19.12.2018 08:02 |

Bomben vor 75 Jahren

Zeitzeuge: „Wir wären alle fast erstickt“

Vor 75 Jahren - am 19. Dezember 1943 - erlebte Innsbruck den zweiten Bombenangriff des Krieges. Helmut Jursitzka war 10 Jahre alt und überlebte in einem berstenden Haus, wo es 20 Tote gab.

Der Zeitzeuge schildert im folgenden seine Erlebnisse: Vom großen Angriff vier Tage vorher (Anmerkung: 269 Tote) wurden wir noch verschont. Doch dann traf es uns selbst. Beim Fliegeralarm am 19. Dezember gingen wir in den Keller, meine Pflegemutter und vier Geschwister. Bald hörte man das Getöse der Einschläge und plötzlich ein metallisches Klingen und eine arge Explosion. Diesen Klang habe ich bis heute im Gedächtnis.. Alles stürzte zusammen, auch unser halber Schutzraum und einige Zugänge. Dann hörte man noch Leute klagen und beten, bis alles still war. Wir waren in einer Falle. Da fiel mir ein, dass man die Wände zu anliegenden Häusern als Notausgang nutzen konnte, sie waren nur mit einer dünnen Ziegelmauer verschlossen, ein Schlaghammer lag für den Durchbruch bereit.

Im Notspital aufgewacht
Gerade als ich wegen des Staubes die Gasmaske aufsetzen wollte, muss mir etwas auf den Kopf gefallen sein. Aufgewacht bin ich viel später im Notspital in der Fallmerayerstraße. Gerettet hatte mich ein Bewohner, der beim Angriff auswärts war und dann die Rettung organisierte. Viel Zeit war nicht und wir wären alle erstickt. Ich hatte eine schwere Gehirnerschütterung.

Unser Haus gehörte zu schlimmsten Einzelfällen
Mehr als 20 Personen kamen in dem Haus ums Leben, einer der verlustreichsten Einzelfälle. Unsere Familie wurde gerettet. Eine Schwester kam mit Armbruch nach Natters, mein Bruder mit Gesichtsverletzungen nach Cortina, die andere Schwester fand Unterkunft bei ihrer Arbeitsstelle. Meine Pflegemutter und ich waren nun allein und wurden zuerst in einem Hotel in St. Nikolaus untergebracht, in der Nacht darauf im Keller der Wiltener Hauptschule. Am Abend dann die Frage, wohin wir wollten.

Traurige Weihnachten
Am 24. Dezember fuhren wir mit dem Zug nach Kufstein und mit dem Bus nach Thiersee zu einer Pension am Waldrand. Als wir ankamen, begannen die Bewohner gerade mit der Weihnachtsfeier - alle in festlichen Gewändern. Wir standen nur da, eine armselige, dezimierte Familie. Zum Feiern war man nicht mehr fähig, es ging rasch ins Bett. Unvergessliche Weihnachten.

Andreas Moser
Andreas Moser
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