So, 21. Oktober 2018

Live im Konzerthaus

26.07.2018 09:13

Joan Baez ließ der Nostalgie keinen Platz

Sie wollten sie nicht gehen lassen. Vier Zugaben und fünf Standing Ovations brauchte es, bis Joan Baez die Bühne des Wiener Konzerthauses verlassen konnte. Denn für viele im Publikum war es am Mittwoch wohl das letzte Mal, dass sie die Folklegende live erleben konnten, hatte Baez doch angekündigt, ihre aktuelle „Fare Thee Well“-Tour sei die letzte. Für Abschiedsschmerz blieb dann aber keine Zeit.

Baez gilt als das Gesicht und Gewissen der Folkgeneration der 1960er und verlieh der Friedensbewegung seither ihre helle Stimme. Ins Wiener Konzerthaus kam nicht nur jene Generation, die die Sängerin seit ihrer Zeit mit Bob Dylan kennt, es versammelten sich Jung und Alt, als die 77-jährige abwechselnd Klassiker wie „Farewell Angelina“, „Diamonds And Rust“ und „Donna, Donna“ sowie aktuelle Nummern von ihrem 2018 erschienenen Album „Whistle Down The Wind“ zum Besten gab. Manche Lieder stehen auch direkt miteinander in Verbindung, scherzte Baez. So sei der Song „Silver Blade“ die feministische Antwort auf ihr Lied „Dagger“, das „vor Millionen Jahren“ auf ihrem ersten Album erklang.

Politische Aktivität
Trotz der Anspielungen auf ihr Alter und ihre bereits fast 60 Jahre andauernde Musikkarriere war es kein Nostalgie-Konzert. Eine Joan Baez bleibt nicht stehen und verliert sich in alten Themen. Ihr wichtigstes Anliegen sind und waren stets die Botschaften, die sie transportiert. Mit wenigen Worten beschreibt die bekennende Pazifistin dem Publikum im ausverkauften Großen Saal des Konzerthauses den jeweiligen Inhalt der folgenden Lieder. Diese wirken aktueller den je. Mit Woody Guthries „Deportee“ singt Baez über mexikanische Immigranten, die 1948 in einem Flugzeugabsturz starben und schlägt die Brücke zur aktuellen Situation an der amerikanisch-mexikanischen Grenze. Auch die anhaltende Gewalt durch Schusswaffen kommentiert sie mit Bob Dylans „The Times Ahey Are A-Changin‘“, und kann sich mit Zoe Mulfords „The President Sang Amazing Grace“ einen Seitenhieb auf den US-Präsidenten Donald Trump nicht verkneifen. Das Lied ist eine Hommage an dessen Vorgänger Barack Obama, der anstelle einer Trauerrede für die Opfer einer Schießerei in einer Kirche „Amazing Grace“ sang.

Die langjährige Wegbegleiterin von Bob Dylan zeigte auch an diesem Abend, dass sich Fußwippen und gehaltvolle Texte, bei denen das Publikum gespannt lauscht, nicht ausschließen. Für die deutschsprachigen Zuhörer gibt sie das Abendlied „Der Mond ist aufgegangen“ und die Anti-Kriegs Hymne „Wo sind die Blumen“ (auch wenn es mit ihrem amerikanischen Akzent eher wie ‘Blümen‘ klang) wieder. Ihre bezeichnende, glasklare Stimme, die etliche Protestmärsche begleitete, ist tiefer, aber nicht rauchig. Und auch wenn Baez die hohen Töne immer noch trifft, wirkte sie entspannter, wenn sich die Lieder in tiefere Passagen begaben.

Verstärkung
Insgesamt 13 Mal tauschte Baez in eineinhalb Stunden ihre Gitarre. Die Lichtkegel der Scheinwerfer kreuzten sich über ihrer filigranen Silhouette, als stünde sie in einem leuchtenden Victory-Zeichen. Eine stimmungsvolle, dezente Lichtshow begleitete durch den Abend, an dem die Folksängerin abwechselnd mit ihrem Sohn Gabriel Harris am Schlagzeug und Dirk Powell an der Gitarre oder am Banjo auf der Bühne stand. Vokale Unterstützung erhielt die Amerikanerin von der jungen Sängerin Grace Stumberg, die seit 2012 für Baez Background singt und zeigt, dass sich Baez‘s Stimme auch nach knapp acht Jahrzehnten nicht vor dem Vergleich mit einer jungen scheuen muss.

Am Ende strömten die Zuschauer nach vorne an die kleine Bühne und man war an die Bilder von Woodstock erinnert: Eine Frau mit einer Gitarre reicht aus, um die Massen zu bewegen - auch wenn die langen, verstrubbelten schwarzen Haare einem silbern glänzenden Kurzhaarschnitt gewichen sind. Mit den Zeilen von „Laugh and laugh the whole day through. And half the summer‘s night“ („Donna, Donna“) verabschiedete sich Joan Baez von dem Publikum, so dass es trotz Abschiedsschmerz nicht anders als lächelnd und begeistert aus dem Wiener Konzerthaus in die warme Sommernacht treten konnte.

APA/Nadine Zeiler

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