Sa, 23. Juni 2018

Mogelpackung

06.05.2009 14:20

Germany's Next Topmodel - das offizielle Spiel

"Sebastian, für dich habe ich heute leider kein Foto!" Ein Urteil, das mir die Tränen ins Gesicht schießen lässt. Vielleicht liegt es ja daran, dass ich lieber Schnitzel als in Orangensaft getränkte Wattebäuschchen esse, weshalb meine Maße auch jenseits der 90-60-90 liegen; oder daran, dass meine Canvas Peeptoes und der blaue Meshlayerrock nicht mit dem Armband harmonierten. Doch für derlei Überlegungen ist es jetzt ohnehin zu spät. Alltag im virtuellen Beauty-Boot-Camp von "Germany's Next Topmodel".

Doch Spaß beiseite. Das "offizielle Spiel zur Staffel 2009" des medialen Model-Wettbewerbs ist schließlich weder lustig, noch verdient es den Titel "Spiel". Da kann Ex-Teilnehmerin Janina auch noch so lange vom Cover grinsen und ihre Empfehlung abgeben.

Aber der Reihe nach: Als eines von elf Mädchen, die in Aussehen und angeblich auch Charakter variieren sollen, ziehen wir zu Beginn des "Spiels" in das ach so schicke Model-Loft, wo uns eine dunkelhaarige Pixel-Schönheit, die so gar keine Ähnlichkeit mit Heidi hat, in die Geheimnisse des Laufsteg-Lebens einweiht und erklärt, wie wir nach und nach Styling, Selbstbewusstsein und Beliebtheit verbessern.

Am besten tun wir das in dieser von Oberflächlichkeiten geprägten Welt natürlich durch unser Äußeres, weshalb es erst zum Stylisten, dann in den Dressroom und schließlich noch ins Make-up-Studio geht – ohne Boris Entrup allerdings. Sind Frisur, Augenfarbe und Wimpern den indivuellen Vorlieben angepasst und auch entsprechend mit Mascara und anderen Kosmetika verunstaltet sowie vom Schuh bis zur Kopfbedeckung alles aufeinander abgestimmt, kann es endlich losgehen.

Was der ahnungslose Spieler zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht weiß: Drei Fünftel des "Spiels" hat man jetzt bereits gesehen. Was in anderen Games als Charakteditor gilt, wird bei "Germany's Next Topmodel" zum dominierenden Spielprinzip erklärt. Denn natürlich muss man sich als Model ja in sogenannten "Challenges" beweisen und sein Outfit etwa passend zu einer bestimmten Epoche wählen oder sich nach einer Foto-Vorlage schminken.

Epochen gibt es allerdings nur eine Handvoll, und die Foto-Vorlage ist so klein, dass man ohnehin nicht erkennen kann, wie man sich zu schminken hat. Hinzu kommt, dass man im Gegensatz zum Vorgänger für den PC, damals noch von Bruce Darnell empfohlen, gar nicht mehr selbst Hand anlegen darf, sondern lediglich eine Farbauswahl trifft. Das Auftragen von Rouge und Co erledigt die Konsole.

Von den fünf auf der Hülle angepriesenen Minispielen erweisen sich demnach drei als schlechter Scherz. Die noch verbleibenden zwei sind nur unwesentlich spannender: Beim Laufstegtraining auf dem Catwalk wollen Wii-Mote und Nunchuck gemäß den senkrecht durchs Bild scrollenden Vorlagen geneigt und gedreht werden, um auf den Hacken mit den Mörderabsätzen nicht die Balance zu verlieren. Dasselbe im Foto-Studio, nur, dass es diesmal die Pose zu halten und anschließend auf simplen Knopfdruck ein Bild zu knipsen gilt. Die einzige Abwechslung besteht darin, dass das Foto-Shooting gelegentlich vor einer anderen Kulisse, etwa in Rio, stattfindet.

Da sich der virtuelle Wettbewerb über stolze fünf Monate erstreckt, darf bzw. muss jedes dieser absolut humorfreien Minispiele gleich mehrfach absolviert werden. Fünf Monate, in denen wir allerdings - verspricht der Verpackungstext - den "exklusiven Lifestyle" eines Models genießen dürfen: "Wohne im Model-Loft, bearbeite deine E-Mails und recherchiere im Internet", heißt es da.

"Wohnen" lässt es sich in der Wohnung allerdings mehr schlecht als recht, denn zum einen ist im Kühlschrank nichts drin außer Mineralwasser, zum anderen dienen sämtliche Möbelstücke lediglich der Optik. Interagieren kann man nur mit den vereinzelt auf dem Flur herumstehenden Konkurrentinnen, die einem während des fünfmonatigen Aufenthalts stets dieselben Sätze um die Ohren hauen. Aber pro Model immer nur einen Satz, weshalb man nicht wirklich von einem Gespräch reden kann.

Vom "Bearbeiten" der E-Mails kann ebenfalls keine Rede sein - korrekterweise müsste es "Lese unfreiwllig komische und völlig belanglose Post deiner Familie" heißen: "Haben gestern alle in großer Runde die Sendung im Fernsehen gesehen. Oma und Opa sind extra einen Tag früher aus der Kur gekommen. Wir sind ja alle so stolz auf dich. Alles Gute aus Bottrop Wanne-Eickel", steht beispielsweise in einer Mail der Eltern. Bruder Erich erklärt hingegen, was mit alljenen Kandidatinnen geschieht, an die sich der Zuschauer schon jetzt nicht mehr erinnern kann: "Wenn sie dich raushauen, kannst du Supermärkte eröffnen."

Hat man sich von diesem versteckten Kalauer erholt, geht es zu guter Letzt an die "Recherche" im Internet, bei der wir mehr oder weniger wissenswertes über Modestile wie Neo Punk in Erfahrung bringen dürfen, um im Anschluss daran an einem ganze vier (!) Fragen umfassenden Test teilzunehmen. Offenbar wollte man es den jüngsten Spielern einfach machen. Unterfordern muss man sie deswegen aber noch lange nicht.

Fazit: Dass man mit einer Marke wie "Germany's Next Topmodel" Geld zu scheffeln versucht, ist nachvollziehbar. Dass man es auf so dreiste Art und Weise versucht, hingegen nicht. "Casual Gaming" schön und gut, aber deswegen gleich so anspruchslos? Jeder "Sims"-Charaktereditor bietet mehr Spaß als dieses "Spiel", für das sich angesichts des lausigen Spielumfangs und der miesen Inszenierung offenbar nicht einmal Heidi Klum hergeben wollte. Eine Mogelpackung sondergleichen und daher auch definitiv nicht seine 30 bis 40 Euro wert. Den einen Wertungspunkt gibt es – Bruder Erich und einigen Model-Sagern sei Dank – lediglich für den unfreiwillig komischen Humor.

Plattform: Wii (getestet), DS, PS2, PC
Publisher: SevenOne Intermedia
krone.at-Wertung: 1/10

von Sebastian Räuchle

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