Vier Individualisten mit ungesundem Lebenswandel fanden sich im Spätherbst 2014 zusammen, um Synthie-verzerrten Post-Punk zu kreieren. Warum die Band für sie eine Therapie ist, wieso sich das neue Album "Albeit Living" offen um die Missstände der weltpolitischen Lage dreht und wie sie die fad gewordene Rockmusik retten wollen, das erzählte uns das Quartett im Interview.
Geschwindigkeit war anfangs oberstes Gebot. Gerade einmal zwei Konzerte spielten die Kalifornier von Sextile 2015, bevor sie mit „A Thousand Hands“ ihr Debütalbum aufgenommen haben. Bei den ersten Gigs an der amerikanischen Westküste war noch nicht einmal genug Songmaterial vorhanden, um überhaupt ein vernünftiges Set spielen zu können. „Uns war das einfach scheißegal“, erinnert sich Drummerin Melissa Scaduto im Gespräch mit der „Krone“ zurück, „wir haben einfach drauflosgespielt und nicht lange darüber nachgedacht.“ Keyboarder Eddie Wuebben ergänzt: „Wir waren im heißen Frühling auf Westküstentour in einem klapprigen Van ohne Klimaanlage. Diese Erfahrungen waren aber immens wichtig, denn nur so konnten Sextile entstehen.“
Primitiv und unkontrolliert
Besagte Sextile sind hierzulande noch ein unbeschriebenes Blatt und haben im Jänner/Februar 2018 gerade ihre allererste Europa-Tour hinter sich gebracht. In Wien konzertierte das anarchische Quartett im Gürtellokal Rhiz vor ein paar Handvoll interessierter Musikverrückter, die über Bandcamp, YouTube oder klassischer Mundpropaganda auf die Band gestoßen sind. Pure Primitivität und aggressive Unkontrolliertheit sind das Fundament des Freundesgespanns, das sich am Debüt im düsteren Post-Punk mit Gothic-Zitaten und Grunge-Querverweisen wiederfand und beim im Sommer 2017 veröffentlichten Nachfolger „Albeit Living“ die Liebe zu discoeseken, aber immer noch immens düsteren Synthie-Sounds entdeckte. Diese Entwicklung fußt nicht nur auf einen neugekauften Synthesizer, in den sich die Band kollektiv verliebte, sondern auch auf der Tatsache, dass man sich mittlerweile tatsächlich als Band gefunden hat.
„Viele Songs vom Debütalbum hatten live einfach nicht die Power, die wir uns erhofft und erwünscht hatten“, resümiert Sänger Brady Keehn die Stilveränderung, „wir wollten unseren Sound zugänglicher machen und wuchtiger klingen. Das ist auch der Grund, warum wir vom Debüt maximal einen Song live spielen – wenn überhaupt. Mir fällt es sogar immens schwer, wie damals zu singen.“ An ehrlicher Unangepasstheit haben Sextile trotzdem nichts verloren, dafür haben die einzelnen Bandmitglieder über die Jahre hinweg zu viel mitgemacht. Keehn und Scaduto kommen eigentlich aus New York, haben sich dann in Los Angeles gefunden und sind im privaten Leben seit sechs Jahren innig verbunden. Das zarte Band, das ihre Liebe zueinander und zur Musik trägt, ist endlich clean zu sein und den Drogen entsagt zu haben.
Dämonen der Vergangenheit
„Die Band hat mir geholfen, mein Leben in den Griff zu kriegen und Halt zu finden“, erklärt Scaduto, „allein schon, dass ich bei den Proben und vor Konzerten auftauche und mit Freude an die Sache herangehe, ist Beweis genug. Das war früher nicht so, da war mir alles egal.“ Eddie Wuebben trafen die beiden anderen in Los Angeles, auch er hatte gegen ähnliche Dämonen anzukämpfen. „Wir alle kommen aus einem schweren Ort der Zerstörung, jeder für sich. Wir hatten Drogenprobleme und konnten erst aus diesen Zirkeln ausbrechen, als wir zusammenfanden und gemeinsam Musik kreierten. In gewissen Phasen unseres Lebens hatten wir keine Hoffnung mehr – die Band hat uns aber gerettet. Es fühlt sich gut an, offen und ehrlich darüber zu reden, weil es ein Teil des Genesungsprozesses ist. Allein schon immer noch hier zu sein und mit dir über unsere Musik und unser Leben reden zu können, ist ein schönes Gefühl.“
Gewiss liegt es an den tristen Erfahrungen, dass Sextile distanzierte Kühle kommunizieren und mit ihren Songs ein gewisses Unwohlsein hervorrufen. Für Happy-Pepi-Partykracher sind aus dem Sonnenstaat Kalifornien andere zuständig – überhaupt fühlt die Band ihre Heimat zu oft missverstanden. „In L.A. gibt es viele Obdachlose und psychisch Kranke, die einfach auf die Straße geschickt werden, weil man nicht weiß, wie man sie richtig behandelt. Die Stadt besteht nicht nur aus Sonnenschein, Hollywood und Sandalen in Venice Beach.“ Das merkt man nicht nur der kühlen, immer wieder an Joy Division gemahnenden Ästhetik des Sounds an, sondern auch den dystopisch-negativen Texten, die sich mit größeren und kleineren Problemen der Gesellschaft befassen. So werden bei Sextile gleichermaßen politische Umbrüche verurteilt, wie die Macht der Massenmedien kritisiert. Ganz im Sinne von: Feiert mit uns ruhig eine Party, aber glaubt nicht, das danach alles toll ist.
Musikalische Protestkultur
Wenn es um den global-politischen Gesinnungswandel geht, schärfen sich Zähne und Verstand beim sonst so cool wirkenden Quartett. „Die Scheiße ist ja weltweit dieselbe“, analysiert Wuebben, „jede verdammte Regierung macht mit dem Steuergeld ihrer Bürger was immer sie will. Kein Einwohner eines Landes, in dem er selbst Hunger leiden würde, würde Petitionen dafür unterzeichnen, das von seiner Heimat aus andere Länder bombardiert werden.“ Bassist Cameron Michel legt nach: „Musik zu machen ist eine Art, die Protestkultur nach außen zu tragen. Jeder vernünftige Mensch hat doch die Schnauze voll von dem ganzen Scheiß. Deshalb ist es umso wichtiger, dass man sich auflehnt und aktiv dagegen ankämpft.“
Dass Sextile mit einem revolutionären Grundgedanken durch die Welt schreiten, streitet die Band aber ab. „Das ist schon eine starke Einschätzung. Ich glaube vielmehr, dass wir auf Dinge hinweisen, die bereits existieren und die ganz und gar nicht gut laufen. Wir machen eben keine zuckerglasierte Popmusik, bei dir du dir in den ersten Reihen Karies einfängst, sondern bilden die Realität so ab, wie sie ist – ohne etwas auszulassen.“ Sextile mögen keine Revolutionäre sein, sehr wohl wollen sie dem ausgelutschten Unterhaltungsmusikbereich wieder Botschaft und Gefährlichkeit zurückbringen, die etwa in den 60er- und 70er-Jahren, den Dekaden der Protestsongkultur, gang und gäbe war.
Paradigmenwechsel
„Rockmusik ist heute viel zu sicher, nichts daran ist noch gefährlich. Alle spielen Chill Wave und es geht nur darum, sich gut zu fühlen – doch genau das ist das Problem. Man muss als Band Gefahr und Aggressivität verbreiten. Vor allem die großen Bands sind alle wie verstummt. Keiner artikuliert sich politisch oder gibt klare Statements zum Weltgeschehen ab. Wenn du einmal ein paar große Hits hattest, dann spielst du sie halt einfach immer wieder, um von ihnen leben zu können. Nur auf Sicherheit bedacht zu sein, ist aber garantiert nicht der Sinn von Rockmusik.“ Sextile wären nur allzu gerne ein essenzieller Bestandteil eines neuen Paradigmenwechsels. Der letzte ist doch schon einige Jahre her.
„Das war Anfang der 90er-Jahre mit Nirvana. Sie bewiesen eindrucksvoll, dass man mit andersartiger, verschrobener Musik den Geschmack des Mainstreampublikums treffen kann. Mit ihnen wurden Bands wie die Stone Roses, die Happy Mondays oder die Pixies überhaupt erst salonfähig. So traurig es auch ist, aber danach passierte im Rock absolut nichts mehr Interessantes, es gab nur noch Müll.“ Ob Sextile mit ihrer Synthie-basierten, aber extrem sperrigen Post-Punk-Schiene jemals breitentauglich werden, wird auch den Zeichen der Zeit geschuldet sein. Ihre zukünftige Orientierung haben sie aber klar umrissen: „Wenn groß und bekannt werden bedeutet, berühmt und anders zu sein, sich die Regeln vom Markt diktieren zu lassen, dann ist das nicht von Interesse.“ Mögen Minimalismus und Unabhängigkeitsstreben auch weiterhin ihre Wegbegleiter sein – der Rock kann es heute brauchen.
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