27.10.2018 07:00 |

Bald live in Wien

Tom Walker: Er ist gekommen, um zu erobern

Der 26-jährige Tom Walker ist längst über den Status des Geheimtipps hinausgewachsen. Nach „Leave A Light On“ folgt bald das Debütalbum, davor geht es noch auf große Tour, die auch in der Wiener Ottakringer Brauerei Halt macht. Im Interview erzählt uns der Schotte, weshalb er gerne Drinks mit seiner Oma kippt, wieso ihn die Instagram-Kultur verstört und weshalb Songs durchaus kritische Inhalte haben dürfen.

Vor ziemlich genau einem Jahr wanderte die Single „Leave A Light On“ des britischen Singer/Songwriters Tom Walker bis auf Platz zwei der österreichischen Charts und garantierte dem gebürtigen Schotten über Nacht einen markanten Berühmtheitsgrad. In insgesamt 16 verschiedenen iTunes-Charts kletterte die Nummer an die Spitze und wird seitdem aus tausenden Kehlen mitgesungen. Was für viele wie ein Raketenstart wirkte, war aber nur die Spitze eines aufstrebenden Eisbergs. Walker verbuchte mit dem Song „Just You And I“ schon davor 29 Millionen Spotify-Streams, arbeitete mit Naughty Boy an „Heartland“ und wurde als Neuentdeckung in die renommierte „BBC Radio 1 Brit List“ aufgenommen - Supportacts für George Ezra, Gallant und Jake Bugg noch gar nicht mitgerechnet.

Ein Song für alle
„Verrückt oder“, wundert sich der sympathische Strahlemann im Interview mit der „Krone“ am Rande des Frequency Festivals, „es begann mit ,Leave A Light On‘ in Australien und Neuseeland und dehnte sich dann bis nach Europa aus. Das Leben ist gerade irrsinnig schön und nimmt mir eine große Menge an Druck, den ich mir gerne selbst mache.“ Produzierte wurde die eingängige Nummer von Steve Mac, inhaltlich trifft er genau den Nerv eines jeden Menschen. „Alle Menschen haben in ihrem Leben Probleme und können sich mit der Nummer identifizieren. Egal, ob es dabei um Alkoholsucht, Drogen, Spielsucht oder Fast Food geht - niemand ist davor gefeit, in so einen Zirkel abzurutschen.“ Das Licht leuchtet bei Walker derzeit fast schon grell. In den vergangenen zwei Jahren war er fast konstant auf Tour, noch bevor das Debütalbum überhaupt das Licht der Welt erblickte.

„Ich war vor dem Festivalsommer endlich mal eine Woche auf Sri Lanka. Nur ich und meine Freundin in einem kleinen Haus samt Swimming Pool. Ich habe dort keinen einzigen Finger gerührt. Natürlich wollte sie so viel wie möglich herumreisen und Sightseeing machen, aber nach den letzten Jahren war ich unfähig, mich in diesem Urlaub zu bewegen.“ Wenn Walker von derartigem Stress spricht, schwingt nichts Negatives mit. Der Mann mit dem markanten blonden Seefahrerbart befindet sich definitiv in seiner Mitte, wirkt ruhig, ausgeglichen und völlig mit sich im Reinen. Zwischendurch spielte er 22 Konzerte am Stück ohne einen freien Tag oder fuhr in einem klapprigen Van durch neun Länder an ebensovielen Tagen. „In erfolgreichen Zeiten, wenn das Adrenalin da ist, dann übersiehst du das schnell“, wird er kurz nachdenklich, „da ist auch die Musikindustrie gefordert, ein bisschen besser auf ihre Künstler aufzupassen. Ich nehme ausreichend Rücksicht auf mich und habe das im Griff, andere aber nicht. Es ist auch wirklich nicht leicht, die richtige Balance zu finden.“

Drei Musikmetropolen
Walker wurde in Glasgow geboren, wuchs in der Industriemetropole Manchester auf und ist mittlerweile in London gelandet. Grob gesagt hat er somit über all die Jahre drei musikalische Schmelztiegel verinnerlicht. „Meine musikalische Erziehung beschränkt sich stark auf den Musikgeschmack meines Vaters. Ich habe nie wirklich zu einer Szene in Glasgow oder Manchester dazugehört. Ich liebe Oasis und die Proclaimers, stand aber auch immer auf Musik aus den USA und Kanada. Musik war für mich aber schon immer global und der Einfluss meiner Eltern größer als der einer bestimmten geografischen Umgebung.“ In London hat Walker einen Abschluss in Musik und Songwriting gemacht, obwohl er wenige Jahre davor noch nicht einmal wusste, dass das überhaupt möglich ist.

„Ich bin dann schnell in die Musikindustrie gerutscht, schließlich befinden sich auch alle großen Plattenfirmen in London. Es geht heute aber auch von woanders. Einer meiner Lieblingskünstler ist Sam Fender, der stammt aus Newcastle und ist noch immer dort. Der Nachteil für ihn ist, dass er für all die Businessentscheidungen immer wieder extra in den Süden fahren muss, dafür hat sein Sound eine gewisse territoriale Identität, was nur mehr außerhalb der großen musikalischen Zentren möglich ist.“ Dass den großen Plattenfirmen oft Unrecht getan wird, ist Walker wichtig zu betonen. „Horrorgeschichten hört man immer wieder, aber wenn du mehr als ein paar Tausend Platten verkaufen und eine Handvoll Gigs spielen willst, dann solltest du den Sprung wagen. Im Endeffekt muss jeder selber wissen, wohin er mit seiner Musik will.“

Drinks mit der Oma
Auch wenn es dem bescheidenen 26-Jährigen nie direkt rausrutschen würde - er ist definitiv gekommen, um zu erobern. Obwohl sein Debütalbum „What A Time To Be Alive“ vorerst auf März 2019 verschoben wurde, wird er all die Songs auf seiner kommenden Tour live präsentieren. Walker singt über seine Erfahrungen auf Tourneen, seine Reisen, das Leben mit seinen Freunden und manchmal auch über seine geliebte 82-jährige Oma. „Einmal habe ich mich mit ihr getroffen und wir haben dann vier Stunden lang bei ausgeschaltetem Fernseher und ohne Musik im Hintergrund über alle Themen des Lebens gequatscht. Am Ende waren wir ziemlich betrunken. Aber genau diese Erfahrungen und Erlebnisse bewegen mich dazu, mein Leben in meinen Songs zu reflektieren.“

„What A Time To Be Alive“ erklingt in erster Linie positiv und lebensbejahend, hat aber auch eine nachdenklichere Seite aufzuweisen. „Der Titel ist zweischneidig zu betrachten. Das Album dreht sich um das Zwischenspiel zwischen der fortschreitenden Evolution und unserem ständigen auf-der-Stelle-treten. Für mich ist es total faszinierend, zu welchen Leistungen und Erfindungen wir Menschen fähig sind, obwohl wir trotzdem immer wieder in unsere alten Mechanismen verfallen und fast zwanghaft darum kämpfen, die Welt nicht weiterbringen zu wollen.“ Politisch werden will Walker trotz all der Evolutionsgedankenspiele nicht. „Mit ,Dominos‘ gibt es einen Song, der in diese Richtung geht, aber ich will den Leuten nichts vorpredigen. Das ist nicht mein Ding.“

Gesellschaftlicher Wandel
Walker sorgt sich lieber darum, wie international die Welt mittlerweile geworden ist und wie Social-Media-Plattformen das Weltgeschehen mitunter richtungsweisend führen. „Heute kannst du mit ein paar Mausklicks ergründen, was in der ganzen Welt passiert. Vor 20 Jahren hatte ich als Kind noch das Gefühl, dass jedem nur wichtig war, was in der direkten Nachbarschaft passiert. Heute springst du in Sekunden zwischen drei Kontinenten umher.“ Dem Musiker ist aber vor allem die Celebrity-Kultur und das „Instagram-Zurschaustellen“ ein Dorn im Auge. „Es ist eine Schande, dass die Jugend von diesem Imagedruck befallen ist. Wenn du meine Musik magst, ist es doch egal, wie ich aussehe. Ich sehe auf Festivals oft Mädchen, die 25 Minuten lang auf derselben Position stehen und ihren Partner dazu drangsalieren, das beste Foto zu machen. Dieses Ich-Denken verändert die ganze Gesellschaft, aber wen interessiert das am Ende? Wir leben in seltsamen Zeiten, aber es ist andererseits auch normal, dass sich die Dinge verändern und entwickeln.“

In der Verantwortung sieht er sich selbst nicht, vielmehr beobachtet er die Geschehnisse des Alltags und kommentiert sie mit ausdrucksstarker Stimme und Gitarre. „Der Song ,Blessings‘ dreht sich darum, dass man die kleinen Dinge des Lebens schätzen sollte. Häng mit deinen Freunden ab und hab Spaß, dreh daheim deine Lieblingsmusik auf und lass deinen Emotionen freien Lauf. Ich hatte selbst die lustigsten Nächte, als ich überhaupt kein Geld hatte, aber mit den besten Freunden durch die Gegend gelaufen bin. Es ist schön, wenn du ein tolles Haus und ein wunderschönes Auto besitzt, aber Menschen um dich zu haben, die dich lieben und die du liebst, das ist unbezahlbar. Man muss nicht immer nach den Sternen greifen.“

Live in Wien
Auch wenn wir auf das Album noch warten müssen - am 19. November kommt Tom Walker mit Maisie Peters in die Wiener Ottakringer Brauerei. Ein Abend, den man sich nicht entgehen lassen sollte. Weitere Infos und Karten erhalten Sie unter www.oeticket.com.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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