02.03.2019 07:22 |

„Krone“ vor Ort

Ukraine: Die Gesichter des vergessenen Krieges

„Krone“-Lokalaugenschein im Krisengebiet der Ukraine: Wie Menschen seit fünf Jahren unter dem Krieg leiden und warum gerade Spenden aus Österreich viele Leben retten können.

Zehn Titanplatten und 30 Schrauben halten das Gesicht der Ukrainerin Nelli zusammen. Sie ist halb blind, auf der rechten Seite trägt sie ein Glasauge. Es war im Sommer 2014, als plötzlich Kampfflugzeuge Wohnhäuser und Straßen bombardierten. Die Frau warf sich schützend vor ihren damals 4-jährigen Sohn Elisar, ehe sie das Bewusstsein verlor. „Als ich das nächste Mal aufwachte, lag draußen der Schnee“, erinnert sie sich.

Seelische Narben
Die Spuren des Krieges hinterließen auch seelische Narben. „Elisar erkannte mich nicht wieder. Er fing bei meinem Anblick zu schreien an und sagte, ich sei nicht seine Mama.“ Zwei Jahre lang umarmte die 39-Jährige ihren Sohn nur von hinten, damit er ihr Gesicht nicht sieht. „Erst dann konnte er mich wieder als Mutter annehmen.“

2,8 Millionen sind im Konfliktgebiet gefangen
Nelli ist eine von 1,5 Millionen Binnenflüchtlingen - so genannte Internally Displaced Persons. Entlang der 427 Kilometer langen Pufferzone, die das Separatistengebiet von den unter Regierungskontrolle stehenden Regionen trennt, herrscht seit fünf Jahren Ausnahmezustand. Viele Menschen leben nach wie vor direkt im Konfliktgebiet, darunter 800.000 Kinder. Außer ihren Häusern dort haben die Einwohner keine Besitztümer - und damit keine Existenzgrundlage. Sie sind im Kriegsgebiet „gefangen“.

Hunderte Verletzungen der Waffenruhe
Täglich kommt es entlang der Kontaktlinie zu hunderten Verletzungen der Waffenruhe. Ruinen mit Einschusslöchern und von Bomben gerodete Wälder erinnern an die allgegenwärtige Gefahr. Ein Lokalaugenschein entlang der Kontaktlinie ist für uns Journalisten nur mit kugelsicheren Westen und Helmen gestattet - auf beiden Seiten lauern Scharfschützen, die jederzeit angreifen können. Die 15.000 Einheimischen aber, die sich Tag für Tag in der Kälte durch den Checkpoint bei Stanyzja Luhanska quälen, sind ihnen schutzlos ausgeliefert. So etwa der einbeinige Sowjet-Kriegsveteran Valeriy, der sich auf Krücken durch die Zone schleppt: „Meine Verwandten leben hier.“

Seit Jahren unterstützt die Caritas jene Menschen, die vom ukrainischen Staat im Stich gelassen wurden, mit Lebensmitteln, Medikamenten, Hygieneartikeln, Kleidung, Rechtsberatung und psychologischer Betreuung. „Der Krieg hat die Armut verstärkt. Es ist eine stille, vergessene Katastrophe, die unsere Aufmerksamkeit braucht“, mahnt Generalsekretär Klaus Schwertner.

Pensionistin bleiben 25 Euro zum Leben übrig
Auch abseits des Kriegsschauplatzes bleibt die Situation für Millionen Menschen in der Ukraine angespannt. Ein Drittel lebt in extremer Armut. Umgerechnet 55 Euro beträgt die Mindestpension hier, der Mindestlohn liegt bei 137 Euro. Der 83-jährigen Anna bleiben nach Abzug der Energiekosten lediglich 25 Euro pro Monat übrig. Ohne die Hilfe der Caritas kann sie nicht überleben. Für den Besuch aus Österreich hat sie extra eingeheizt - ein Luxus, den sie sich eigentlich nicht leisten kann. Aus Angst vor einer neuen Hungersnot investiert die Pensionistin jeden Cent in Essensvorräte: „Wir leben in ständiger Unsicherheit.“

Für die vom Krieg gezeichnete Nelli kommt eine Rückkehr in das Kriegsgebiet heute nicht mehr in Frage: „Ich liebe meine Heimat, aber ich habe Angst davor, meinen Sohn auf die Straße zu lassen, wenn er jeden Moment von einer Bombe zerfetzt werden könnte.“

Hilfe für Sozialwaisen
Sznenewechsel nach Österreich. Im Vorraum von Helga Tippel stapeln sich Dutzende Kisten. „Mein Enkelsohn schimpft mich, weil es bei mir so ausschaut“, sagt die Wiener Pensionistin und lacht. Schon bald werden diese Kisten in die ukrainische Hauptstadt Kiew wandern - und zwar in das Kinderzentrum Aspern. Seit 2000 ist das ehemalige Internat eine Anlaufstelle für Sozialwaisen - Kinder, deren Eltern die Vormundschaft weggenommen wurde.

Die Mitarbeiter haben es sich zur Aufgabe gemacht, diesen Kindern eine Familie zu sein. Zusätzlich bietet das Haus Schnupperkurse für unterschiedliche Berufe an. „Wir machen die Kinder fit für ein selbstständiges Leben“, erklärt Koordinatorin Vera. Die Ukrainerin arbeitet eng mit Tippel zusammen, die jahrzehntelang Besuche von ukrainischen Kindern in Österreich organisierte. Bis heute sammelt die Wienerin im Namen der Pfarre Aspern Sachspenden für ukrainische Sozialwaisen.

Ukraine-Krieg: Daten und Fakten
Der 2014 in der Ukraine ausgebrochene Krieg forderte bisher 13.000 Opfer, darunter 3000 Zivilisten. 1,5 Millionen Binnenflüchtlinge (Internally Displaced Persons) sind bereits in andere Landesteile der Ukraine geflüchtet. Die Caritas und Partnerorganisationen unterstützten mehr als 100.000 vom Konflikt betroffene Menschen. Ein Lebensmittelpaket für eine Familie kostet 20 Euro. Mit 20 Euro (im Monat) schenken Sie einem Kind täglich eine Mahlzeit.

Caritas-Spendenkonto. Erste Bank - IBAN: AT23 2011 1000 0123 4560. BIC: GIBAATWWXXX. Kennwort: Kinder in Not. Infos: www.caritas.at/kinder

Alexandra Halouska (Text) und Klemens Groh (Fotos), Kronen Zeitung

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