Concorde-Prozess

Verhandlung startet mit Streit über Unfallursache

Ausland
02.02.2010 17:35
Der am Dienstag gestartete Prozess um den Concorde-Absturz bei Paris vor zehn Jahren droht im Expertenstreit zu versinken. Zwei mit insgesamt 534 Beweisstücken belegte Versionen des Unfallhergangs stehen sich unversöhnlich gegenüber. Angeklagt sind die US-Fluggesellschaft Continental Airlines und zwei ihrer Techniker, ein ehemaliger Mitarbeiter des DGAC und zwei Verantwortliche des Concorde-Programms des Herstellers Aérospatiale.

Die Concorde der Air France war am 25. Juli 2000 vom Pariser Flughafen Charles-de-Gaulle gestartet, an Bord befanden sich 100 Passagiere und neun Besatzungsmitglieder. Schon vor dem Abheben fing das Überschall-Flugzeug Feuer, der Pilot versuchte darauf, auf dem wenige Kilometer entfernten alten Flughafen Le Bourget zu landen. Doch auf halbem Wege stürzte das Flugzeug in Gonesse als Feuerball in ein Hotel. 113 Menschen starben bei dem Crash, darunter vier Personen in dem Hotel.

Fall für offizielle Ermittler klar
Doch warum wurde der Tank des Traumfliegers aufgerissen - und wann? Für die offiziellen Unfallermittler ist die Sache klar: Beim Start rollte die Concorde über eine Metall-Lamelle, die von einer alten DC-10 der US-Fluggesellschaft Continental abgefallen war. Die Lamelle war bei der Reparatur des Schubumkehr-Mantels offenbar unsachgerecht an die DC-10 angebracht worden. Und sie war aus dem falschen Material, nämlich steifem Titan. Die Folgen waren tödlich: Ein Reifen der Concorde platzte, Reifenteile durchschlugen den im Flügel eingebauten Tank und der ausströmende Treibstoff fing Feuer. Ist also Continental schuld?

Zerbarst Reifen wegen Unebenheit auf Rollbahn?
Alles Unsinn, sagt der von Continental engagierte Staranwalt Olivier Metzner. Die Concorde habe schon 800 Meter vor der Stelle gebrannt, wo die DC-10 das Metallstück verloren hatte. Dafür gebe es Dutzende Augenzeugen. Der Reifen soll zerfetzt worden sein, als die Concorde über eine - nach dem Unglück eingeebnete - Bodenstufe in der Rollbahn fuhr. Oder ein Wasserabweiser löste sich vom Fahrwerk und durchschlug den Tank. 

Nach dieser Version trägt Air France große Schuld. Deren Techniker hatten beim Warten der Concorde vergessen, einen Ring zwischen den Rädern zu montieren, der das Flattern der Reifen beim Start verhindern soll. Außerdem war das Flugzeug überladen. Der Stoß von der Bodenstufe besorgte dann den Rest.

Immer wieder Zwischenfälle mit Reifen
In 24 Betriebsjahren vor dem Unfall hatte es immerhin 65 Vorfälle mit den Reifen oder Rädern gegeben. In sechs Fällen wurden die Tanks von Trümmerteilen beschädigt, ohne dass es zu Bränden kam. So war im Juli 1979 eine Concorde in Washington nur knapp einer Katastrophe entgangen: Sie konnte mit durchschlagenem Tank nach dem Start sicher landen, weil der auslaufende Treibstoff nicht Feuer fing. 

Daraufhin prüfte das französische Luftfahrtamt DGAC, ob die Tanks gegen Schläge von unten verstärkt werden müssten. Doch nichts geschah - bis zur Katastrophe von Gonesse. Probleme seien damals totgeschwiegen worden, sagte der frühere Concorde-Kopilot Richard Pauperoux der Zeitung "Le Journal du Dimanche".

Angehörige französischer Opfer als Nebenkläger
Als Nebenkläger treten in dem Prozess Angehörige französischer Opfer auf, die bisher keine Abfindung erhielten. Die Familien der 97 deutschen Opfer wurden schon im Jahr nach dem Unfall entschädigt und hatten damals auf weitere Forderungen verzichtet. Eine Polin, die in dem Hotel gearbeitet hatte, erklärte, sie sei traumatisiert. Sie könne nicht mehr in ein Flugzeug steigen und habe den Beruf wechseln müssen. "Ich bin froh, dass nach zehn Jahren Stille jetzt endlich wieder über das Unglück geredet wird", sagte sie.

Der Prozess soll nun endgültig die Wahrheit ans Licht bringen. Die letzten Plädoyers sind für den 28. Mai angesetzt, das Urteil wird im Herbst erwartet. 

Unglück besiegelte Aus der Concorde
Der Unfall vom 25. Juli 2000 läutete das Ende des französisch-britischen Überschallflugzeugs ein. Zwar hob der elegante Delta-Flügler nach umfangreichen technischen Nachrüstungen im November 2001 wieder ab, doch mangelnde Nachfrage besiegelte zwei Jahre später das endgültige Aus der Concorde.

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