhaltig bei allen in Erinnerung bleibt.

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